«Ivan, Freund, das Volk ist mit dir»

In Guatemala werden am Sonntag der Präsident und das Parlament neu gewählt. Das Land erlebt zurzeit so etwas wie einen politischen Frühling. Es verdankt ihn dem mutigen Ermittler Ivan Velasquez.

Sandra Weiss
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GUATEMALA-STADT. Ivan Velasquez ist ein ruhiger, misstrauischer Mensch. Er spricht langsam, bedächtig. Sein Haar ist gelichtet, der graue Bart lässt ihn älter wirken, und in jüngster Zeit sind seine Augen hinter der Brille müde. Kaum zu glauben, dass er der meistgefürchtete Mann in Guatemala ist: «Ivan den Schrecklichen» nennt ihn die politische Elite, deren mafiose Netzwerke er seit Mai ans Tageslicht bringt. Doch Velasquez hat eine herausragende Eigenschaft: Er gilt als unbestechlich. Dass die Menschen seit Monaten zu Zehntausenden auf die Strasse gehen, dass die Vizepräsidentin zurücktreten musste und der Staatschef um sein Amt bangt, all das ist noch nie dagewesen in dem mittelamerikanischen Land und vor allem ihm zu verdanken: dem 60jährigen Chef der UNO-Kommission gegen Straffreiheit in Guatemala (Cicig).

Harziger Start in Guatemala

Velasquez' Arbeit ist brisant, zumal am Sonntag Präsidenten- und Parlamentswahlen stattfinden. Staatschef Otto Perez kann zwar nicht mehr antreten, doch würde er noch bis zur Amtsübergabe im Januar im Amt bleiben. Ein grosser Teil der Bevölkerung will aber seinen sofortigen Rücktritt. Ihm wird auch von der Staatsanwaltschaft Korruption vorgeworfen, ein Parlamentsausschuss verlangt die Aufhebung seiner Immunität.

Als Velasquez 2013 sein Amt antrat, machte er daraus kein grosses Aufhebens. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern pflegt der Kolumbianer Diskretion. Er knüpfte zwar an deren Arbeit an, ermittelte gegen korrupte Polizeichefs, Richter und Drogenbosse, förderte mutige Richter und Staatsanwälte wie Claudia Paz und Jazmin Barrios, die den aufsehenerregenden Völkermordprozess gegen Ex-Diktator Efrain Rios Montt leitete, aber die ganz grossen Enthüllungen blieb die Cicig schuldig.

Eine enttäuschte Gesellschaft schien ihr ebenso den Rücken zu kehren wie dem gesamten Polit-Establishment, das als durch und durch verrottet galt. Anfang Jahr stand sogar die Verlängerung des Mandats der Cicig auf der Kippe. Die Regierung hatte kein Interesse mehr an weiteren, unangenehmen Enthüllungen, und Präsident Perez suchte nach Vorwänden, um das Mandat zu auslaufen zu lassen. Ohne den Druck der US-Botschaft hätte er damit wohl auch Erfolg gehabt.

Heute viel Unterstützung

Heute sieht es anders aus. Die Demonstranten tragen Plakate, auf denen steht: «Ich liebe die Cicig», oder rufen: «Ivan, Freund, das Volk ist mit dir!» Velasquez dankt per Twitter artig für die Unterstützung – aber bei so viel Aufmerksamkeit ist ihm nicht wohl. Denn der Jurist, 1955 im kolumbianischen Bundesstaat Antioquia geboren, hat sich in seiner Heimat schon öfter die Finger verbrannt. 1992 wurde er Staatsanwalt in Antioquia und war einer der ersten, der die Privilegien des inhaftierten Drogenbosses Pablo Escobar anprangerte und der Menschenrechtsverletzungen der Militärs systematisch vor Gericht brachte. Damit machte er sich mächtige Feinde. Der Geheimdienst hörte ihn ab, er erhielt Todesdrohungen, mehrere seiner Ermittler wurden umgebracht. 1999 holte ihn der Generalstaatsanwalt als Ersatzrichter ans Oberste Gericht in die Hauptstadt Bogotá.

Er begann, die Verstrickung zwischen den rechten Todesschwadronen mit Politikern im Umfeld des rechten Präsidenten Alvaro Uribe zu untersuchen. Die Ermittlungen brachten fast ein Drittel aller Kongressabgeordneten vor Gericht und näherten sich immer mehr dem Staatschef. Der begann eine Verleumdungskampagne und versuchte, das Oberste Gericht zu entmachten. Velasquez' Familie wurde ausspioniert, sogar seine Bodyguards berichteten an den Geheimdienst. Als er 2012 strafversetzt werden sollte, trat er zurück. Human Rights Watch bedauerte den Verlust eines «Stützpfeilers der Menschenrechte». Velasquez' Karriere schien beendet. Über seinem Leben schwebte das Damoklesschwert der Rache derjenigen, die er hinter Gitter gebracht hatte. Seine Ernennung zum Chef der Cicig 2013 war eher eine Flucht nach vorn.

«Er hat eine Mission»

In Guatemala traf er ebenfalls auf mafios-politische Netzwerke. In aller Stille sammelte er Beweise. Über 80 000 abgehörte Telefongespräche, mehr als 5000 E-Mails sind in den Akten. Nicht nur die Regierung zittert, auch das gesamte Establishment. Die Cicig sei politisiert, und Velasquez müsse weg, sagte Oppositionsführer Manuel Baldizon, dessen Vertraute ebenfalls in Korruptionsfälle verstrickt sind. Er lasse sich nicht einschüchtern, entgegnete Velasquez. «Er hat eine Mission», sagt ein langjähriger Weggefährte, der kolumbianische Anwalt Jose Albeiro Yepes. «Er ist überzeugt, dass Machtmissbrauch und Korruption die Demokratie unterhöhlen.» Als Velásquez an einem Forum gefeiert wurde, twitterte er kurz darauf den Satz, mit dem der Gastredner, Uruguays Ex-Präsident Jose Mujica, das Forum eröffnete: «Es gibt keine Erlöser auf der Welt, nur kollektive Aufgaben.»