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Italien wieder Fluchtziel

Je weniger die Balkanroute von Flüchtlingen passiert werden kann, desto mehr befürchtet die italienische Regierung, dass diese über die Adria nach Apulien kommen könnten.
Dominik Straub

ROM. Bei klarem Wetter kann man von Apuliens Hafenstädtchen Otranto aus die albanische Küste sehen: Die Adria ist an diesem Punkt nur knapp 50 Seemeilen breit. Wer in Vlore in Albanien ein Boot besteigt, ist in ein bis drei Stunden in Italien – in Otranto oder auch im grösseren Brindisi oder in Bari. Bleibt die griechisch-mazedonische Grenze geschlossen, ist die Möglichkeit real, dass die in Idomeni gestrandeten Flüchtlinge früher oder später versuchen werden, über Albanien an die Adria zu gelangen, um von dort aus nach Apulien überzusetzen. Griechenland teilt mit Albanien eine rund 300 Kilometer lange, nur schwer kontrollierbare gebirgige Grenze.

Bisher noch nicht benutzt

Noch wird diese Ausweichroute nicht benutzt; das bestätigen sowohl das italienische als auch das albanische Innenministerium. Aber «einige hundert» syrische, afghanische und irakische Flüchtlingen hätten in Eigeninitiative bereits versucht, über einen der insgesamt fünf griechisch-albanischen Grenzübergänge zu gelangen, erklärte der albanische Innenminister Saimir Tahiri vor wenigen Tagen. Man habe die Flüchtlinge allesamt nach Griechenland zurückgeschickt; nun würden sie etwa zehn Kilometer von der Grenze entfernt darauf warten, bis kriminelle Schlepperbanden einen Korridor über die Adria öffneten. Albanien kontrolliere seine Grenze, so gut es eben gehe – aber auf einen Ansturm wie in Idomeni sei man «nicht vorbereitet», sagt der albanische Innenminister.

Erste Bootsflüchtlinge

Die Meerenge von Otranto war schon einmal Schauplatz eines Flüchtlingsdramas gewesen – vor genau 25 Jahren. Ab dem März 1991 gelangten hier Zehntausende von Albanern, die vor der kommunistischen Diktatur und der Armut in ihrem Land flohen, über die Adria nach Apulien. Sie waren die ersten Bootsflüchtlinge des Mittelmeers gewesen, und im italienischen Innenministerium spricht man heute noch von einem «humanitären Albtraum». Einige Bilder von damals haben sich ins kollektive italienische Gedächtnis eingegraben – vor allem jenes des schrottreifen Frachters Vlora, welcher am 8. August des Jahres 1991 mit über 20 000 Flüchtlingen an Bord im Hafen von Bari eingelaufen war.

Schlepperbanden stehen bereit

Zwar ist die Situation der 90er-Jahre mit den albanischen Flüchtlingen mit jener von heute nicht vergleichbar. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Irak müssten erst einmal die griechisch-albanische Grenze überwinden, und ausserdem hätten sie in den albanischen Häfen mit Kontrollen zu rechnen. Laut Erkenntnissen der italienischen Geheimdienste bieten aber Schlepperbanden im Internet bereits die ersten Adria-Überfahrten an – zum Preis von 6000 bis 9000 Euro, die Busfahrt von Griechenland nach Albanien inbegriffen. Der Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, Cataldo Motta, weist darauf hin, dass die Meerenge von Otranto auch von Drogen- und Zigarettenschmugglern benutzt werde. Diese Schmugglerbanden, die über moderne und für Radar kaum sichtbare Power-Schlauchboote verfügen, könnten ihr Geschäft auch auf Menschenschmuggel ausweiten.

Die Regierung von Matteo Renzi ist alarmiert – umso mehr, als Italien nicht mehr darauf zählen kann, dass ein beträchtlicher Teil der Flüchtlinge wie bisher einfach unregistriert nach Norden weiterreist. Österreich hat bereits angekündigt, die Grenze am Brenner notfalls zu schliessen; die Proteste Renzis würden daran wenig ändern. Frankreich hat schon vor längerer Zeit klargemacht, dass keine Flüchtlinge mehr aus Italien aufgenommen würden, und auch die Schweiz hat ihre Kontrollen an den Grenzübergängen längst intensiviert. Der Weg nach Norden ist also bereits heute weitgehend verbaut. Falls nun plötzlich eine Adria-Route eröffnet würde, befände sich Italien möglicherweise schnell in einer ähnlichen Lage wie Griechenland.

Späte Einsichten im Norden

Da verwundert es nicht, dass Regierungschef Renzi am EU-Gipfel vehement an den Schengen-Vereinbarungen und damit am freien Personenverkehr innerhalb der EU festhalten wollte. Der Italiener ist in dieser Sache einer der letzten Verbündeten, die der deutschen Kanzlerin Angela Merkel geblieben sind.

Mit einer Mischung aus Belustigung und Bitterkeit nimmt man in Rom ausserdem zur Kenntnis, dass nun auch in Berlin und Wien mit Nachdruck eine «europäische Solidarität» eingefordert wird. Eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge verlangen Italien, Griechenland, Spanien und Malta schon seit vielen Jahren – doch die nördlichen EU-Partner hatten sich immer taub gestellt und auf den Dublin-Vertrag verwiesen. Erst jetzt, da die Flüchtlinge vor der eigenen Türe stehen, wird die EU auch in Deutschland zu einer Wertegemeinschaft, in der alle miteinander solidarisch zu sein hätten.

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