«Italien ist kein Bordell»

Durch die Sexskandale ihres Premiers Silvio Berlusconi fühlen sich viele Italienerinnen in ihrer Würde verletzt. Sie planen eine landesweite Demonstration, um gegen das erniedrigende Frauenbild zu protestieren.

Dominik Straub
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Italienerinnen und Italiener proben für den landesweiten Protest gegen Berlusconi. (Bild: ky/Maurizio Degi'Innocenti)

Italienerinnen und Italiener proben für den landesweiten Protest gegen Berlusconi. (Bild: ky/Maurizio Degi'Innocenti)

Rom. Das Mass ist voll, Italien ist kein Bordell, stand in grossen Lettern auf den Transparenten bei einer Protestkundgebung einiger tausend Frauen vor der Mailänder Scala. Die Demonstration vom Samstag war die Hauptprobe für den landesweiten Protest, zu dem Frauenverbände und zahlreiche weibliche Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur für den 13. Februar aufgerufen haben. Die Organisatorinnen fordern den Rücktritt von Silvio Berlusconi. Ihr Motto lautet kurz und bündig: Se non ora quando – wenn nicht jetzt, wann dann?

Gegen Frauenbild rebellieren

Das Modell der Mann-Frau-Beziehung, das der Träger eines der höchsten Staatsämter vorlebt, beschädigt die Würde der Frau und der Institutionen, heisst es in dem Appell, den mehrere Hochschulprofessorinnen, Künstlerinnen und Politikerinnen unterzeichnet haben und für den im Internet innerhalb von wenigen Tagen schon gegen 100 000 Unterschriften gesammelt wurden. Die auch in der Werbung und im Fernsehen permanent zur Schau gestellte, unanständige Darstellung der Frau als nacktes Objekt, als sexuelle Ware sei nicht mehr tolerierbar.

Dem Appell haben sich Frauen mit sehr unterschiedlichem sozialen und politischen Hintergrund angeschlossen. Das Spektrum reicht von Susanna Camusso, Chefin der grössten Gewerkschaft des Landes, bis hin zur postfaschistischen Staranwältin Giulia Bongiorno, Mitglied von Gianfranco Finis Fraktion FLI. Aber auch gänzlich unprominente Frauen wie die katholische Nonne Eugenia Bonetti haben den Appell unterzeichnet. Letztere erklärte auf Radio Vatikan, dass sie sich angesichts der Sexpartys des Premiers zutiefst erniedrigt fühle und das grosse Bedürfnis verspüre, gegen ein derartiges Frauenbild zu rebellieren.

Alle Vorwürfe abgestritten

Der Druck auf Silvio Berlusconi bleibt enorm – nicht zuletzt seitens der Mailänder Justiz. Laut Medienberichten wird die zuständige Untersuchungsrichterin bereits diese Woche entscheiden, ob sie dem Antrag der Staatsanwälte auf einen Eilprozess gegen Berlusconi zustimmen wird. Gegen Berlusconi wird im Zusammenhang mit der Ruby-Affäre wegen Amtsmissbrauchs und Ausnützung von Prostitution Minderjähriger ermittelt. Er bestreitet alle Vorwürfe und bezichtigt die Mailänder Justiz eines Komplotts.

Seine Rechtfertigungsversuche werden derweil immer fadenscheiniger. So erklärte der Regierungschef dieser Tage, er habe mit seinem Anruf beim Mailänder Polizeipräsidium, bei dem er im Mai 2010 auf die Freilassung seines damals noch minderjährigen Partygirls Ruby drängte, eine diplomatische Krise mit Ägypten verhindern wollen. Er habe eben tatsächlich geglaubt, es handle sich um eine Nichte des ägyptischen Staatschefs Mubarak.

Ebenfalls nur ironische Kommentare ausgelöst hatte sein Bekenntnis, er lebe wieder in einer festen Beziehung und habe es gar nicht nötig, Frauen für Sex zu bezahlen.

Berlusconis Pakt abgelehnt

Ein reichlich durchsichtiges Ablenkungsmanöver stellt auch der Pakt für nationales Wachstum dar, den Berlusconi am Wochenende der Opposition per offenem Brief im «Corriere della Sera» unterbreitete. Als ob der Premier nun urplötzlich eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten nicht nur für sinnvoll, sondern auch noch für realistisch hielte.

Das Verfalldatum für solche Vorschläge sei abgelaufen, erklärte Enrico Letta vom Partito Democratico. Berlusconi solle zurücktreten, anschliessend werde man mit dem Mitte-Rechts-Lager wieder über solche Vorschläge reden.

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