Israel sieht Hauptgegner in der Hisbollah und in Iran

DAMASKUS. Israels Luftwaffe hat am Wochenende in Syrien für die Hisbollah bestimmte Raketen zerstört. Dort betrachtet man die Angriffe als Hilfe für sunnitische Terrorgruppen, die – als neue Nachbarn Israels – auf den Golanhöhen stehen.

Michael Wrase
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DAMASKUS. Israels Luftwaffe hat am Wochenende in Syrien für die Hisbollah bestimmte Raketen zerstört. Dort betrachtet man die Angriffe als Hilfe für sunnitische Terrorgruppen, die – als neue Nachbarn Israels – auf den Golanhöhen stehen.

Israels Geheimdienstminister Yuval Steinitz hat gestern die Angriffe der Luftwaffe auf Ziele bei Damaskus indirekt bestätigt. Im israelischen Radio sagte er, dass «zur entschlossenen Politik Israels» auch gehöre, «den Transfer von hochentwickelten Waffen an Terrororganisationen» zu verhindern. Steinitz bezog sich auf die proiranische Hisbollah. Sie sollte laut Beiruter Medienberichten über Syrien Boden-Luft-Raketen erhalten, die bei ihrem Einsatz zu einer «Verschiebung des strategischen Gleichgewichts» im vorderen Orient führen könnten. Wären die Waffen in Libanon angekommen, hätte Israel seine absolute Lufthoheit über dem Land verloren.

Hilfe für verwundete Kämpfer

Die syrische Regierung hat die Angriffe verurteilt und beim UNO-Sicherheitsrat eine Beschwerde deponiert. Israel habe damit die Souveränität des Landes verletzt und «bewaffneten Terrorgruppen» geholfen. Gemeint war die sunnitische Nusra-Front, der offizielle Al-Qaida-Ableger in Syrien. Die Terrorgruppe kontrolliert seit dem Frühjahr den syrischen Teil der Golanhöhen, wo sie im August 43 UNO-Soldaten von den Fidschi-Inseln als Geiseln nahm. Sie wurden gegen die Zahlung eines Millionen-Lösegeldes, das von Qatar überwiesen wurde, wieder freigelassen.

In einem am Sonntag präsentierten Bericht befasst sich die auf dem Golan stationierte Beobachtungsgruppe der UNO auch mit der Kooperation zwischen Israel und der «syrischen Opposition», die dort von der Nusra-Front kontrolliert wird. Hervorgehoben werden «regelmässige Kontakte zwischen israelischen Offizieren und syrischen Rebellen» sowie der «Transfer von verwundeten bewaffneten Kämpfern» nach Israel. Mindestens 1000 Syrer wurden nach Aufzeichnungen des israelischen Gesundheitsministeriums in Galiläa behandelt.

Als israelische Journalisten den Armeesprecher fragten, ob unter den gepflegten Kämpfern auch Nusra- und IS-Kämpfer gewesen seien, antwortete er ausweichend. Israel sei in lebensrettende Aktionen für verwundete Syrer involviert und nehme dabei keine Rücksicht auf ihre Identität. Israelische Drusen, die auf dem Golan leben, erklärten, dass unter ihnen auch Al-Qaida-Terroristen gewesen seien. Sie hätten nach der Behandlung zu ihren Einheiten in Syrien zurückkehren können, was auch UNO-Beobachter bestätigten.

Hauptgegner ist die Hisbollah

Von israelischen Internetportalen wie «i24» und «yetnet» zitierte politische Analysten sehen die «taktische Zusammenarbeit» Israels mit der sunnitischen Al Qaida gegen die schiitische Hisbollah gerichtet. Die fallweise Kooperation sei auch deswegen möglich, weil von Al Qaida, die wie der Islamische Staat langfristig die «Befreiung» von Jerusalem anstrebe, derzeit keine Gefahr ausgehe. Auch israelische Regierungsmitglieder betrachten Nusra und Al Qaida im Moment als das kleinere Übel. Die grösste Bedrohung gehe von der Hisbollah und von Iran aus.

Unterschiedliche Bewertung

Damit unterscheidet sich Israel in der Bewertung nahöstlicher Gefahrenherde von den USA, die sunnitische Terrorgruppen in Syrien – IS und Al Nusra – täglich bombardieren und mit Iran eine Kooperation gegen den sunnitischen Terror anstreben. Der amerikanische Aussenminister John Kerry bewertete das Eingreifen der iranischen Luftwaffe in Irak denn auch als positiv. Die israelischen Angriffe bei Damaskus vom Wochenende wurden in Washington dagegen nicht kommentiert.