ISRAEL: Anschlag fordert zwei Todesopfer am Tempelberg

Bei einem Anschlag in Jerusalem sind zwei Polizisten erschossen worden. Die israelische Regierung hat deshalb den Zugang zum Tempelberg gesperrt, was zu neuen Spannungen führen könnte.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Drei israelisch-arabische Attentäter näherten sich gestern frühmorgens mit Schusswaffen dem Plateau vor dem Felsendom und eröffneten das Feuer auf Sicherheitskräfte. Dabei wurden zwei israelische Polizisten erschossen und ein dritter leicht verletzt. Sicherheitskräfte erschossen die Attentäter und sperrten anschliessend die Zugänge zum Tempelberg ab. «Zentrales Ziel ist, die Lage zu beruhigen», erklärte Gilad Erdan, Israels Minister für innere Sicherheit und strategische Angelegenheiten, vor Journalisten am Tatort.

Die drei 19- bis 29-jährigen Attentäter kommen aus der israelisch-arabischen Stadt Umm el-Fahm und gehörten offenbar derselben Familie an. Bei den beiden tödlich verletzten Grenzpolizisten handelt es sich um Drusen, Anhänger einer Religionsgemeinschaft, die ihre Wurzeln im Islam hat. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte das Attentat in einem Telefonat mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Zugleich forderte er, die Schliessung des Tempelbergs zurückzunehmen, berichteten israelische Medien.

Grossmufti von Jerusalem festgenommen

Agenturberichten zufolge nahm die Polizei den Grossmufti von Jerusalem, Scheich Mohammed Hussein, der mit Anhängern gegen die Sperrung des Tempelbergs protestiert, vorübergehend fest. Um weitere Eskalationen zu verhindern, fanden offenbar Beratungen zwischen Israel und Jordanien statt. Das jordanische Religionsministerium hat die Oberaufsicht über sämtliche muslimischen und christlichen Pilgerstätten in Israel und den besetzten Gebieten.

Der Anschlag fällt in dreierlei Hinsicht aus dem üblichen Muster von Attentaten heraus, da es sich bei den Tätern um israelische Staatsbürger handelte, die zu dritt vorgegangen sind und mit Schusswaffen ausgerüstet waren. In der Regel handelt es sich bei den Attentätern um Palästinenser, die als sogenannte einsame Wölfe agieren und meist nicht anders als mit einem Messer oder ihrem Auto bewaffnet sind.

Der Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt ist Juden wie Muslimen heilig. Der Streit um die Besuchsrechte auf dem Tempelberg hatte im Herbst vor drei Jahren eine Serie von Anschlägen ausgelöst. Der seit dem Sechstagekrieg 1967 geltende Status quo räumt Juden und Muslimen Besuchsrechte ein, wobei nur Muslime auf dem Gelände auch beten dürfen. Viele Palästinenser verdächtigen Israel, es wolle diese Regelung aufheben. Israels Regierung betonte wiederholt, am Status quo nichts verändern zu wollen, während Aktivisten der rechtsradikalen jüdischen Tempelberg-Initiative den Bau eines dritten jüdischen Tempels auf dem Areal propagieren.

Schliessung könnte zu neuen Spannungen führen

Laut der Tageszeitung «Haaretz» besteht die Befürchtung, dass die Schliessung des Tempelbergs, die «unüblich» sei, «zu neuer Anspannung führen kann». Sie unterband die für Muslime besonders wichtigen Freitagsgebete im Felsendom und in der Al-Aksa-Moschee. Gläubige hielten deshalb ihr Gebet vor dem gesperrten Gelände auf der Strasse ab. Einer Mitteilung aus dem Büro von Regierungschef Benjamin Netanjahu zufolge sei die Sperre beschlossen worden, «um sicherzustellen, dass keine weiteren Waffen auf dem Tempelberg» versteckt sind. Der Anschlag werde «keine politischen Folgen haben», betonte Minister Erdan. Nötig sei jedoch eine Überprüfung der Sicherheitsmassnahmen auf dem Tempelberg. Mit dem Anschlag sei «eine rote Linie überschritten» worden. Jetzt gelte es, «sicherzustellen, dass so etwas nicht mehr passiert».

Ein Sprecher der Hamas im Gazastreifen bezeichnete den Anschlag als «natürliche Reaktion auf den israelischen Terror und die Schändung der Al-Aksa-Moschee». Es bekannte sich aber niemand zum Anschlag.

Susanne Knaul, Jerusalem