Islamisten vor Erdrutschsieg

In Ägypten zeichnet sich nach der ersten Wahlrunde ein grosser Sieg der Islamisten über die liberalen Kräfte ab. Die Bekanntgabe der offiziellen Ergebnisse wurde aber überraschend vertagt.

Markus Symank
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Wahlplakate in Kairo. In der Hauptstadt Ägyptens ist der Urnengang seit Dienstag vorbei – doch die offiziellen Wahlresultate stehen noch aus. (Bild: ap/Bernat Armangue)

Wahlplakate in Kairo. In der Hauptstadt Ägyptens ist der Urnengang seit Dienstag vorbei – doch die offiziellen Wahlresultate stehen noch aus. (Bild: ap/Bernat Armangue)

KAIRO. Port Said hat stets als weltoffene Metropole gegolten. Der Suezkanal, die wichtigste Schifffahrtsverbindung zwischen Morgen- und Abendland, mündet hier ins Mittelmeer. Zuletzt hat vor allem ein Mann als liberales Gesicht der Stadt gegolten: George Ishak, Gründer der Protestbewegung Kifaya (genug). Sie hatte mit Streiks und Demonstrationen viel zum Sturz Hosni Mubaraks beigetragen. Ishak war deshalb der Hoffnungsträger der liberalen Parteien gewesen – ging in den Wahlen aber leer aus.

Stattdessen eroberten die Islamisten in Port Said fünf der sechs Parlamentssitze des etwa 600 000 Einwohner grossen Wahlbezirks. Am kommenden Montag könnten die religiösen Parteien ihren Triumph vollkommen machen, sollte der Kandidat der salafistischen Partei Al-Nur in der Stichwahl gegen einen sozialistischen Herausforderer um den sechsten Sitz gewinnen.

Salafisten mit grossem Zuspruch

Nicht in allen Regionen, in denen in der ersten von insgesamt drei Etappen der ägyptischen Parlamentswahlen abgestimmt wurde, liegen die Islamisten derart unangefochten vorne wie in Port Said. Doch das Muster ist landesweit dasselbe: An der Spitze rangiert die aus der Moslembruderschaft hervorgegangene «Partei für Freiheit und Gerechtigkeit» mit über 40 Prozent, als zweitstärkste Kraft folgen die konservativ-islamistischen Parteien der Salafisten. Von den liberalen Parteien kommt keine auf einen zweistelligen Wert.

Dass die «Partei für Freiheit und Gerechtigkeit» gut abschneiden würde, war vorhergesagt worden. Ihre Wahlkampf-Maschinerie funktioniert bestens, ihre Kandidaten vermitteln eine klare Botschaft und können finanziell aus dem Vollen schöpfen. Überraschend ist aber der Zuspruch für die Parteien der Salafisten, die sich an der rückwärts gewandten Theologie Saudi-Arabiens orientieren. Bestenfalls zehn Prozent der Stimmen hatten Experten den Salafisten vorhergesagt, nun könnten es fast doppelt so viele sein. In Alexandria reklamieren die Salafisten etwa 40 Prozent der Stimmen für sich.

Katerstimmung bei Liberalen

Der Erfolg der Islamisten ist auch ein Versagen der liberalen Parteien, die viel zu spät in den Wahlkampf eingestiegen sind und sich ausserhalb der Grossstädte keine nennenswerte Wählerbasis aufbauen konnten. So kommt die säkulare Allianz, ein Zusammenschluss aus mehreren nach der Revolution gegründeten Parteien, auf nur etwa 15 Prozent der Stimmen. Die älteste liberale Kraft, die Wafd-Partei, schnitt mit etwa fünf Prozent noch schlechter ab. Wohl auch, weil sie sich zu wenig deutlich von ihrer Vergangenheit als Mubarak-hörige Scheinopposition distanziert hatte.

Islamisten beruhigen

Bleibt zu hoffen, dass die verschobene Veröffentlichung der Wahlresultate keinen politischen Hintergrund hat. Die Landesregionen, die als nächste wählen sollen, gelten als noch konservativer. Eine absolute Mehrheit der «Partei für Freiheit und Gerechtigkeit» im Parlament scheint nicht ausgeschlossen.

Liberale fürchten nun, dass die vereinten Islamisten das künftige Parlament dominieren könnten. Ein Sprecher beteuerte gestern jedoch, die «Partei für Freiheit und Gerechtigkeit» strebe keine Allianz mit den Salafisten an, sondern mit anderen gemässigten Parteien.