Islamisten auf dem Rollfeld

Im Juni werden Zehntausende Fussballfans am Pariser Flughafen Roissy ankommen. Dass dort auch potenzielle Jihadisten arbeiten, wird nach dem Egyptair-Absturz stärker als bisher thematisiert.

Stefan Brändle/Paris
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Die Pariser Flughäfen werden vor und während der Fussball-Europameisterschaft zu Hochsicherheitszonen. (Bild: ap/Christophe Ena)

Die Pariser Flughäfen werden vor und während der Fussball-Europameisterschaft zu Hochsicherheitszonen. (Bild: ap/Christophe Ena)

Ein Fakt steht fest: Die Unglücksmaschine der Egyptair war in Roissy-Charles de Gaulle, dem grössten Pariser Flughafen, gestartet. Die französischen Sicherheitsagenten erachteten das für wichtig genug, um den Staatspräsidenten aus dem Bett zu holen. François Hollande berief eine Krisensitzung der Regierung ein, während die Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnete. Noch tappen die Ermittler im dunkeln – auch ein technisches Versagen sei nicht auszuschliessen, machte Hollande klar. Aber der Crash hat für Frankreich oberste Priorität. Er ruft den Franzosen die Terrorbedrohung in Erinnerung. Vor wenigen Tagen erst hatte der Chef des Inlandgeheimdienstes DGSI, Patrick Calvar, vor einer Parlamentskommission erklärt, sein Land sei derzeit in Sachen Terrorismus «eindeutig das am meisten bedrohte Land». Wegen seines Syrien-Einsatzes sei Frankreich im Visier der IS-Terroristen, und wegen der Militärpräsenz im Sahel sei es auch die Hauptzielscheibe der westafrikanischen Al-Qaida-Ableger.

Mehr als eine Million Besucher

Und natürlich ist den Fanatikern ein Sportfest wie die Fussball-Europameisterschaft ein besonderer Dorn im Auge. Am 10. Juni beginnt das Turnier in zehn französischen Stadien. Mehr als eine Million Besucher werden aus dem Ausland erwartet. Ein Grossteil wird über Roissy anreisen, liegen doch zwei der wichtigsten Stadien – das Stade de France und der Parc des Princes – im Grossraum Paris. Und Frankreich setzt alles daran, dass die Fans, seien es Franzosen oder Ausländer, in Sicherheit sind. Die Stadien sind eigentliche Hochsicherheitszonen, zu denen das Publikum nur durch mehrere Kontrollen und Schleusen Zutritt hat. In Bahnhöfen und an anderen neuralgischen Orten patrouilliert das Militär.

Allein in den Pariser Flughäfen Roissy und Orly sind 5000 Ordnungshüter im Einsatz, die meisten bewaffnet. Auf den Pisten stehen gepanzerte Armeefahrzeuge bereit. Die Reisenden werden schon vor dem Betreten der Terminals kontrolliert. Im Innern mischen sich so genannte «Profiler» unter die Passagiere, um auffällige Personen auszufiltern. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Radikale Salafisten am Flughafen

Gemäss Pariser Medien bleibt aber eine «Sicherheitslücke» – das Bodenpersonal. Unter den 85 000 Angestellten der Pariser Flughäfen gibt es etliche Salafisten und andere Islamisten. Das rührt auch daher, dass sowohl Roissy wie Orly in der Pariser «Banlieue» liegen; und die Direktion von «Paris Aéroports» – ein lokaler Hauptarbeitgeber – heuert in Absprache mit den Standortgemeinden gerne Bewohner aus der Umgebung an.

Mehr als 99 Prozent verursachen keine Probleme. Aber es gibt auch einige radikale Salafisten oder ägyptische Moslembrüder. Schon vor zehn Jahren erregte ein Buch des Rechtspolitikers Philippe de Villiers namens «Die Moscheen von Roissy» Aufsehen: Darin wurden Geheimdienstberichte veröffentlicht, wonach private Gepäckfirmen in Roissy von einer algerischen Seilschaft unterwandert seien; einzelne Angestellte pflegten sogar Beziehungen zu jihadistischen Kreisen.

Die Polizei nahm 2005 insgesamt 22 Gepäckträger fest. Danach kehrte in Roissy wieder Ruhe ein – zumindest gegen aussen. Nach den Terroranschlägen von 2015 staunte die Öffentlichkeit allerdings: Es wurde bekannt, dass der für Roissy zuständige Polizeipräfekt 85 Bodenangestellten die Ausstellung oder Erneuerung des «roten Badges» wegen radikalreligiöser Umtriebe verweigert hatte. Nur dieser Ausweis ermöglicht die Arbeit in der Sicherheitszone des Flughafens, so auch auf dem Rollfeld.

In der Folge wurden 57 Arbeiter in Roissy wegen islamistischer Umtriebe entlassen. 15 davon sollen laut dem Magazin «Le Point» sogar in der geheimdienstlichen «S-Kartei-Karte» figuriert haben. «S» steht für «Staatssicherheit», und meint normalerweise Personen mit Jihad-Plänen oder Jihad-Erfahrung. Diese Umstände werden von den Behörden ungern herausgestrichen. Seit den jüngsten Terroranschlägen wurden sämtliche 85 000 Flughafenangestellte und Gepäckträger einzeln überprüft. Doch lässt sich die Existenz auch nur ganz weniger schwarzer Schafe nicht mit letzter Sicherheit vermeiden. Diese Erkenntnis wird den Franzosen von neuem bewusst, während über die Ursachen der Egyptair-Tragödie spekuliert wird.

Das Schweigen des Attentäters

Die Pariser Flughäfen stehen mit diesen Problemen nicht allein. Auch die französische Bahn SNCF kämpft gegen Missionierungsversuche radikalisierter Angestellter. Einer von ihnen, der Buschauffeur Samy Amimour, weigerte sich, weiblichen Berufskolleginnen die Hand zu schütteln. Von der Direktion dafür gerügt, verliess er die Pariser RATP-Betriebe von selbst. Am 13. November tötete er sich und Dutzende Konzertbesucher im Pariser Bataclan-Lokal.

Der mutmassliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam hat derweil bei seiner ersten ausführlichen Befragung durch die französische Justiz geschwiegen. Er war gestern morgen in einem Konvoi aus Polizeifahrzeugen von seinem Gefängnis südlich von Paris zu seiner Vernehmung im Justizpalast gebracht worden. Ein Helikopter überwachte den Transport aus der Luft. Sein Anwalt Frank Berton sagte, Abdeslam wolle sich erst zu einem späteren Zeitpunkt äussern.