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ISLAMISCHE KLEIDUNG: "Hijabistas" aus Indonesien wollen die Modewelt erobern

Die weltweit wachsende muslimische Mittelschicht hat dem Geschäft mit islamischer Mode einen globalen Boom ­beschert. Indonesien hat dabei beste Chancen, sich als Weltmarktführer für «Modest Fashion» zu behaupten.
Ulrike Putz, Jakarta
Die 27-jährige Designerin Dian Pelangi, in ihrer Heimat eine Berühmtheit, trägt in ihrer Boutique im hippen Stadtteil Kemang eines ihrer eigenen Kleider. (Bilder: Graham Crouch (Jakarta, 22. Januar 2018))

Die 27-jährige Designerin Dian Pelangi, in ihrer Heimat eine Berühmtheit, trägt in ihrer Boutique im hippen Stadtteil Kemang eines ihrer eigenen Kleider. (Bilder: Graham Crouch (Jakarta, 22. Januar 2018))

Ulrike Putz, Jakarta

Für das Interview hat Irna Mutiara ein Ensemble im Marine-Stil gewählt: Die Modeschöpferin trägt einen marine­blauen Rock, unter dem ihre in roten ­Ballerinas steckenden Füsse hervorschauen. Ihre ebenfalls blaue Bluse ist an den Handgelenken gerafft, wird aber fast völlig vom eigentlichen Hingucker ihres Outfits verdeckt: ein knallrotes Kopftuch, dessen Zipfel von einer Anker-Brosche gehalten wird. «Tommy Hilfiger goes Islam», kommentiert die 48-Jährige den Eigenentwurf.

Hilfiger ist ein amerikanischer Modeunternehmer, der mit seinen Kollektionen im Yacht-Club-Stil jährlich umgerechnet mehrere Milliarden Franken umsetzt. So weit ist Mutiara zwar noch nicht. Doch die indonesische Designerin ist durchaus erfolgreich. Etwa 10 000 Hochzeitskleider verkauft ihr Label Irna La Perle im Monat. Ihre Alltagsmoden-Marke Up2Date bringt die Mutter dreier Kinder über 26 gleichnamige Boutiquen sowie in Kaufhäusern in Teheran, Dubai und Kuala Lumpur an die Frau. Mutiara ist Teil eines Phänomens, das nach dem Willen der indonesischen Regierung ein Motor für das Wirtschaftswachstum des 260-Millionen-Einwohner-Landes werden soll. Indonesien ist seit etwa zehn Jahren Heimat einer quicklebendigen Modeszene, die sich auf den islamischen Look spezialisiert hat. Das sei doch ­ausbaufähig, befand die Regierung: «Unser Ziel ist, Jakarta zur Hauptstadt der ‹Modest Fashion› zu machen», sagt Esthy Reko Astuti vom indonesischen Tourismus-Ministerium.

Traditionelle Werte mit Attraktivität vereinen

«Modest Fashion» scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich selbst zu sein: Markenmode, die den islamischen Werten der Sittsamkeit entspricht und ihre Trägerin trotzdem im besten Licht präsentiert, passt nicht zum westlichen Vorurteil der zwangsverhüllten Muslimin. Für die meisten Muslime darf Schicklichkeit jedoch gern auch attraktiv sein. «Der Islam liebt die Schönheit», sagt Zahraudin Sultoni, Direktor für Islamstudien an der Al-Azhar-Moschee in ­Jakarta. Im Koran sei lediglich spezifiziert, dass «die Frauen der Gläubigen ihren Mantel um sich hüllen sollen, sodass sie zwar erkannt, aber nicht belästigt werden», sagt der Geistliche.

«Modebewusstsein und Glauben schliessen sich doch nicht aus», sagt auch Mutiara in einem Café im teuren Süden Jakartas. Hinter dem Tresen arbeitet ein Barista daran, einem Cappuccino die perfekte Milchschaumhaube auf­zusetzen. Mutiara erzählt, wie sie zum ­Hijab – der Kopfbedeckung der Musliminnen – und damit auch zu ihrem Beruf kam: Erst Anfang der 90er-Jahre habe sie angefangen, sich nach den Vorschriften des Islam zu kleiden, sagt die heute 48-Jährige. Doch die sittsame Kleidung sei damals so langweilig gewesen, dass die Tochter einer Schneiderin begann, ihre Sachen selbst zu nähen.

Konservativere Lesart des Islam setzt sich durch

Dass sich daraus eine veritable Karriere entwickelte, verdankt Mutiara dem Erstarken des Islam in Indonesien. Wie auch weltweit hat sich im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde in den letzten Jahrzehnten eine konservative Lesart der Religion durchgesetzt.

Dass sich die zunehmende Frömmigkeit eins zu eins auf das Kaufverhalten niederschlägt, beweisen auch Zahlen: In ihrem Bericht zur globalen islamischen Wirtschaft schrieben die Nachrichtenagentur Reuters und die Beraterfirma ­Dinar Standard im vergangenen Jahr, dass muslimische Konsumenten im Jahr 2015 umgerechnet 227 Milliarden Franken für Kleidung ausgaben. Das waren 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Bereits 2021 werden Muslime über 340 Mil­liarden Franken jährlich für Kleidung aufwenden, so der Bericht.

Etwa 44 Milliarden jährlich werden danach von muslimischen Frauen für «Modest Fashion» auf den Tisch gelegt – Tendenz steigend. Hinzu kommen noch die Männer: Auch unter ihnen erfreuen sich Kaftane und Tuniken im islamischen Stil zunehmender Beliebtheit. Sittsame Kleidung ist eine Branche mit enormem Wachstumspotenzial. Der Effekt verstärkt sich noch, weil die muslimische Bevölkerung weltweit schnell zunimmt und wohlhabender wird. Zählte das Pew ­Research Center in Washington 2010 weltweit etwa 1,6 Milliarden Muslime, so werden es 2050 etwa drei Milliarden sein – ein gewaltiger Absatzmarkt. «Die Kleidung mag dezent sein, die Gewinne sind es nicht», urteilt Reuters. Wie rasant sich der Wirtschaftszweig entwickelt, zeigt sich auch am «Islamic Fashion Institute», das Irna Mutiara gemeinsam mit zwei Designer-Freunden 2015 in der indonesischen Provinzhauptstadt Bandung eröffnete. Zwölf Studenten schrieben sich im ersten Jahr ein, um neben Kursen zu Entwurf, Stoffkunde und Marketing auch ihr Wissen zur Geschichte der islamischen Modetraditionen zu vertiefen. Der dritte Jahrgang zählt bereits 110 Mode­schüler. «Die Nachfrage ist riesig», sagt Co-Gründerin Mutiara.

Das Kopftuch ist im Trend – auch auf Instagram

Marina Puspitasai ist eine der ersten Absolventinnen des Instituts. Die gelernte Architektin ist eine klassische Vertreterin der «Hijabistas», wie sich modebewusste Musliminnen in Anlehnung an den bei Modebloggerinnen und Models verbreiteten Begriff «Fashionista» nennen. Hinter ihrer modisch grossen Brille hervor schielt sie immer wieder auf ihr Smartphone. Soziale Medien spielen in der «Modest Fashion»-Welt eine wichtige Rolle. «Seit etwa fünf Jahren ist Hijab ein Trending Topic auf Instagram», sagt ­Puspitasai. Die ansprechenden Selfies von bloggenden «Hijabistas» hätten einen grossen Effekt. «Ich kenne viele Frauen, die jetzt erst angefangen haben, sich islamisch zu kleiden», sagt Puspitasai. «Jetzt kann man endlich Hijab tragen und trotzdem gut aussehen, sagen sie», sagt die 30-Jährige, deren erste Modelinie «Momdress» auf die moderne Muslimin abzielt. «Ich entwerfe Mode für junge Mütter. Die Kleider haben seitliche Eingriffe, um das Stillen in der Öffentlichkeit oder das Abpumpen bei der Arbeit einfacher zu machen.»

Dass Indonesien beste Chancen hat, die Vormachtstellung auf dem lukrativen «Modest Fashion»-Markt zu erobern, liegt auch daran, dass der riesige Binnenmarkt des Inselarchipels ein ideales Biotop bietet, in dem Marken wie «Mom-Dress» heranwachsen können. Um den einheimischen Labels den Sprung auf den internationalen Markt zu erleichtern, lädt das Tourismusministerium ­einmal im Jahr zur «Indonesia Modest Fashion Week», bei der Einkäufer aus ­aller Welt in der ersten Reihe sitzen.

Eine, die es bereits auf die Laufstege von Mailand, London und New York ­geschafft hat, ist Dian Pelangi. Die erst 27-Jährige ist in Indonesien ein Superstar, ihre Scheidung füllte kürzlich die Klatschblätter. Ihre gleichnamige Marke Dian Pelangi steht für handgefertigte, opulente Entwürfe. Ihr Flagship-Store in einem traditionellen Holzhaus in Jakarta wirkt denn auch wie die Kleiderkammer einer Märchenprinzessin. Dazu passen die Preise: Die Gewänder schlagen auch schon mal mit 1000 Franken zu Buche.

27-jährige Designerin exportiert Kleidung in die ganze Welt

Als Pelangi ihr Unternehmen im Alter von 18 Jahren von ihren Eltern übernahm, handelte es sich noch um ein ­kleines Familienunternehmen. Neun Jahre später hat sie 4,5 Millionen Insta­gram-Follower, beschäftigt 500 Angestellte, liefert in den Nahen Osten, die Türkei, die USA und nach Europa. Dass sie dort zunehmend Konkurrenz von internationalen Marken bekommt, nimmt sie gelassen. «Alle wollen ein Stück vom Modest-­Fashion-Kuchen», sagt Pelangi.

Wenn Marken wie Dolce & Gabbana, H&M, Zara oder Nike zunehmend Kleidung für muslimische Kundinnen produzierten, sei das letztlich nur gut für die Sache: «Wir haben euch etwas zu sagen: Wir sind nicht unterdrückt, der Islam ­feiert Schönheit. Und Mode ist die ­Sprache, in der wir euch das klarmachen können», sagt Pelangi.

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