IS «provoziert» die Türkei

Die kurdischen Peschmerga attackieren die Milizen des «Islamischen Staates» (IS) in Irak. In Syrien umstellt der IS das Grabmal eines osmanischen Urahnen – eine militärische Finte?

Michael Wrase
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ERBIL. Nach mehrtägigen Bombenangriffen der US-geführten Koalition haben kurdische Peschmerga-Einheiten einen Grossangriff gegen die Terror-Milizen des «Islamischen Staates» gestartet. Im Verlauf der an drei Frontabschnitten vorgetragenen Offensive konnten die Kurden mehrere bislang von IS besetzte Dörfer im Süden der Ölstadt Kirkuk zurückerobern. Die kurdische Nachrichtenagentur meldete zudem die Einnahme der irakischen Grenzstadt Rabia, über welche die IS-Milizen einen Teil ihres in Mossul gelagerten Kriegsgeräts ins benachbarte Syrien gebracht hatten.

Panzer an der Grenze

Der Verlust von Rabia zwingt die IS-Jihadisten zu Umwegen. Trotz anhaltender Luftschläge ist der IS aber weiterhin in der Lage, offensive Operationen durchzuführen, deren Opfer gegenwärtig die syrischen Kurden sind. Sie versuchen seit zwei Wochen, einen Grossangriff des IS auf ihre Hochburg Kobane (arabisch: Ain al-Arab) abzuwehren. Die Stadt an der türkischen Grenze ist von IS-Kämpfern eingeschlossen. Zur Belagerung tragen aus Sicht der Kurden auch türkische Armee-Einheiten bei, die möglichen Kämpfern aus der Türkei den Grenzübertritt nach Syrien verwehrt oder massiv erschwert. Für Ankara sind die militanten türkischen und syrischen Kurden Terroristen, weil sie in ihrer grossen Mehrheit die türkische PKK und ihre syrische Schwester PYD unterstützen.

Nach Berichten kurdischer und türkischer Medien hat die Türkei an der Grenze bei Kobane 40 Panzer in Stellung gebracht. Die bis auf acht Kilometer auf Kobane vorgerückten IS-Milizen fühlen sich durch ihre Präsenz nicht weiter gestört. Sie beschossen auch gestern die Hochburg der syrischen Kurden, deren Einwohner der türkischen Regierung unterstellen, mit dem IS unter einer Decke zu stecken.

Ein gemeinsamer Winkelzug?

Etwa 40 Kilometer südwestlich von Kobane bietet sich indes ein anderes Bild: In der am Euphrat gelegenen Ortschaft Sarrin haben IS-Kämpfer ein von 40 Soldaten bewachtes Grabmal mit den Gebeinen von Süleyman Shah umzingelt, dem Grossvater des ersten osmanischen Sultans Osman I.. Auch die Zugangswege zu dem exterritorialen Grab, das von Frankreich, der ehemaligen Mandatsmacht in Syrien, 1921 der Türkei überlassen wurde, sollen nach einem Bericht der regierungsnahen Zeitung «Yeni Safak» vom IS blockiert werden.

Deren Führer lehnen Mausoleen als Element des Götzendiensts ab und haben schon zahlreiche Heiligtümer zerstören lassen. Bereits im März dieses Jahres hatte der IS von der Türkei die Verlegung des osmanischen Grabmals verlangt. Ankara erklärte daraufhin, dass zur Verteidigung türkischen Territoriums alle nötigen Massnahmen ergriffen würden, also auch eine militärische Intervention.

Für Beobachter in der Region kommt die Bedrohung des osmanischen Mausoleums durch den IS überraschend. Es mache eigentlich keinen Sinn, wegen der Gebeine eines osmanischen Urahnen einen Krieg mit der Türkei zu riskieren. Im Falle einer türkischen Intervention zur Rettung des nationalen Erbes würden sich die Jihadisten vermutlich kampflos zurückziehen. Die Verlierer und Leidtragenden wären dann nicht die IS-Kämpfer, sondern die syrischen Kurden, deren Autonomiegebiete von türkischen Truppen besetzt würden.

Türkei entscheidet diese Woche

Über die Einrichtung einer Sicherheitszone auf syrischem Gebiet will die türkische Regierung noch in dieser Woche entscheiden. Dass sich dadurch auch der Konflikt zwischen Ankara und den türkischen Kurden weiter verschärfen würde, scheint Staatspräsident Erdogan in Kauf zu nehmen. Für ihn sind die Terroristen des «Islamischen Staates» anscheinend weniger gefährlich als die PKK, welche «die Türkei terrorisiere». «Warum wird diese Terrororganisation von ihren vielen europäischen Freunden nicht als Belastung empfunden», fragte Erdogan am Montag – und gab anschliessend gleich die Antwort: «Weil die PKK nicht (wie der IS) im Namen des Islam in den Krieg zieht.»