IS plant asiatische Provinz

Indonesien steht für einen gegenüber Andersgläubigen toleranten Islam. Nicht erst seit dem Angriff in Jakarta ist der Inselstaat dennoch von strategischer Bedeutung für die IS-Jihadisten.

Walter Brehm
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Junge indonesische Muslima fordert in Jakarta Frieden statt Jihad. (Bild: epa/Adi Weda)

Junge indonesische Muslima fordert in Jakarta Frieden statt Jihad. (Bild: epa/Adi Weda)

Asien sieht sich bedroht. Der Terrorangriff im Zentrum der indonesischen Hauptstadt Jakarta hat eine Warnung wieder in den Vordergrund gerückt, die Terrorismusexperten und asiatische Politiker seit längerem äussern. Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong hat sie konkret geäussert: «Der sogenannte Islamische Staat (IS) plant, in der Region eine Provinz seines Kalifats einzurichten.»

Unterwanderte Toleranz

Obwohl Indonesien als Bastion eines modernen, demokratiefähigen Islam gilt, ist der Angriff in Jakarta auch Ausdruck des IS-Anspruchs auf Weltgeltung nicht leichtfertig von der Hand zu weisen. 200 der 250 Millionen Indonesier sind Moslems. Die meisten von ihnen praktizieren eine spezielle Form der Religion, die vor allem auch von Toleranz gegenüber Andersgläubigen geprägt ist. Vor allem die Islamische Organisation Nahdlatul Ulama (NU) gilt mit ihren 50 Millionen Mitgliedern als starkes Bollwerk gegen jede Form des Extremismus. Dennoch gibt es in dem Inselreich auch Islamisten und Jihadisten.

Der bisher letzte gross jihadistische Terroranschlag war in Indonesien 2002 von der mit Al Qaida verbundenen Gruppe «Jamaah Islamyia» (JI) verübt worden. Auf der Tourismusinsel Bali hatte die JI damals mit mehreren Bomben über 200 Menschen getötet. In den folgenden Jahren gelang es der indonesische Regierung zwar, in einem konsequent geführten und von der Bevölkerungsmehrheit getragenen Kampf die heimischen Jihad-Organisationen zu zerschlagen.

Aber viele südostasiatische Männer waren in den vergangenen Jahrzehnten als Gastarbeiter in Saudi-Arabien und brachten mit ihrer Rückkehr auch die wahhabitisch-salafistische Auslegung des Islam in ihre Heimatländer mit. Seit dem Erstarken des IS in Syrien und Irak sind weit über tausend südostasiatische Extremisten – unter anderem aus Singapur, Malaysia und den Philippinen in dessen Jihad gezogen; allein aus Indonesien sollen es etwa 500 sein. Unter dem Namen Katibah Nusantara sind sie im IS in einer eigenen Kampfeinheit zusammengefasst.

Rekrutierungsfeld Südostasien

Das mag eine kleine Minderheit sein, die aber als Rückkehrer in der Heimat schnell zur tödlichen Gefahr werden können. Die Staaten in Südostasien sind für den IS als Rekrutierungsfeld schon deshalb von allergrösstem Interesse, weil in dieser Region 15 Prozent der 1,6 Milliarden Moslems weltweit zu Hause sind.

Während bisher die Philippinen mit der berüchtigten Extremistengruppe Abu Sayyaf als der wahrscheinlichste Ausgangspunkt für eine Ausdehnung des IS in Südostasien gegolten hatte, warnte George Brandis, der australische Generalstaatsanwalt, schon vor dem jüngsten Terroranschlag vor einem «fernen Kalifat» des IS in Indonesien. Bereits im vergangenen Dezember hatte auch das australische Institut für Strategie und Politik in einem Papier vermutet, Indonesien werde für den IS zum «Brückenkopf nach Asien».

Selbst die indonesischen Behörden waren alarmiert. Sie ergriffen massive Sicherheitsmassnahmen gegen einen Terroranschlag, den sie aber für die Festtage zwischen Weihnachten und Neujahr erwartet hatten. 150 000 Sicherheitskräfte waren in diesen Tagen zusätzlich im Einsatz. In einem IS-Blog hatten Kader der Organisation mit einem indonesisch verfassten Beitrag unter dem Titel «Lektionen aus den Pariser Angriffen» dazu aufgefordert, aus der Planung der Terroristen von Paris zu lernen.

Nur ein Teil der IS-Strategie

Indonesien und andere südostasiatische Staaten sind aber nur ein Teil der «Asien-Strategie des IS». Längst versuchen IS-Jihadisten in Afghanistan und Pakistan mit einigem Erfolg, den Taliban den Rang abzulaufen.

In der chinesischen Uiguren-Provinz Xinjiang haben islamistische Extremisten längst Kontakte zum IS, und im russischen Kaukasus führen Jihadisten nicht nur einen eigenen Jihad, sie stellen auch ein wichtiges Kontingent erfahrener Kämpfer für den IS in Syrien und Irak.

Der IS weiss, dass er in Asien nicht in absehbarer Zeit eigene Territorien beherrschen kann, wie dies im mittleren Osten der Fall ist. Die meisten Staaten, die er im Visier hat, sind stark autoritär regierte Mächte wie China oder bisher stabile Demokratien wie Indonesien. Dennoch ist das «Kalifat» als Staats- und Herrschaftsform aller Moslems eine Attraktion, die als Utopie sowohl gegen Verwestlichung und Allianzen mit den USA als auch gegen das kommunistische Modell China wirken kann.

Gerade in Indonesien hat sich einmal mehr gezeigt, dass der IS-Jihad nicht nur als Gefahr für den Westen, sondern vor allem als ein weltweiter innerislamischer Bürgerkrieg um die religiöse Deutungshoheit und gegen Reformbewegungen im Islam verstanden werden muss.

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