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IRAN-KONFLIKT: «Kriegsgefahr liegt bei 50 Prozent»

US-Präsident Donald Trump hat das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Gefordert ist jetzt unter anderem das Verhandlungsgeschick der Europäer. Doch der Spielraum ist gering.
Dominik Buholzer
Israelische Soldaten auf den Golanhöhen. Israel hatte in der Nacht auf Donnerstag mutmassliche iranische Stellungen in Syrien attackiert. (Bild: Lior Mizrahi/Getty (10. Mai 2018))

Israelische Soldaten auf den Golanhöhen. Israel hatte in der Nacht auf Donnerstag mutmassliche iranische Stellungen in Syrien attackiert. (Bild: Lior Mizrahi/Getty (10. Mai 2018))

Interview: Dominik Buholzer

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Udo Steinbach*, US-Präsident Donald Trump hat eines seiner Wahlversprechen eingehalten und den Atomvertrag mit dem Iran aufgekündet. Hat er damit aber auch was gewonnen?

Nein, das hat er nicht. Mit seinem Entscheid hat Trump die Welt einer militärischen Auseinandersetzung gefährlich nah gebracht. Es hängt jetzt sehr viel davon ab, wie sich der Iran verhält und ob es zu einem militärischen Schlag kommt.

Wie gross ist das Risiko?

Es ist gewaltig. Nächste Woche wird entscheidend sein, wie das Treffen zwischen den EU-Politikern und dem Iran verläuft. Wenn der Iran den Vertrag auch aufkündigt, wird dies in Israel als Bedrohung aufgefasst, und dann steigt die Kriegsgefahr noch einmal mehr. Israel hat in der Vergangenheit mehrmals deutlich gemacht, dass es eine militärische Intervention nicht ausschliesst.

Gibt es Anzeichen, dass auch der Iran das Abkommen fallen lässt?

So konkret nicht. Aber der Druck auf Teheran gegen das Abkommen war schon immer sehr gross. Vor allem den Hardlinern verleiht die derzeitige Situation Auftrieb.

Dies spricht nicht gerade für Präsident Hassan Rohani.

Das ist so. Rohanis Position ist derzeit massiv geschwächt. Mit der Auflösung des Atomabkommens fällt ihm ein wichtiger Baustein in seiner Aussenpolitik weg. Er hatte schon immer einen schweren Stand. Die Hardliner warfen ihm vor, er mache mit dem Abkommen Kotau vor dem Westen. Kommt hinzu, dass der Revolutionsführer immer wieder die Seite wechselte.

Militärisch hat der Iran einen schweren Stand gegen Israel. Spricht dies nicht eher dafür, dass es nicht zu einem Krieg kommt?

Israel wird auch nicht die Front sein, die sich der Iran bei einem militärischen Schlag aussuchen wird. Es ist viel eher zu erwarten, dass sich die Mullahs am Golf was einfallen lassen, beispielsweise einen Angriff auf Saudi-Arabien.

Dann käme es wohl zu einem Flächenbrand, weil die USA wohl nicht tatenlos zuschauen würden, wie ihr Verbündeter angegriffen würde – oder nicht?

Es wäre ein Desaster, darüber müssen wir uns im Klaren sein. Es käme zum grössten Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wie gross stufen Sie derzeit diesbezüglich die Gefahr ein?

Momentan liegt sie bei 50 Prozent. Wie es nächste Woche aussehen wird, mag ich nicht zu ­beurteilen. Ich hoffe, die Lage beruhigt sich wieder.

Welche Folgen hätte dies für den Westen?

Ein solcher Krieg würde den Extremisten überall enormen Auftrieb geben. Sie hätten auf einmal jede Rechtfertigung zum Loslegen gegen den Westen, der sich nicht an Verträge hält. Dies bekäme auch Europa zu spüren.

Jetzt ruhen viele Hoffnungen auf Europa sowie Russland und China, das Unheil abzuwenden. Haben sie gute Karten in der Hand?

Der Spielraum ist sehr gering. Vielleicht kommt es Rohani gelegen, am Atomabkommen festzuhalten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sich Trump bisher als unbelehrbar erwiesen hat. Mittlerweile hat er ja auch nur noch Hardliner um sich herum.

War denn das Abkommen wirklich so schlecht, wie die USA und Israel versuchen weiszumachen?

Nein, das war es nicht. Israel und die USA sind auch die Einzigen, die dies behaupten. Das Atomabkommen wurde stets als Dammbruch der Diplomatie gefeiert. Es führte wesentlich zur Stabilisierung des Nahen Ostens und der internationalen Beziehungen.

Aber liebäugelt der Iran nicht damit, das Atomprogramm doch noch fortsetzen zu können?

Der Iran hat dem Atomprogramm stets eine hohe Bedeutung beigemessen. Trotzdem stimmte Rohani dem Atomvertrag zu. Laut der Internationalen Atomenergiebehörde hat sich der Iran bisher an die Abmachungen ­gehalten.

Und trotzdem hat der Iran ein Raketenprogramm vorangetrieben.

Dem ist so. Das wirft Fragen auf, gerade für einen Staat, der von sich behauptet, unschuldig zu sein. Aber diese Frage rechtfertigt nicht das Vorgehen von Trump.

Hinweis

* Udo Steinbach (75) ist Islamwissenschafter und Buchautor. Er leitete von 1976 bis 2007 das Deutsche Orient-Institut.

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