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IRAN: Ein zweites Syrien

Wie es 2011 Syrien erging, könnte es auch der Islamischen Republik ergehen. Ursache dafür ist die brisante Mischung von Diktatur und Dürre, die bereits den Assad-Staat ins Wanken brachte.

In der Islamischen Republik gehörte er 1979 zu den Männern der ersten Stunde. 39 Jahre später ging Mehdi Karroubi jetzt mit dem politischen Lebensprojekt seiner Generation in einer Schärfe ins Gericht wie niemand zuvor aus dem Kreis der Staatsväter. «Armut und Arbeitslosigkeit plagen die Nation, die Islamische Republik wird sich in ein Pulverfass verwandeln», schrieb der 80-Jährige vier Wochen nach den landesweiten Unruhen mit 25 Toten und knapp 4000 Verhafteten in einem offenen Brief an Revolutionsführer Ali Chamenei.

50 Prozent des Reichtums befänden sich in den Händen von Institutionen, die niemandem Rechenschaft schuldig seien. Umgekehrt lebten 10 der 80 Millionen Iraner in absoluter Armut. Und so liest sich der Text wie der politische Abschiedsbrief eines Mannes, der einst als Parlamentspräsident mit zur Machtspitze gehörte und nun vieles bedauert. Parallel dazu macht in diesen Tagen im iranischen Internet ein neues Wort Furore, die Syrisierung. Landauf, landab diskutieren Bürger, Wissenschaftler und Aktivisten im Cyberspace, ob nicht auch der Iran eines Tages in eine ähnliche Katastrophe hineinschlittern könnte wie Syrien.

70 Prozent des fossilen Grundwassers verloren

Denn einer der Hauptgründe, die den Horror des dortigen Bürgerkriegs mit seinen 350000 Toten ins Rollen brachten, war eine verheerende Dürre und die völlig inkompetente Reaktion der Assad-Diktatur. Zwischen 2006 und 2010 trieb die Naturkatastrophe 1,5 Millionen syrische Bauern in den Ruin, zwang sie, ihre Höfe aufzugeben.

Felder verdorrten, Tiere verendeten, Hunderttausende Familien vor allem im Nordosten des Landes verloren ihre Existenz und suchten Unterschlupf in den Slums von Damaskus, Aleppo, Daraa und Homs, wo im März 2011 die Revolte gegen das Baath-Regime zuerst ausbrach. «Je mehr Landflucht, desto mehr Arbeitslosigkeit – es war ein Teufelskreis. Vor allem unter den jungen Leuten gab es jede Menge Frustration», konstatierten damals Wissenschafter des Internationalen Zentrums für Agrarforschung in Trockengebieten. «Nach dem ersten Jahr ohne Regen sahen wir viele Familien in Schwierigkeiten. Nach dem zweiten Jahr war es bereits pure Verzweiflung. Nach dem vierten Jahr war es dann keine wirkliche Überraschung mehr, dass die Menschen sich aufzulehnen begannen.»

Umso augenfälliger sind die Parallelen zum heutigen Iran, wo ebenfalls seit Jahren chronische Dürre und massive Unterdrückung herrschen. 70 Prozent des fossilen Grundwassers sind unwiederbringlich verloren. Und viele der landesweiten Demonstranten sind Umweltflüchtlinge, die an den Stadträndern ihr Dasein fristen. 50 Millionen Iraner, das sind zwei Drittel der Bevölkerung, müssten in den nächsten zwanzig Jahren ihre Heimatorte verlassen, sollte sich das Wassermanagement nicht grundlegend ändern, prognostizierte der neue, seit letzten August für Umwelt zuständige Vizepräsident Issa Kalantari. «Politisches ­Versagen und exzessiven Verbrauch» machte der 65-Jährige für diesen Wasserbankrott verantwortlich, der allerdings selber zwölf Jahre lang Landwirtschaftsminister der Islamischen Republik war.

Trockenheit belastet Gesundheit

In den am schlimmsten betroffenen Regionen im Osten, Süden und im Zentraliran schmeckt das Grundwasser bereits salzig. Seen und Auen trocknen aus, heftige Sandstürme toben über das Land. So kam Anfang Januar in der Ölprovinz Khuzestan das öffentliche Leben für eine Woche zum Erliegen, weil man in dem braunen Sanddunst die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Allein in der Provinzhauptstadt Ahvaz mussten 1300 Menschen mit Atemproblemen ins Krankenhaus.

«Viele haben Asthma und Hautreizungen, die Menschen leiden unter saurem Regen, unter Stromausfällen und stundenlangen Trinkwassersperren», berichtete Abafazl Abidi, Korrespondent der reformnahen Zeitung «Shargh». «Für mich sind die jüngsten Proteste keinerlei Überraschung.»

In das gleiche Horn stiess letzte Woche auch Präsident Hassan Rohani bei seiner traditionellen Jahresrede am Grab von Ajatollah Chomeini. Kritische Stimmen könne man nicht für immer ignorieren, warnte er mit Blick auf das 39-Jahr-Staatsjubiläum der Islamischen Republik am kommenden Sonntag. Das Regime des Schahs sei zusammengebrochen, weil es nicht auf die Kritik des Volkes reagiert habe. Der Schah habe geglaubt, seine Herrschaft werde ewig dauern. «Als er schliesslich kundtat, ich habe die Stimme der Revolution gehört, war es zu spät», sagte Rohani und appellierte an die gesamte Führung seines Landes. Und weiter: «Wir müssen auf die Forderungen und Wünsche des Volkes hören.»

Martin Gehlen, Tunis

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