IRAN: Anschlag im Machtzentrum

Zwei koordinierte Anschläge, die der IS für sich reklamiert hat, fordern mehrere Tote im Iran. Das Land war bislang vom Dschihad-Terror weitgehend verschont geblieben.

Michael Wrase, Limassol
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Die Attentäter kamen in Vierergruppen und sollen als Frauen verkleidet gewesen sein. Nahezu zeitgleich gelang es ihnen, in einen Anbau des Teheraner Parlamentsgebäudes sowie in den Eingangsbereich des Chomeini-Mausole-ums im Süden der iranischen Hauptstadt vorzudringen. Das Ziel der sunnitischen Attentäter war klar: Sie wollten möglichst viele Schiiten töten, welche nicht nur von Dschihadisten, sondern inzwischen auch vom saudischen Grossmufti Abdul Aziz al-Sheik als «Ungläubige» und «Abtrünnige vom wahren Islam» – dem wahabitischen – betrachtet werden.

Die Ausrüstung für die geplanten Massaker war ausreichend. Neben den obligatorischen Kalaschnikow-Gewehren trugen mindestens zwei der Angreifer einen Sprengstoffgürtel. Ein weiterer sollte mit Handgranaten die Wege freibomben.

Zwölf Menschen, unter ihnen Wachleute und Zivilisten, sowie die Attentäter seien getötet worden. Warum die Terroranschläge nicht noch mehr Opfer forderten, ist noch unklar. Vermutlich fehlte den Terroristen die Ortskenntnis, spekulieren iranische Nachrichtenagenturen. Wären sie nicht von Sicherheitskräften aufgehalten worden, hätten sie den Plenarsaal und die Gebetshallen des Chomeini-Mausoleums vermutlich erreicht und dort entsetzliche Blutbäder verübt. Ihre Sprengstoffgürtel, heisst es in Teheran, sollen die Attentäter nur gezündet haben, um ihrer Verhaftung zu entgehen.

Zu den Überfällen auf das Parlament und das Chomeini-Mausoleum, Zielen mit hohem Symbolwert, bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bereits wenige Stunden nach der Aus­führung. Ein kurzes Handyvideo mit einem offenbar verwundeten Attentäter diente als Beweis für die Mordtaten.

Die von Revolutionsgardisten und schiitischen Milizen in Syrien und dem Irak bekämpfte Terrormiliz hatte dem Iran wiederholt mit Angriffen gedroht. Im März dieses Jahres veröffentlichten die sunnitischen Extremisten erstmals ihr Internetmagazin «Rumiyah» (Rom) in persischer Sprache. Sie drohten darin, den Iran zu erobern und «der sunnitischen muslimischen Nation zurückzugeben».

In ihren Pamphleten versuchten die Propagandisten des IS auch zu erklären, warum das Töten von Schiiten «halal» (erlaubt) ist. Zudem wurde den «sunnitischen Brüdern» im zu 90 Prozent schiitischen Iran erläutert, wie «Ungläubige» auch mit einem einfachen Messer ermordet werden können.

Die Islamische Republik Iran war in den letzten Jahren von Terroranschlägen weitgehend verschont geblieben. Die nun erfolgten ersten Anschläge kommen zu einem Zeitpunkt, in dem das Verhältnis zwischen Schiiten und Sunniten nicht nur durch die massiven saudisch-iranischen Spannungen, sondern auch durch die amerikanische Parteinahme zu Gunsten von Riad extrem vergiftet ist. Während Barack Obama noch um Ausgleich zwischen den beiden Regionalmächten bemüht war, stützt Donald Trump die saudischen Hegemonialbestrebungen nach dem Wahlsieg des eher gemässigten iranischen Präsidenten Hassan Rohani.

Es ist daher nicht weiter erstaunlich, dass die iranische Regierung vor der Veröffentlichung des IS-Bekennerschreibens den saudischen Geheimdienst für die Terroranschläge verantwortlich machte. Der Iran müsse für seine Einmischung in der Region und seine Unterstützung von Terrorismus bestraft werden, zitierte der Fernsehsender Al-Arabija gestern den saudischen Aussenminister Adel al-Dschubeir.

Antwort auf Anschlag dürfte folgen

Vorbereitet auf eine weitere Eskalation ist der Iran schon lange. ­Bereits vor drei Jahren hatte Revolutionsführer Ali Chamenei «entscheidende Aktionen» angedroht, falls sich der IS den iranischen Grenzen bis auf 40 Kilometer nähern sollte. Der gestrige Terroranschlag im Teheraner Machtzentrum dürfte daher nicht unbeantwortet bleiben. Man werde die Terrorzellen weiterhin konsequent bekämpfen, betonte der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani, der die Anschläge des IS als «nutzlose Einschüchterungsversuche» verurteilte.

Es ist mitunter der sprichwörtliche Strohhalm, der dem Kamel den Rücken bricht. Ob dieser «Strohhalm» nun die Terroristen des IS waren, die gestern das Parlament und das Chomeini-Mausoleum überfielen, bleibt abzuwarten. Viel fehlt allerdings nicht mehr, bis sich der kalte Krieg zwischen sunnitisch-wahabitischem Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran zu einer militärischen Schlacht zwischen den beiden Regionalmächten entwickelt.

Michael Wrase, Limassol