Irak ist noch im Kriegszustand

Zehn Jahre nach 9/11 und dem Entscheid der USA, im Kampf gegen den Terrorismus Irak anzugreifen, wünschen sich die Menschen im Land nichts sehnlicher als die Rückkehr zu einem normalen Alltag.

Michael Wrase
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Eines von vielen Terroropfern wird am 25. August in Bagdad zu Grabe getragen. (Bild: ap/Hadi Mizban)

Eines von vielen Terroropfern wird am 25. August in Bagdad zu Grabe getragen. (Bild: ap/Hadi Mizban)

Beirut. Hassan Alousi weiss noch genau, wie er auf die Terroranschläge am 11. September 2001 reagierte. «Jetzt wird es Saddam an den Kragen gehen», habe er seinen fassungslos auf den Fernseher starrenden Freunden gesagt. Nach einigen Minuten der Sprachlosigkeit sei er daraufhin als «Dummkopf» beschimpft worden. «Die Amerikaner werden Saddam um Hilfe bitten, weil sie wissen, dass er der ärgste Feind von Bin Laden ist», hätten ihm seine Freunde erklärt. «Ein Schulfreund von mir», erinnert sich Hassan, «bezeichnete den 11. September sogar als einen Glücksfall für unseren Diktator.»

Getürkte Invasionsgründe

Es kam bekanntlich anders. Nur sechs Tage nach den Terroranschlägen wies US-Präsident George W. Bush seine Militärs an, Szenarien für einen Irak-Krieg zu erarbeiten. Die Geheimdienste sollten nach Verbindungen der Terroristen mit Irak suchen – und wurden denn auch bald fündig: Der Attentäter Mohammed Atta soll sich im April 2001 in Prag mit einem hochrangigen irakischen Geheimdienstagenten getroffen haben. Tatsächlich hielt sich Atta aber zur fraglichen Zeit in Florida und Virginia auf, wie das FBI ein Jahr nach der amerikanischen Irak-Invasion enthüllte.

Auch die von US-Aussenminister Colin Powell angeführte Zusammenarbeit des Jordaniers Abu Mussab al-Sarkawi mit irakischen «Giftmischern» gehört ins Reich der Fabel. Der Topterrorist kam erst nach dem US-Einmarsch ins Zweistromland, um mit entsetzlichen Selbstmordattentaten einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten auszulösen.

«Marionetten der Iraner»

Hassan Alousi, der wie Hunderttausende von Irakern nach der Invasion mit seiner Familie nach Jordanien floh und heute in Beirut lebt, wäre «glücklich gewesen», wenn die Amerikaner in Bagdad «für klare Verhältnisse» gesorgt hätten. «Stattdessen haben sie unser Land zerstört, und niemand zieht sie dafür zur Rechenschaft», sagt Alousi. Verbitterung klingt mit.

Der 63-Jährige gehört zur sunnitischen Glaubensgemeinschaft, die unter Saddam Hussein als Minderheit Irak dominierte. In den von den Amerikanern durchgesetzten demokratischen Wahlen setzten sich die Repräsentanten der schiitischen Bevölkerungsmehrheit durch. Hassan Alousi betrachtet sie als «Marionetten der Iraner» und steht mit dieser Einschätzung nicht alleine da.

Chaotischer Alltag

Nüchtern betrachtet hat die Bush-Regierung mit ihren Invasionen in Irak und auch in Afghanistan vor allem die Position Irans im Mittleren Osten gestärkt. Mit dem Sturz von Saddam Hussein wurde der bedeutendste Konkurrent der Iraner ausgeschaltet. An seine Stelle traten Politiker wie der amtierende Ministerpräsident Nuri al-Maliki und der radikale Geistliche Moqtada el-Sadr, die ganz im Sinne Teherans konsequent auf einen Abzug aller amerikanischen Truppen hinwirken.

Zum Verdruss der meisten Iraker hat es die schiitische Regierung bislang nicht geschafft, die durch die amerikanische Invasion zerstörte Infrastruktur des Landes wiederaufzubauen. Angespornt durch die Proteste in mehreren arabischen Ländern versammeln sich deshalb fast jeden Freitag Tausende von Irakern, um für eine geregelte Strom- und Wasserversorgung, Arbeitsplätze und ein Ende der Korruption zu demonstrieren. «Meine frustrierten Landsleute sehnen sich nach einem normalen Leben», sagt Hassan Alousi, der mit seiner Familie erst dann in die Heimat zurückkehren will, «wenn meine Enkelkinder ohne Angst vor Attentaten und Entführungen zur Schule gehen können».

Die USA beschönigen die Lage

Damit ist sobald wohl nicht zu rechnen. Selbst die Amerikaner geben inzwischen zu, dass Irak auch acht Jahre nach ihrem Einmarsch «weiterhin ein ausserordentlich gefährlicher Platz zum Arbeiten ist». Es bestehe die Gefahr, schrieb im Juli Stuart W. Bowen, US-Generalinspektor für den Wiederaufbau in Irak, dass das Land nach dem für das Jahresende geplanten Abzug der letzten US-Soldaten in einen Bürgerkrieg gerate. Es drohe dann in drei Teile zu zerfallen, in einen schiitischen, einen sunnitischen und einen kurdischen.

Der Obama-Regierung warf Bowen vor, die «katastrophale Sicherheitslage» zu beschönigen. Wie George W. Bush, der zweieinhalb Monate nach der Invasion auf einem Flugzeugträger die Irak-Mission in Siegerpose als «abgeschlossen» gefeiert hatte, behauptete kürzlich auch Barack Obama, dass «US-Truppen dem irakischen Volk die Möglichkeit zu einer besseren Zukunft» eröffnet hätten.

«Wären Obama und Bush ehrlich, müssten sie von einem Fiasko sprechen», sagt Hassan Alousi und schaltet den Fernseher aus. Die täglichen «Horrormeldungen» aus der Heimat könne er nicht mehr ertragen. Das Schlimmste sei jedoch, dass die vielen Toten kaum jemand mehr zur Kenntnis nehme. Das sinnlose Sterben in Bagdad gehöre längst zum Alltag.

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