Ins Herz des Arabischen Frühlings

Für Tunesien ist der Anschlag auf das Museum in Tunis ein Desaster. Für den Kampf gegen den Jihad-Terror ist der Angriff ein Lehrstück für das, was die nahe Zukunft mit sich bringen wird. Ein Blick auf die Strategie der Jihadisten.

Walter Brehm
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Solidaritätskundgebung für die Opfer des Jihad-Terrors in der tunesischen Hauptstadt Tunis. (Bild: ap/Adel Mhamdi)

Solidaritätskundgebung für die Opfer des Jihad-Terrors in der tunesischen Hauptstadt Tunis. (Bild: ap/Adel Mhamdi)

So zynisch es klingt: Der Anschlag von Tunis hätte nicht besser geplant, das Ziel nicht perfekter ausgewählt und die Terminierung nicht besser gesetzt werden können. Das alles trifft zu, unabhängig davon, ob die Täter sich dessen bewusst waren oder nicht.

Ein Anschlag, viele Ziele

Die Bluttat in Tunesien erreicht mehrere Ziele des internationalen Jihad-Terrors:

• Sie destabilisiert den bisher einzig erfolgreichen Staat des Arabischen Frühlings.

• Sie trifft den wichtigsten Wirtschaftszweig eines sich neu aufbauenden säkular-pluralistischen Gemeinwesens, das zu seiner Festigung so dringend auf Wohlstand angewiesen ist.

• Sie schlägt über den Maghreb eine Brücke vom selbsternannten IS-Kalifat zu den jihadistischen Gruppen und Bewegungen in Afrika.

• Sie schürt in einer beliebten Destination europäischer Touristen deren Ängste – auch davor, dass der Terror ihnen immer näher kommt.

Ein Land, zwei Realitäten

Tunesien hat sich bisher im Reigen arabischer Staaten nach den Aufständen gegen die Langzeit-Diktaturen in der Region am besten geschlagen. Seine zumindest in den urbanen Zentren aufgeklärte Mittelschicht und deren republikanische Tradition haben anders als in Ägypten und Libyen den Zerfall und die Niederlage der Volksbewegungen verhindert. In harter, aber offener Debatte mit den gemässigten Islamisten der Enahda-Partei wurde in Tunesien eine parlamentarische Demokratie installiert, eine fortschrittliche Verfassung geschrieben und eine lebendige Zivilgesellschaft gestärkt.

Der unbestrittene revolutionäre Erfolg in Tunesien verschleierte allerdings den Blick auf die zweite Realität im Lande. Der Fortschritt ist ein städtischer. Die armen Provinzen hat er längst nicht im gleichen Masse erreicht. In den Dörfern und an den von Armut geprägten Randzonen der Städte hat es schon in der Ben-Ali-Diktatur salafistische Eiferer gegeben – und es gibt sie heute noch. Tunesien ist das weitaus erfolgreichste Rekrutierungsfeld der IS-Terroristen. Das grösste Kontingent ausländischer Jihadisten in Irak und Syrien stammt aus Tunesien.

Aber auch im Inland hat die politische Entwicklung die salafistischen Extremisten nicht verschwinden lassen. Im Gegenteil. Im Landesinnern bieten Hassprediger und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit nach wie vor den fruchtbaren Boden für eine Theologie, welche die Vergangenheit des Islams verklärt. In Tunesien haben Gewalt und Terroranschläge heimischer Extremisten in den beiden vergangenen Jahren stark zugenommen. Bisher haben sich fast alle gegen die Sicherheitskräfte oder säkulare Politiker gerichtet. Touristen als Ziel signalisieren eine neue Eskalation, die das Land im Innern destabilisiert und als Reiseziel und Investitionsstandort für internationale Unternehmen frontal angreift.

Von Jihadisten umzingelt

In den Bergen, im Grenzgebiet zu Algerien, führt Tunesiens Armee einen bisher wenig erfolgreichen Kleinkrieg gegen jihadistische Bombenleger, Kidnapper und Kopfabschneider. In den Grenzregionen sind die Kontakte zur Al-Qaida-Filiale im Maghreb und IS-Extremisten rege, und die Frontlinie verläuft zumindest in den Köpfen jihadistischer Theoretiker bereits nahtlos ins Nachbarland Mali und weiter bis nach Nordnigeria ins dunkle Reich der Boko-Haram.

Im Westen, an der Grenze zu Libyen, ist die Nähe zum sogenannten Kalifat des «Islamischen Staats» schon realer, seit sich libysche Jihadisten diesem unterworfen haben und das von ihnen eroberte Gebiet entlang der Mittelmeerküste bis in die ostlibysche Metropole Benghasi zur Provinz des Kalifats ausgerufen haben. Nur 45 Kilometer von der tunesisch-libyschen Grenze entfernt ist heute ein Trainingslager der IS-Jihadisten in Betrieb. Das kleine, säkulare Tunesien ist somit von rivalisierenden Jihadisten von Al Qaida und «Islamischem Staat» umzingelt.

Dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi kommt diese Entwicklung zupass, egal ob er sie wirklich aktiv steuert. Das Gespenst IS wächst – und sei es nur in den Köpfen seiner Anhänger und der internationalen Allianz gegen den jihadistischen Usurpator.

Ägypten als Modell?

In der Reaktion auf die Terrortat in Tunis liegen zwei Gefahren. Die Reaktion der tunesischen Regierung heisst «konsequenter Krieg gegen den Terrorismus» – und führt in eine Zwickmühle. Ruhe und Sicherheit sind unabdingbare Voraussetzung für einen prosperierenden Tourismus. Aber massive Militär- und Polizeipräsenz wirkt auf Reisende nicht gerade einladend. Und Ägypten unter Generalfeldmarschall Fattah as-Sisi kann der Fe- riendestination kaum als Modell dienen. Zu deutlich ist der Rückfall in einen Polizeistaat am Nil.

Die Reaktion der an sich moderaten Enahda-Islamisten, deren mässigenden Einfluss Tunesien jetzt mehr denn je brauchte, ist eine zwiespältige: Das Attentat von Tunis sei halt eine Folge der grossen Freiheiten, die es heute im Lande gebe – sprich: Eine islamistische Herrschaft wäre besser. Aber: Das Volk habe die Regierung gewählt und nicht den Terror. Das Enahda-Bekenntnis zur Demokratie klingt eher gequält, zeigt eher, wie sehr die liberale Demokratie von religiöser und säkularer Seite bedroht ist.