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An ihrer Verletzung entzündete sich vor einem Jahr der Informationskrieg um Katalonien

Die katalanische Separatistin Marta Torrecillas ist im Oktober 2017 von Polizisten verletzt worden – am Tag des Referendums über die Unabhängigkeit der abtrünnigen Provinz. Jener Tag hat ihr Leben massiv verändert. Noch heute bekommt sie Morddrohungen.
Pascal Ritter
Marta Torrecillas wurde im Oktober 2017 Opfer eines polizeilichen Übergriffs. (Bild: Samuel Sanchez)

Marta Torrecillas wurde im Oktober 2017 Opfer eines polizeilichen Übergriffs. (Bild: Samuel Sanchez)

Die Worte von Marta Torrecillas verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. «Sie haben mir die Finger einen nach dem anderen gebrochen und mir an die Brüste gefasst», schluchzte sie in einer Sprachnachricht. Am Tag des Referendums über die Unabhängigkeit Kataloniens gelangte das Tondokument über Facebook und Twitter in die Medien. Spanische Polizisten hatten an jenem 1. Oktober 2017 Wahllokale in Katalonien gestürmt, um die verbotene Abstimmung zu verhindern. Torrecillas beobachtete die Wahl im Schulhaus Pau Claris in Barcelona.

Die Sprachnachricht war einer der ersten Belege für die Polizeibrutalität, die später weitherum verurteilt wurde. Der Fussballtrainer von Manchester City, Pep Guardiola, wiederholte die ­Geschichte der Frau, deren Finger einzeln gebrochen worden seien. Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, prangerte den sexuellen Übergriff an.

Wahrheit oder Fake News?

Ein Jahr danach sitzt die 34-Jährige in einem Kaffee in Basel. Sie ist aus Barcelona angereist und wird später an einer Veranstaltung von Auslandskatalanen ihre Geschichte erzählen. Die will einiges richtigstellen. Denn ihre Sprachnachricht hat sich zu einem Bumerang entwickelt, der wuchtig in ihr Leben eingeschlagen ist. Torrecillas ist mittlerweile in Spanien unter dem Namen «Marta dedos rotos» bekannt. Der Zusatz «gebrochene Finger» ist höhnisch gemeint. Denn Marta gilt bei vielen Spaniern als Lügnerin. Das hat mit einem Interview zu tun, das sie am Tag nach dem Unabhängigkeitsreferendum gab. Nach einem Spitalbesuch räumte sie ein, dass die Finger der linken Hand und die Schulter verletzt, aber kein Finger gebrochen war.

Dann begann der Shitstorm. «Marta, die Lügnerin» hiess es nun. Boulevardjournalisten belagerten sie und breiteten Details über ihr Privatleben aus. Die Wut vieler Spanier gegen die Katalanen entlud sich in Internetforen, wo Torrecillas Telefonnummer veröffentlicht wurde. Sie bekam nach eigenen Angaben über 3000 Nachrichten. Obwohl sie die Telefonnummer wechselte, wird sie immer noch wöchentlich mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen eingedeckt. Torrecillas geht gerichtlich gegen sie vor.

Ihren alten Job als Eventmanagerin musste sie an den Nagel hängen. Ihr Arbeitgeber hielt zwar zu ihr. Mit ihrem mittlerweile national verhassten Gesicht durfte sie die Firma aber nicht mehr nach aussen vertreten. Mittlerweile arbeitet sie bei einem Arbeitgeber, der die Unabhängigkeitsbewegung positiv sieht.

Die Smartphones filmten den entscheidenden Moment nicht mit

Was an jenem Tag, der Torrecillas ­Leben auf den Kopf stellte, geschah, zeichnet nun ein Dokumentarfilm nach. Er stammt von einem Journalisten des katalanischen TV-Senders TV3. Er befand sich am 1. Oktober 2017 in der Schule Pau Claris, wo Torrecillas im Auftrag der ­Regionalregierung den Abstimmungsvorgang überwachte. Der Film zeigt, wie zwei Beamte der katalanischen Lokalpolizei vorbeikamen und die Anwesenden baten, die Schule zu verlassen, weil das Referendum illegal sei. Dann kam die Policía Nacional mit Helmen und Schlagstöcken. Handyvideos zeigen ältere Personen und Frauen, die passiv Widerstand leisteten. Marta stand unbeteiligt oben an einer Treppe. Der Dokumentarfilm zeigt aus der Perspektive von Zeugen ­beziehungsweise ihrer Smartphone­kameras, wie sich die Polizisten hinaufprügeln. Die Szene, die Marta Torrecillas berühmt machte, ereignete sich, als die Treppe geräumt und die Urnen beschlagnahmt waren. Torrecillas nähert sich zwei Polizisten. In dem Moment kommt ein weiterer Polizist von der Seite und packt sie am Arm. Es entsteht ein Gerangel. Ein Polizist packt Torrecillas rechte Hand, in der sich ihr Smartphone befindet. Dann zieht er sie die Treppe hinunter. Was dann geschah, ist auf dem Film nicht richtig zu erkennen. Torrecillas Stimme stockt, als sie sich erinnert. Ein Polizist habe ihr an die Brüste gefasst und ihr einzeln die ­Finger der linken Hand ausgerenkt. Die Policía Nacional bestreitet die Vorwürfe. «Es schmerzte höllisch, und in dem ­Moment dachte ich, sie wären gebrochen. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gesagt, was ich erlebt habe», sagt sie über ihre Sprachnachricht.

Und spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Finger gebrochen oder verstaucht waren? Im heutigen Spanien schon, denn es tobt ein Informationskrieg. Am Tag des Referendums mischten sich auf Twitter echte Bilder mit Archivfotos. Die Aussage des damaligen spanischen Aussenministers Alfonso Dastis, der mit Verweis auf gefälschte Bilder jegliche Brutalität bestritt, wurde zwar durch Dutzende echte Videos widerlegt. Doch das vermochte die Wut auf Torrecillas nicht zu dämpfen. Durch den Dok-Film haben die Drohungen wieder zugenommen. Trotzdem würde sie alles wieder gleich machen, sagt Torrecillas.

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