«Infiltrierter des Heiligen Geistes»

Am Samstag beginnt im Vatikan der Prozess gegen den ehemaligen Papstdiener Paolo Gabriele. Er hat zugegeben, vertrauliche Dokumente vom Schreibtisch des Papstes entwendet und an die italienische Presse weitergeleitet zu haben.

Dominik Straub
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Auf der Anklagebank: Paolo Gabriele (links vorne), Kammerdiener des Papstes. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Auf der Anklagebank: Paolo Gabriele (links vorne), Kammerdiener des Papstes. (Bild: ap/Andrew Medichini)

ROM. Der 46jährige Paolo Gabriele ist der «vatikanische Rabe», wie der Geheimnisverräter in den Medien genannt wird. Aber der wahre Angeschuldigte ist ein anderer, zumindest in den Augen des ehemaligen Papstdieners: Als er sich der päpstlichen Dokumente bemächtigte und diese an italienische Medien weiterreichte, habe er als «Infiltrierter des Heiligen Geistes» gehandelt, sagte Gabriele in einem TV-Interview, das er noch vor seiner Verhaftung in anonymer Form gegeben hatte. «Paoletto», wie ihn die anderen Vatikan-Angestellten meist nennen, sieht sich sozusagen als Geheimagent Gottes.

Wollte den Papst unterstützen

Niemals habe er dem Papst mit den Indiskretionen schaden wollen. Im Gegenteil: Er habe gesehen, wie die Bemühungen des Oberhirten, in der korrupten Kurie aufzuräumen, immer wieder behindert worden seien. Diese Intrigen habe er sichtbar machen wollen. Manchmal, erzählte Familienvater Gabriele, habe ihn richtig die Wut gepackt über die «Gummiwände» im Vatikan, die dafür sorgten, dass die Dinge nicht an den Tag kämen: «Der Vatikan ist ein Land, in das man reingehen und ein Blutbad anrichten kann, um dann unbehelligt wieder abzuhauen. Und 24 Stunden später darf keiner mehr etwas dazu sagen, was passiert ist», ereifert sich Gabriele noch heute über den nie ganz aufgeklärten Mord am früheren Kommandanten der Schweizergarde, Alois Estermann, im Mai 1998.

Kaum sensationell Neues

Sein Ziel, den Vatikan als intrigante Schlangengrube darzustellen, hat Gabriele erreicht. Doch sensationell Neues ist im Zug der Vatileaks-Affäre nicht nach draussen gedrungen: Dass es auch im Kirchenstaat mitunter «menschelt» und einzelne hohe Kurienmitglieder gelegentlich im trüben fischen, ist seit längst bekannt, nicht zuletzt dem Papst selber. «Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm (Jesus) ganz zugehören sollten? Und wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?», fragte der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger am Karfreitag 2005. Schon damals, kurz vor seiner Wahl zum Papst, erschien ihm die «Kirche wie ein sinkendes Boot, das voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist». Derart schweres Geschütz wurde in keinem der Briefe aufgefahren, die Gabriele gestohlen und weitergeleitet hat.

Neu war allenfalls die Erkenntnis, wie hartnäckig der Widerstand innerhalb der Kurie (und der Vatikanbank IOR) gegen die von Benedikt XVI. gestartete Transparenz-Kampagne war und ist und wie wenig es dem Kirchenoberhaupt in den siebeneinhalb Jahren seines Pontifikats bisher gelungen ist, die Händler aus dem Tempel zu werfen. Besonders intrigant sind anscheinend die in der Kurie und im IOR traditionell stark vertretenen italienischen Kardinäle: Der Konflikt zwischen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der Nummer zwei im Vatikan, und der einflussreichen italienischen Bischofskonferenz wird durch Vatileaks anschaulich dokumentiert. Der Streit und die Eifersüchteleien der Italiener haben, wie Vatikankenner schrieben, die Form eines «Heiligen Kriegs» angenommen.

Gibt es Hintermänner?

Unabhängig vom letztlich eher unspektakulären Inhalt der entwendeten Dokumente wird das am Samstagmorgen im kleinen vatikanischen Gerichtssaal beginnende Verfahren mit Spannung erwartet. Italiens Medien vergleichen den Prozess gegen Gabriele bereits mit jenem gegen den Papstattentäter Ali Agca 1981: Damals sei der Leib des Pontifex verwundet worden, diesmal seine Privatsphäre. Tatsächlich hat sich die vatikanische Justiz in den letzten Jahrzehnten nie mehr mit einem derart aufsehenerregenden «Fall» beschäftigen müssen – abgesehen davon, dass Agca seinerzeit noch von der italienischen Justiz abgeurteilt worden war.

Interessant am Prozess ist weniger der Sachverhalt als solcher: Paolo Gabriele muss sich wegen «schweren Diebstahls» vor den drei vatikanischen Richtern verantworten; ein Informatiker, der laut einem Vatikansprecher bei den Indiskretionen nur eine «marginale Rolle» spielte, ist wegen Gehilfenschaft angeklagt. Gabriele ist zudem geständig. Spannend ist aber die Frage nach möglichen Hintermännern: Wird «Paoletto» am Prozess prominente Komplizen innerhalb der Kurie benennen, die ihm vertrauliche und brisante Dokumente zugespielt hatten, damit er sie weiterleitet?

Laut Gabriele zwanzig «Raben»

Im Moment scheint man sich im Vatikan mit der Einzeltäter-Theorie ganz gut zu arrangieren. Dass der Diener allein gehandelt haben soll, ist jedoch unwahrscheinlich: Es ist kaum vorstellbar, dass ein einfacher Kammerdiener die Brisanz der einzelnen Dokumente allein beurteilen konnte; in einem psychiatrischen Gutachten wird Gabriele zudem als «leicht manipulierbar» beurteilt. Hinzu kommt, dass die Indiskretionen aus dem Vatikanstaat auch nach seiner Verhaftung im Mai nicht vollständig aufgehört haben.

Und schliesslich hat Gabriele selber angegeben, es seien rund zwanzig «Raben» im Vatikan unterwegs. Sie alle seien willens, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Hat er ihre Namen in den Voruntersuchung genannt? In seinem Plädoyer vom 13. August hatte der vatikanische Ankläger in anonymisierter Form mehrere «Zeugen» erwähnt. Werden sie am Prozess auftreten müssen – und möglicherweise von Zeugen der Anklage selber zu Angeklagten werden? In Rom heisst es, in der Kurie gebe es Persönlichkeiten, die dem Prozess mit gemischten Gefühlen entgegensähen.