IN NACHBARSCHAFT ZU CHINA: Eine Insel an der Leine

Der demokratisch regierten Insel Taiwan weht seit dem Regierungswechsel von diesem Jahr eine eisige Brise aus China entgegen. Die Wirtschaft ist krisenanfällig. In der Bevölkerung bleiben immer mehr junge Frauen ehe- und kinderlos. Auch wenn es Taiwan schon besser ging, hat das teils hochentwickelte und teils urtümliche Land keinerlei Reize eingebüsst, wie ein Besuch zeigt.

Text und Bilder: Kathrin Reimann
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Ausblick von Taipeh 101: Der Wolkenkratzer ist 508 Meter hoch und wurde zwischen 1999 und 2004 erbaut. Damals noch als höchstes Gebäude der Welt. Heute ist es auf den fünften Platz zurückgefallen. Immerhin kann es das weltgrösste Pendel zur ­Dämpfung von Schwingungen vorweisen.

Ausblick von Taipeh 101: Der Wolkenkratzer ist 508 Meter hoch und wurde zwischen 1999 und 2004 erbaut. Damals noch als höchstes Gebäude der Welt. Heute ist es auf den fünften Platz zurückgefallen. Immerhin kann es das weltgrösste Pendel zur ­Dämpfung von Schwingungen vorweisen.

Text und Bilder: Kathrin Reimann

Ein junges Pärchen, glücklich lächelnd beim gemeinsamen Abwasch. Das grossformatige Plakat am Flughafen von Taipeh bewirbt nicht etwa Spülmittel, hier wird die Gleichberechtigung im Haushalt schmackhaft gemacht. In Taiwan – dem faszinierenden wie unbekannten Inselstaat vor der Südostküste des chinesischen Festlandes – sind Gleichberechtigung und Frauenrechte wichtige Themen. Taiwan gilt diesbezüglich als fortschrittlichstes Land Asiens. Dass aber die Regierung das Thema mit Plakaten bewirbt, dürfte an der demographischen Entwicklung liegen. Geburtenmangel und Überalterung sind Phänomene, die die Regierung im fernen Asien ebenso beschäftigt wie hierzulande.

«Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen Heiraten und Kinderkriegen, weil die ganze Hausarbeit an ihnen hängen bleibt», erzählt Annie Chang. Die junge Taiwanerin ist unverheiratet, aber die Eltern liegen ihr damit in den Ohren. Sie arbeitet für das Frauenzentrum von Taiwan, welches sich für Frauenrechte einsetzt. Ausserdem seien Kinder in ­Anbetracht der wirtschaftlichen Lage schlichtweg zu teuer, ergänzt Chang. Die wirtschaftliche Schieflage hängt auch mit einer Frau zusammen, die Chang als Vorbild bezeichnet. Seit dem Regierungswechsel im Mai ist eine unverheiratete, kinderlose Frau Präsidentin des Landes. Als solche verfolgt Tsai Ing-wen von der Demokratischen Fortschrittspartei einen Kurs, der Taiwan unabhängiger von China machen soll. Ein Vorgang, der unter ihren Landsleuten umstritten ist und der dem Inselstaat, der etwas kleiner als die Schweiz, aber mit über 23 Millionen Einwohnern dicht besiedelt ist, wirtschaft­liche Sanktionen von Festlandchina eingebracht hat. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, Taiwan pocht auf Eigenständigkeit. Der eisige Wind, der seit Jahren von China nach Taiwan weht, scheint seit dem Regierungswechsel noch einige Grad kälter zu sein, was auch politische Gründe hat: Taiwan heisst eigentlich gar nicht Taiwan. Der offizielle Name lautet: Republik China. 1912 gegründet, wurde die Republik im Bürgerkrieg 1949 von Maos Kommunisten auf dem Festland besiegt. Die Regierung und Teile der Armee zogen sich nach Taiwan zurück.

Nach der Ausrufung der Volksrepublik China 1949 vertrat Taiwan China bei den Vereinten Nationen und war Mitglied des UN-Sicherheitsrats. 1971 wurde ­Taiwan von der Volksrepublik verdrängt, seither erkennen nur wenige Länder ­Taiwan als Staat an. Dies erschwert dem vom Aussenhandel abhängigen Taiwan die Teilnahme an internationalen Abkommen. Auch in anderen Bereichen versucht China das bis vor kurzem noch wirtschaftlich florierende Nachbarland, zu unterdrücken und es auch sonst an der kurzen Leine zu führen. So berichtet Chui-cheng Chiu, Stellvertretender Minister für Festlandangelegenheiten, von langen Schlangen an Schaltern für Chinesen, die nach Taiwan reisen wollen und für Studierende, die sich für einen Studienplatz auf dem Inselstaat interessieren. Dabei ist dieser sehr beliebt bei Touristen, vor allem solchen aus China. Das Land – früher wurde es von Portugiesen Ilha Formosa, was schöne Insel bedeutet, genannt – lockt mit Bergen, Meer, köstlicher Küche und einer reichen Tier- und Pflanzenwelt. Seit die Wirtschaft aufgrund vermehrter Konkurrenz und sinkender Exporte kriselt, wird der Tourismus immer wichtiger.

Im Tempo des freien Falls auf das Wahrzeichen der Stadt

Die Hauptstadt Taipeh mit acht Mil­lionen Einwohnern pulsiert und hat eine typisch asiatische «Nie-schlafend-Mentalität». Bereits am Morgen tobt das Leben auf den Strassen. Die Einheimischen laufen tagaus, tagein mit Regenschirmen durch die feucht-heissen Strassen, um sich vor brennender Sonne oder Monsunregen zu schützen. Freundlich sind die Schirmträger, gesittet, interessiert, höflich. Oft wird man auf Englisch angesprochen. Wer einmal in China war, findet sich in Taiwan in einer zwar ähnlich aussehenden, von der Mentalität her aber komplett anderen Welt wieder. Ausserdem sei Taiwan das zweitsicherste Land der Welt, wie Eric Lin, Direktor für internationale Tourismus-Angelegenheiten, sagt. «Man kann hier als Frau um Mitternacht alleine auf der Strasse sein, es passiert nichts.» Taiwan ist auch ein velofreundliches Land. 40 00 Kilometer Velowege überziehen die gesamte Insel. In Taipeh können in der gesamten Stadt rund um die Uhr sogenannte U-Bikes an öffentlichen Stationen ausgeliehen werden. Auf den Fahrradwegen und Trottoirs lässt sich die Stadt wunderbar erkunden. Was sich auch empfiehlt, sind die Strassen doch unentwegt von Autos, Bussen und vor allem Rollern verstopft. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät soll sich hier ein Bild vom ­Bike-Sharing-System gemacht, das Veloweg-System begutachtet und das Land schliesslich mit einem Bike made in ­Taiwan verlassen haben. Anscheinend aber nicht, ohne sich vorher zu beklagen, dass man die vielen Velofahrer vor lauter Rollerfahrern gar nicht sehe.

Die Hauptstadt im Norden der Insel ist umgeben von Hügeln und Bergen und gilt nicht nur als wirtschaftliches Zentrum, sie ist auch die kulturelle Hochburg Taiwans. Dementsprechend hat ein Besucher die Qual der Wahl, für welche ­Attraktion er sich entscheidet. Oder wie es Wen-Ying Lee von der Stadtregierung sagt: «Von 1200 Sehenswürdigkeiten im ganzen Land befinden sich 400 in der Hauptstadt.» Als Muss gilt dabei das Wahrzeichen der Stadt, welches in die imposante Höhe von 508 Metern ragt. Man muss schon schwindelfrei sein, um mit dem Lift auf den Taipeh-101-Tower zu fahren. Die Aufzüge sind mit einer ­Geschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde unterwegs, was durchschnittlich dem freien Fall entspricht und Ohrendruck garantiert. Doch die Aussicht ist ebenso gewaltig wie das Hochgefühl, auf einem derart hohen Gebäude zu stehen. Hier erst werden einem die Ausmasse Taipehs bewusst. Für ganz Wagemutige gibt es sogar eine windige Aussenplattform. 700 Millionen Franken soll der Bau des Gebäudes gekostet haben. Bei seiner Eröffnung 2004 war es das höchste der Welt. Wegen der vielen Erdbeben, von denen Taiwan heimgesucht wird, hängt eine 660 Tonnen schwere Stahlkugel im Turm, die bei Erdbeben Erschütterungen auffangen und Energie aus dem Gebäude absorbieren soll.

Erdbeben sind ein ebenso grosses Thema wie die Wohnungsnot in Taipeh: «Du kannst dein ganzes Leben sparen und am Schluss kannst du dir nicht einmal eine Toilette kaufen», nennt es Wen-Ying Lee, stellvertretende Generalsekretärin der Stadtregierung, beim Namen. Ein junger Masterstudent aus der Ostschweiz hat diese Not zu seiner Tugend gemacht: Er kam im obersten Stock eines Wolkenkratzers unter, weil Taiwaner aus Angst vor den Erbeben diesen Wohn­bereich meiden. Um nach dem Trip in die Höhe wieder auf den Boden zu kommen, empfiehlt sich der Besuch einer der zahlreichen Tempel. Denn auch der Wechsel zwischen traditionell und zukunftsorientiert, also in diesem Fall zwischen modernsten Wolkenkratzern und altehrwürdigen Tempelanlagen, zeichnet den Charakter der fortschrittlichsten Stadt des Landes aus. Eine dieser An­lagen ist der beliebte Longshan-Tempel, inmitten eines belebten Nachtmarktes. Faszinierend, welche Oase sich hier mitten im Getümmel befindet. Vor dem Tempel wuchert ein kleiner Urwald mit Wasserfall. Betritt man die Mauern, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich der mythischen Ausstrahlung der heiligen Stätte hinzugeben. Räucherstäbchen und Kerzen brennen, Musik und Gemurmel umhüllen einen, zahl­reiche Menschen knien oder sitzen ­versunken in ihre Gebete, die sie an die Bilder, Figuren und Statuen ihrer Gottheiten richten. Früchte, Blumen, Süssigkeiten und andere Opfergaben liegen auf den Tischen aufgereiht. Die Taiwaner würden sich über die leeren Kirchen in der Schweiz wundern. In dieser duftenden Anlage kniet sich der einfache Greis ebenso murmelnd zum Beten nieder wie der junge Hipster mit Skateboard. Einen Dresscode gibt es nicht in der bunten ­Parallelwelt, in der nur die im Hintergrund in die Höhe ragenden Bauten an die grossstädtische Hektik erinnern. Wer eine Frage, eine Unsicherheit oder einen Zweifel hat, wirft zwei Steine und erhält so den Rat der Götter, entweder etwas zu tun oder etwas zu lassen

Keines Rats der Götter bedarf die Frage, ob man einen Nachtmarkt besuchen soll. Zwar katapultiert man sich so aus den spirituellen Nebelschwaden in die kreischende Realität von Konsum, Kitsch und Amüsierrausch, die Märkte laufen aber durchaus unter dem Prädikat: muss man gesehen haben. Es blinkt, es quietscht, es lärmt, es duftet auf dem Markt, wo sich spätabends Familien ­tummeln. Kinder fischen kleine zappelnde Fische aus Plastikeimer. Verkäufer ­preisen Küchlein an, man kann sich vor aller Augen massieren oder medizinisch schlagen lassen. Handys, Taschen, Spielzeug, Unterwäsche, Kleider, Waffen, Schlangen – hier gibt es alles, was man braucht, oder nicht braucht. Zudem gibt es zig Stände mit Bubble-Tee, Säften, ­allerlei frittierten Speisen oder dem berühmt-berüchtigten Stinky-Tofu. Viele der Dinge werden vor Ort produziert. Den «Made in Taiwan»-Aufdruck hat ­jeder schon auf Produkten gesehen. Wie man auf der Website des Eidgenös­sischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) lesen kann, anerkennt die Schweiz Taiwan zwar nicht als eigenständigen Staat und folgt so ­Pekings Ein-China-Politik, das hindert die Schweiz aber nicht, Taiwan als wichtigen Handelspartner zu behandeln.

Für die Schweiz ist das Land der siebtwichtigste Exportmarkt Asiens. Fleissig wird auch in die Schweiz importiert: Maschinen, Apparate und Elektronik machen den Löwenanteil aus. Stark zugelegt haben Einfuhren von Velos, ­womit Alexander Tschäppät nicht der Einzige ist, der mit einem taiwanischen seine Runden dreht. Auch Schweizer ­Firmen sind in Taiwan tätig, gemäss EDA beschäftigen sie 17 000 Personen vor Ort. Einer, der Taiwan früh als Produktionsstandort entdeckte, war Christoph Blocher mit seiner Ems-Chemie. Doch eben, Taiwan kriselt. Der Ökonom Darson Chiu, stellvertretender Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitut Taiwans, bezeichnet das Land als «Island von Asien» und wegen der politischen Sonderlage sind Freihandelsabkommen und Partnerschaften für die Ankurbelung der Wirtschaft besonders wichtig. Entsprechend oft empfängt Taiwan Gäste aus aller Welt. Auch aus der Schweiz. Der taiwanische Dolmetscher zählt stolz auf, dass er nebst Tschäppät einst auch für Pascal Couchepin, Adolf Ogi oder den St. Galler Politiker Eugen David übersetzt hat.

Opfer für die Göttin der Ehestiftung

Freihandelsabkommen? Krise? Im alten Stadtteil Dataocheng scheint sich für ­solche Dinge kaum einer zu interessieren. In den niedrigen Häusern der Dihua Street reihen sich Geschäfte aneinander, vor denen säckeweise getrocknete Meerestiere, Früchte, Pilze, Tee und Gewürze stehen. Ganze Familien mit Hunden sitzen zwischen der Ware, auf den Trottoirs schauen die Alten zu den Kindern. Wenige Meter weiter zünden beim Xia-Hai-Tempel junge Frauen Räucherstäbchen an. Sie bitten so die Ehestiftungsgottheit, ihnen den richtigen Partner zu schenken. Ob sie das aus Traditionsbewusstsein oder aufgrund der Plakat-Kampagne tun, bleibt ihr Geheimnis.