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In Medellin blüht Hoffnung

Die kolumbianische Metropole Medellin wandelt sich: Wo früher Jahr für Jahr 350 Menschen ermordet wurden, blühen heute Gärten der Versöhnung. Doch vom Fortschritt profitieren nicht alle.
Sandra Weiss
Yisela Quintero in den terrassierten Gärten am Rande Medellins. (Bild: Sandra Weiss)

Yisela Quintero in den terrassierten Gärten am Rande Medellins. (Bild: Sandra Weiss)

MEDELLIN. Die «Comuna 8» thront hoch über der Innenstadt von Medellin. Ein zusammengewürfeltes Labyrinth aus Hütten, lose baumelnden Stromkabeln und steilen, engen Gassen, in denen nur Mopeds ohne grössere Manöver vorankommen. Eine offene Wunde des ältesten Bürgerkriegs Lateinamerikas.

Seit 30 Jahren schlucken städtische Randviertel wie dieses Vertriebene aus ganz Kolumbien. Auf über sechs Millionen ist ihre Zahl inzwischen angeschwollen. Nur in Syrien gibt es mehr Flüchtlinge. Menschen, deren Lebenstraum jäh von den Gewehrläufen einer der vielen bewaffneten Gruppen beendet wurde. Wenn die linke Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) und die Regierung im März wie geplant den Friedensvertrag unterzeichnen, wird er sich an Orten wie der «Comuna 8» bewähren müssen.

Aus der Idylle geflohen

Cocorná ist auf den ersten Blick die Antithese zur urbanen Anarchie der «Comuna 8»: Ein idyllischer Ort mit fruchtbarem Boden, kristallklaren Wasserfällen und üppig bewaldeten Bergen, 80 Kilometer südöstlich der zweitgrössten Stadt Kolumbiens. Einer der dortigen Weiler war die Heimat von Yisela Quintero. Sie war damals 24, vor kurzem Mutter geworden und organisierte Projekte für Bäuerinnen. «Im Jahr 2000 wurde ich Zeuge, wie die Guerilla vermeintliche Spitzel exekutierte. Das störte sowohl die Guerilla als auch die Armee, die mich für eine Komplizin der Rebellen hielt.» Eine Woche lang versteckte sich Yisela, dann jagte ihr die Armee rechte Todesschwadrone auf den Hals. Deren Ultimatum liess ihr nur Zeit, um eine kleine Tasche zu packen. Sie flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter nach Medellin in die «Comuna 8», wo eine Nachbarin ihr Unterschlupf gewährte. Und kam vom Regen in die Traufe.

Die Armenviertel waren rechtsfreie Zonen, die nicht einmal auf den Stadtplänen verzeichnet waren. Die dort zusammengepferchten Bürger zweiter Klasse waren unsichtbar für den Staat. In den «Comunas» setzte der Stärkere sein Recht durch. In den 80er-Jahren war das Pablo Escobar. Er war der erste, der in den Armen Potenzial entdeckte, und sie zu billigen Handlangern seines Kokainimperiums machte. Seine Killer säten Angst und Schrecken. Escobar zwang mit Kugeln seine Rivalen ebenso in die Knie wie das Establishment. Damals wurden in Medellin jedes Jahr 350 von 100 000 Einwohnern ermordet. Ein bis heute von keiner anderen Stadt erreichter Rekord des Schreckens. Nachdem Escobar auf den Dächern von Medellin zu Tode gehetzt worden war, stritten sich die linke Guerilla und rechte Paramilitärs um die Reste seines Imperiums, um die Macht und die Kontrolle. Das Blutvergiessen ging weiter. Und Yisela war erneut mitten in der Gewalt, vor der sie eigentlich geflohen war.

Nächtens flogen die Kugeln

Nächtens musste sie sich mit ihren mittlerweile drei Töchtern unter dem Bett verstecken, wenn wieder einmal die Kugeln flogen. Ihre Holzhütte hielt die Querschläger nicht auf. «In Cocorná hatte ich ein wunderschönes Steinhaus . . .», setzt sie an und lässt den Satz unvollendet. Manchmal wurde sie wach von den Schreien der Folteropfer, die in der Kommandozentrale der Todesschwadrone 50 Meter oberhalb ihres Hauses gequält und ermordet wurden.

Manches kann sie heute erzählen, auch wenn sie ab und zu noch instinktiv die Stimme senkt, damit es niemand falschem zu Ohren kommt. Laut und fröhlich wird sie erst, wenn sie etwas atemlos steil bergan kraxelt, um den Besuchern das zu zeigen, was sie stolz «mein neues Lebensprojekt» nennt: Urbane Gemüsegärten, auf verwegenen Terrassen in den Hang geschlagen. Das Terrain wurde ebenso wie das heutige Gemeinschaftshaus – die ehemalige Folterzentrale – von der Gemeinde zurückerobert, nachdem die Paramilitärs im Jahr 2005 nach Verhandlungen mit der Regierung ihre Waffen niederlegten und ihre Chefs inhaftiert wurden. Unterstützt wurde Yisela dabei von der juristischen Vereinigung Freiheit, einer lokalen Partnerorganisation des katholischen Hilfswerks Misereor.

Die Schrebergärten versorgen mittlerweile die 40 daran beteiligten Familien der Siedlung Pinares del Oriente mit Obst und Gemüse. Menschen aus unterschiedlichsten Regionen Kolumbiens, mit ganz verschiedenen Leidensgeschichten. Das Wühlen in der Erde, das Hegen von Pflänzchen ist für sie eine heilsame Rückkehr zu ihren ländlichen Wurzeln. Durch die gemeinsame Arbeit kehrte die Erinnerung zurück und fiel die Mauer des Misstrauens.

Muster der Gewalt erkennen

«Manche haben hier erstmals über ihr Leid sprechen können, und wir haben gemeinsam geweint», erzählt Yisela. Die zerstörten Nachbarschaftsbande wieder aufzubauen ist mühsamer als sie zu zerstören. «Wir haben unsere Erinnerung zurückgewonnen», sagt Yisela. «Dank ihr sind wir stark. Wir erkennen die Muster der Gewalt und können frühzeitig einschreiten und verhindern, dass so etwas wieder passiert.»

Auf dem Plateau hoch über den Gemüsegärten, mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt, hat die Stadtverwaltung einen kleinen Kinderspielplatz gebaut. Der tiefe Fall Medellins hatte auch positive Folgen: Seit 20 Jahren sind die sukzessiven Stadtverwaltungen bemüht, ihre Fehler auszumerzen und die Armenviertel in die Stadt zu integrieren. Vom Spielplatz blickt man auf ein gerade eingeweihtes, zweistöckiges Kultur- und Sportzentrum; rechts daneben befindet sich eine weitere Station der städtischen Hochseilbahn kurz vor der Einweihung. Etwas weiter entfernt steht eine moderne Bibliothek.

Die nächsten Täter

20 Prozent aller Einwohner Medellins sind Vertriebene, Entwurzelte des Bürgerkriegs. Opfer, aus deren Hilflosigkeit und Misere sich leicht die nächste Generation der Täter rekrutieren lässt. «Die Gewalt ist wie eine Türschwelle. Ist sie einmal überschritten, ist die Rückkehr sehr schwer. Daher müssen wir alles tun, damit die Jugendlichen diesen Schritt nicht tun und ihnen attraktivere Angebote machen als die Banden», resümiert der ehemalige Bürgermeister Sergio Fajardo die städtische Philosophie. «Vor einigen Jahren hat sich noch nicht einmal die Polizei hierher getraut», bestätigt der Präsident des kolumbianischen Sportverbands, Andrés Botero, als er das neue Sport- und Kulturzentrum in der «Comuna 8» einer ausländischen Delegation vorführt. Dank solcher Projekte wurde Medellin 2013 vom Urban Land Institute als «innovativste Stadt der Welt» gekrönt. Die Metropole habe eine der bemerkenswertesten Kehrtwenden aller Zeiten vollbracht, hiess es in der Begründung.

Die stadtpolitische Kehrtwende überzeugt Yisela allerdings nicht ganz. «Ja, schön ist es, unser Sportzentrum», meint sie, «aber 13 000 Nachbarn haben bis heute kein Trinkwasser. Und während die Kinder Fussball spielen, machen sich die Mütter Sorgen, weil sie keinen Job haben und nicht genügend zum Essen auf den Tisch bringen können.» Die moderne Infrastruktur ist beeindruckend – doch gleichzeitig bedroht die Hochseilbahn die Arbeitsplätze der Kleinbusfahrer aus der «Comuna 8», die bislang für den Transport gesorgt haben. Und für jede Seilbahnstation verloren dutzende Familien erneut ihr Dach über dem Kopf und mussten ihre Hütten räumen. «Die Stadtoberen verkaufen ein Bild von Medellin für Touristen und Investoren. Und wir Opfer laufen Gefahr, wieder an den Rand gedrängt zu werden», warnt Yisela.

Nächste Vertreibung droht

Pinares del Oriente zum Beispiel steckt im rechtlichen Niemandsland fest. Die Hütten sind an erdrutschgefährdeten Hängen errichtet und als Risikogebiet eingestuft. Deshalb gibt es weder Infrastruktur – ausser von den Nachbarn illegal abgezweigter Strom – noch Kredite, um die Häuser mit festen Fundamenten zu verankern. Die Nachbarn fürchten, dass sie bald erneut vertrieben werden, denn die Stadt hat in der «Comuna 8» mit der Einrichtung des «Jardin circunvalar» begonnen, ein Grüngürtel als städtisches Naherholungsgebiet. Yisela, deren Heimatdorf inzwischen durch einen Staudamm überflutet wurde, ist nicht willens, sich erneut von einem solchen Projekt vertreiben zu lassen. «Ich habe keine Lust mehr, den Mund zu halten. Wenn wir weiter zulassen, dass unsere Rechte mit Füssen getreten werden, wird es nie etwas mit dem Frieden.»

Die Reportage entstand auf einer Recherchereise mit dem Hilfswerk Misereor.

Lose baumelnde Stromkabel und steile, enge Gassen prägen das Bild der Comunas rund um die Innenstadt von Medellin. (Bild: fotolia)

Lose baumelnde Stromkabel und steile, enge Gassen prägen das Bild der Comunas rund um die Innenstadt von Medellin. (Bild: fotolia)

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