Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kommentar

In Libyen wächst ein Stellvertreterkrieg

Die Situation im nordafrikanischen Krisenstaat droht völlig aus dem Ruder zu laufen. Der UN-Sonderbeauftragte spricht von einem «nationalen Selbstmord».
Martin Gehlen, Tunis
Korrespondent Martin Gehlen

Korrespondent Martin Gehlen

Libyen schlittert in ein Inferno, die Kriegsparteien legen sich keinerlei Zurückhaltung mehr auf. Sämtliche Vermittlungsbemühungen der Vereinten Nationen sind gescheitert. General Khalifa Haftar, der seit drei Monaten versucht, Tripolis zu erobern, rief jetzt den totalen Luftkrieg gegen die libysche Hauptstadt aus. Erstes schreckliches Fanal dieser Eskalation war am Mittwoch das Raketenmassaker mit 44 Toten in einem Flüchtlingscamp im Vorort Tajoura. Dennoch konnte sich der UN-Weltsicherheitsrat – wie gewohnt – auch diesmal nicht darauf einigen, dieses horrende Kriegsverbrechen einhellig zu verurteilen.

Für Libyen und seine Bevölkerung sind dies apokalyptische Vorzeichen. Nach Syrien und Jemen ist ihre Heimat jetzt die nächste nahöstliche Nation, auf deren Boden fremde regionale Mächte ihre Klingen kreuzen. Auf der Seite der international anerkannten «Regierung der Nationalen Übereinkunft» in Tripolis stehen die Türkei und Katar. General Khalifa Haftars «Libysche Nationalarmee» wird von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten hochgerüstet.

Solche von aussen kommenden Kontrahenten jedoch nehmen keinerlei Rücksicht auf die örtliche Zivilbevölkerung, von Migranten in Internierungszentren ganz zu schweigen. Stattdessen mischen immer mehr Söldner aus aller Herren Länder auf dem Schlachtfeld mit. Ausländische Kampfflugzeuge operieren völlig ungehindert, deren Piloten auf alles feuern, was ihnen ins Visier kommt. Gleichzeitig nutzen Dschihadisten das wachsende Chaos im Land, um ihre Terrornetzwerke neu zu knüpfen.

Dieser nationale Selbstmord Libyens, wie der UN-Sonderbeauftragte Ghassan Salamé die heraufziehende Tragödie charakterisiert, begann Ende März mit der mysteriösen Verhaftung des deutsch-tunesischen UN-Spezialisten Moncef Kartas, der in Libyen Verstösse gegen das UN-Waffenembargo aufspüren sollte. Mehrere Wochen lang liess Tunesiens Geheimdienst ihn als angeblichen Spion im Kerker verschwinden – kurz nach dem offiziellen Staatsbesuch des saudischen Königs Salman in Tunis. Anfang April rief dann der von Riad protegierte Haftar seinen Sturmangriff auf Tripolis aus, eine Offensive, die inzwischen 730 Tote und 4000 Verletzte gefordert sowie mehr als 100000 Menschen obdachlos gemacht hat.

Internationale Diplomatie versagt

Mittlerweile gibt es bei der Aufrüstung kein Halten mehr. Haftars Armee protzt im Internet offen mit Radpanzern jordanischer Herkunft. Im Gegenzug luden Milizenkommandeure in Tripolis Kamerateams in den Hafen, um ihnen das Ausladen von Panzerfahrzeugen, Maschinengewehren und Flugabwehrraketen aus der Türkei zu demonstrieren. Auch bewaffnete Kampfdrohnen, die auf beiden Seiten von ausländischen Spezialisten gesteuert werden, gelten nicht länger als militärisches Geheimnis. Als Haftars Generalstab vor einer Woche Hals über Kopf seine bisher wichtigste Angriffsbastion, die 80 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegene Stadt Garian, räumen musste, liess er tonnenweise Kriegsgerät zurück, das meiste aus den USA und China, ursprünglich geliefert an die Vereinigten Arabischen Emirate.

Trotzdem ist die internatio­nale Diplomatie gelähmt, der UN-Sicherheitsrat heillos zerstritten. Moskau und Washington kommen auf keinen gemeinsamen Nenner. Den von EU-Turbulenzen gebeutelten europäischen Mächten fehlt der politische Wille, das Unheil direkt vor ihrer nordafrikanischen Haustüre zu stoppen. Die frühere Kolonialmacht Italien steht auf der Seite von Tripolis und ist froh, dass die libysche Küstenwache mehr und mehr Bootsmigranten wieder einsammelt und an Land zurückbringt. Frankreich wiederum stärkt dem angreifenden General Haftar den Rücken, weil man in Paris dem selbsternannten starken Mann am ehesten zutraut, die Mittelmeergrenze abzudichten sowie die Anarchie von Milizen und Schleppern einzudämmen.

Die nahöstlichen Machtrivalen in Abu Dhabi, Kairo und Riad sowie in Ankara und Doha wiederum denken nicht daran, in absehbarer Zeit das militärische Feld zu räumen. Sie setzen voll auf Sieg. Sie werden in Libyen weiter kämpfen lassen und dafür die Waffen liefern, bis alles in Trümmern liegt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.