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In kleinen Schritten gegen die mächtigen arabischen Clans von Berlin

Sie kontrollieren einen ganzen Kiez, kommen durch Erpressung, Drogen und Zuhälterei zu Reichtum. Jetzt sagt Berlin den arabischen Clans den Kampf an. Reportage einer Razzia in einem von Berlins Problemvierteln.
Christoph Reichmuth, Berlin

Es bricht Hektik aus. Thomas Böttcher zeigt auf die gegenüberliegende Strassenseite, der Fahrer beschleunigt. «Halten Sie sich fest!», ruft er. Dann heulen die Sirenen, der Wagen schiesst um die Kurve. Reifen quietschen. Böttcher springt aus dem Einsatzwagen, greift seine Waffe. «Stehen bleiben, Polizei!» Eine Szene wie in einem Actionstreifen. Drei junge Männer kauern nun am Boden. Gerade eben noch lieferten sie sich eine Auseinandersetzung, einer von ihnen trägt ein Messer auf sich. Jetzt klicken die Handschellen.

Polizeikommissar Thomas Böttcher (in Gelb) im Einsatz. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Polizeikommissar Thomas Böttcher (in Gelb) im Einsatz. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Die Szene im Video:

Neukölln, ein Bezirk im südlichen Teil Berlins. 330'000 Einwohner. Szene-Viertel für Studenten, aber auch einer der Problem-Kieze der Hauptstadt. Mehr als die Hälfte der Bewohner hat einen Migrationshintergrund, fast fünfzig Prozent leben von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe. In der Sonnenallee und in der Karl-Marx-Strasse reiht sich Shisha-Bar an türkisches Café, Gemüsehändler an Döner-Bude, Spielsalon an libanesisches Schnellimbiss-Restaurant und Handy-Laden.

Auf den Strassen herrscht auch spätnachts geschäftiges Treiben. In Cafés sitzen Männergruppen an Tischen und spielen Karten, trinken Tee. Teure Fahrzeuge brettern mit lautem Motorengeheul über die Strassen. Hinter den Steuerrädern sind meist junge Männer, betont lässig. Nachts gehören die Strassen hier den Männern.

Ein Café in Neukölln. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Ein Café in Neukölln. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Böttcher ist Polizeidirektor des Polizeiabschnitts 55, zuständig für Nord-Neukölln. Seit über 40 Jahren ist er im Dienst. Nord-Neukölln. Ein besonders heisses Pflaster. Viele Strassenzüge im Kiez sind kontrolliert von arabischstämmigen Grossfamilien.

Abou-Chaker, Remmo, Miri. So nennen sich die drei einflussreichsten unter ihnen. 13 «behördenrelevante» Grossfamilien mit bis zu 10'000 Mitgliedern gibt es in der Hauptstadt laut Schätzungen. Sie machen viel Geld mit Schutzgelderpressung, mit Zuhälterei, Drogenhandel. Die kleinen Dealer, die in ihrem Kiez Kokain verkaufen, müssen bei den Clans Tageslizenzen kaufen. Wer im Kiez ein Geschäft eröffnet, bekommt Besuch von Clanangehörigen. Sie bieten Schutz für Geld.

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Die Clans drehen auch mal grössere Dinge. Damit verschaffen sie sich den Respekt der verfeindeten Clans, den Respekt der Strasse. Und es wirft Geld ab. Goldmünzenraub aus dem Bode-Museum in Berlin. Die Münze, Materialwert von 3,75 Millionen Euro, ist verschwunden, vermutlich längst eingeschmolzen. Sie überfallen Pokerturniere, rauben Sparkassen oder Schmuck- und Uhrenläden aus. Es gibt auch immer wieder Tote in der Szene, vorigen Herbst wurde ein hohes Clanmitglied auf offener Strasse niedergeschossen, vermutlich wegen eines Streits unter Clans um Einfluss im Kiez.

Überfälle auf Geldtransporter – auch das gehört zum Geschäftsmodell. Die Gelder werden gewaschen, in Spielhallen und Immobilien investiert, oft über Strohmänner, manche von ihnen sind im Libanon gemeldet. Böttcher schätzt, dass über 80 Prozent der Spielsalons und Shishabars in Neukölln dazu dienen, Gelder zu waschen.

Jahrelang haben die Behörden in den deutschen Grossstädten wie Essen, Duisburg oder Berlin dem Treiben zugesehen. Es haben sich Parallelgesellschaften mit eigenen Regeln gebildet. Jetzt wollen sich die Behörden in Berlin die Strassen zurückholen. Wenn der Verdacht besteht, dass Vermögenswerte durch illegale Gelder finanziert wurden, sollen diese beschlagnahmt werden. Clanmitglieder, die von Sozialhilfe leben, aber einen BMW im Wert von 150'000 Euro fahren, sollen darlegen, wie sie den Boliden finanziert haben.

Ein Auto, das nicht ordnungsgemäss gemeldet ist, wird bei einer Kontrolle abgeschleppt. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin Neukölln, 1. März 2019)

Ein Auto, das nicht ordnungsgemäss gemeldet ist, wird bei einer Kontrolle abgeschleppt. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin Neukölln, 1. März 2019)

Die Polizei intensiviert Razzien von Sishabars, von Spielhallen, führt mehrmals wöchentlich Strassenkontrollen durch, bei denen die besonders teuren Fahrzeuge herausgeholt und die Fahrer kontrolliert werden. Politik der kleinen Nadelstiche, nennt das der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Neukölln, Falko Liecke.

Die Clanmitglieder sollen mürbe gemacht werden, die Lust verlieren, krumme Geschäfte zu drehen. «Wir können mit solchen Grossrazzien deutlich machen, dass unsere Regeln und Gesetze zu befolgen sind», sagt der CDU-Mann. «Viele betrachten Deutschland als ihre Beute, die man beliebig ausnehmen kann.»

Die Polizei auf dem Weg zu einer Razzia. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Die Polizei auf dem Weg zu einer Razzia. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Liecke will dem Sozialhilfemissbrauch den Riegel schieben. «Die Leute fahren einen BMW, den sich die meisten Menschen niemals leisten können, beziehen aber Arbeitslosengeld und lachen unseren Staat aus», sagt der 46-Jährige. Die Fahrzeuge seien gemeldet auf Freunde, auf den Onkel, auf Bekannte. Bis jetzt hätten die Behörden darüber hinweggesehen, Liecke will das ändern.

Er will ansetzen bei der Jugend, ihr helfen, den vorgepflasterten Pfad, der direkt in die Kriminalität führt, zu verlassen. Er weiss, dass das bei der ausgeprägten Loyalität in Grossfamilien schwer wird. Er weiss auch, dass die Jugendlichen falsche Vorbilder haben, dass ein 2000-Euro-Brutto-Lohn, der ihnen der Staat als Gegenleistung bietet, eine nicht gerade reizvolle Alternative darstellt zu einem Leben im Luxus. Der Onkel mit der Rolex, der Vater mit dem Mercedes, der andere Onkel mit der eigenen Villa, dazu das enorme Renommee in der Szene – das sind die Vorbilder dieser jungen Leute. Liecke sagt:

«Wir konkurrieren mit Mercedes-S-Klasse und Rolex gegen eine Ausbildung zum Einzelhandelsangestellten mit Durchschnittsgehalt»

«Was wir bieten können, ist ein angenehmes Leben: Das Spezialeinsatzkommando stürmt morgens die Wohnung nicht mehr, das Finanzamt hört auf zu nerven, die Polizei beschlagnahmt die Autos nicht mehr. Mit den Razzien zeigen wir diesen Menschen auch: Wenn ich mein Leben so weiterführe wie bis jetzt, geht mir der Staat ein Leben lang auf den Keks.»

Razzia in Neukölln. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Razzia in Neukölln. (Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

21 Uhr, Nähe Karl-Marx-Strasse. Bei der Razzia sind auch die Leute vom Finanz- und Ordnungsamt mit dabei. Ein kleines Café in einer Seitenstrasse, das Ordnungsamt beschlagnahmt Geldspielgeräte und einen Flachbildschirm. Probleme mit dem Finanzamt, fehlende Lizenzen, heisst es. Der Laden gehört einem Angehörigen eines einflussreichen Clans. Nächste Spielhalle, gegen halb zehn Uhr nachts. Mitten in die Razzia tritt der Chef die Türe hinein. Ein Angestellter hat ihn über den Besuch der Beamten informiert. Sein Mercedes vor der Türe geparkt, akkurater Bart, Jacket, Glatze, einen Pulli, der über das Bäuchlein spannt. Eine beeindruckende Erscheinung. «Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann», poltert er aufgeregt.

Böttcher meint etwas später: «Das ist eine grosse Nummer in der Szene.» Besitzer dutzender dubioser Spielhallen. Die Polizei fand einen Hinweis, dass auf seinem Konto eine hohe einstellige Millionensumme liegt – ein krasser Widerspruch zu der von ihm beschriebenen bescheidenen Lebensweise.

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Weiter Richtung Rathaus Neukölln. Auf der Strasse draussen leichte Tumulte, Schaulustige. Ein junger Mann steigt aus seinem BMW, fuchtelt mit den Armen, flucht unbeherrscht. Die Polizei lässt den Boliden abschleppen. Nicht bezahlte Strassenverkehrsgebühr. «Verpiss dich!», schmettert er dem Reporter an den Kopf, dem Fotografen droht er mit Karriereende, sollte das Nummernschild in der Zeitung erkennbar sein. Böttcher kommentiert gelassen: «Solche Aktionen haben einen pädagogischen Effekt: Wir machen deutlich, dass in Neukölln die gleichen Gesetze gelten wie im übrigen Teil des Landes.»

Staat hat die Entwicklung jahrelang ignoriert

Der Berliner Migrationsforscher Ralph Ghadban, gebürtiger Libanese, kennt die Berliner Clanszene wie kaum ein anderer. In seinem Buch «Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr» erklärt der Islamwissenschafter, dass die Clans in den 1980er-Jahren aus den Wirren der Nahostkonflikte und des libanesischen Bürgerkrieges nach Deutschland ausgewandert waren. Viele der damals als Flüchtlinge nach Deutschland gekommenen Grossfamilien hätten zu Beginn nicht arbeiten können und gerieten dadurch an den Tropf der Sozialhilfe. Um trotzdem am Reichtum partizipieren zu können, hätten die Clans eigene, kriminelle Geschäftsmodelle entwickelt.

Es sei eine von der Sozialhilfe lebende Generation herangewachsen, die ihr eigenes Überleben nur in einer starken Familiengemeinschaft sichergestellt sah. Diese Entwicklung habe der Staat ignoriert, moniert Ghadban. Er meint:

«Die Clans lachen sich über diesen Staat kaputt»

Die Grossfamilien vergrösserten sich über die Jahre durch Zwangsehen oder Ehen mit Minderjährigen. «Das sind Straftatbestände, die der Staat nicht verfolgt. Wenn der Staat die Frauen aus den Clans herausholen kann, verfällt die Clanstruktur. Wir müssen die Geschlossenheit der Clans durchbrechen.»

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

(Bild: Rudi Renoir Appoldt, Berlin, 1. März 2019)

Gegen 1 Uhr nachts endet die Grossrazzia. Bilanz des Abends: mehrere konfiszierte Spiel- und TV-Geräte, beschlagnahmte Drogen, unversteuerter Shishatabak und mehrere ausgesprochene Fahrverbote wegen fehlendem Versicherungsschutz. Thomas Böttcher seufzt: «Das Bild, das die Clans abgeben, ist fatal: Man muss sich nur kriminell verhalten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein», sagt der bald 62-Jährige. Und fügt hinzu:

«Das Credo der Behörden muss lauten: Wir setzen unsere Regeln durch – und wir setzen sie in jedem Falle durch.»

Das gilt auch für die drei jungen Männer, die am frühen Abend in Handschellen gelegt wurden. Die haben nun ein Verfahren wegen Körperverletzung am Hals. Demnächst müssen sie vor dem Richter antraben.

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