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In Italien bahnt sich eine nächste Flüchtlingskrise an

ROM. Mehrere Male hatte der Rentner das Telefon, das am Dienstagmorgen klingelte, wieder aufgelegt: Der 66jährige Römer hat kein Wort von dem verstanden, was die aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung sagte.
Dominik Straub

ROM. Mehrere Male hatte der Rentner das Telefon, das am Dienstagmorgen klingelte, wieder aufgelegt: Der 66jährige Römer hat kein Wort von dem verstanden, was die aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung sagte. Schliesslich hat er die Polizei gerufen – und damit unwissentlich vielleicht Hunderte Menschenleben gerettet. Denn beim Anrufer hat es sich um einen sudanesischen Migranten auf einem in Seenot geratenen Flüchtlingsboot gehandelt, der in sein Satellitentelefon wahllos Nummern eingetippt hatte – in der Hoffnung, einen Notruf absetzen zu können. Das Boot wurde in der Folge von der italienischen Küstenwache lokalisiert und die 600 Migranten konnten gerettet und in Sizilien an Land gebracht werden.

Sprunghafte Zunahme

Am gleichen Tag hatte die Küstenwache weitere tausend Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet; am Tag darauf, also vorgestern Mittwoch, waren es 2800. Die Zahl der Flüchtlinge, die von Nordafrika nach Italien gelangen wollen, hat in den vergangenen Tagen sprunghaft zugenommen. «Die Situation ist besorgniserregend», sagt die Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Carlotta Sami. Und die offiziellen Zahlen bestätigen die Zunahme: Vom 1. Januar bis am 30. März sind in Sizilien und Lampedusa bereits über 18 000 Bootsflüchtlinge angekommen. Das entspricht einer Zunahme von über 80 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten im Rekordjahr 2014, in welchem insgesamt 170 000 Flüchtlinge nach Italien gelangt waren.

Der Rekord könnte in diesem Jahr leicht gebrochen werden: Die Behörden rechnen für 2016 mit bis zu 270 000 Bootsflüchtlingen. «Diese Welle könnte uns überrollen, das bestehende Netz von Aufnahmezentren wird dem Ansturm nicht standhalten», zitierte die Zeitung «La Repubblica» gestern eine Quelle im italienischen Innenministerium. Tatsächlich ist die Situation in den Auffangzentren schon heute prekär, obwohl die Behörden in den letzten zwei Jahren Zehntausende neue Unterbringungsplätze geschaffen haben. Laut dem Innenministerium werden derzeit 110 000 Flüchtlinge in den staatlichen Zentren betreut – damit sind die Kapazitäten bereits weitgehend ausgelastet.

Bis jetzt vor allem aus Afrika

Der Anstieg der Flüchtlingszahlen in Italien fällt zeitlich zusammen mit der Schliessung der sogenannten Balkanroute und dem Inkrafttreten des Abkommens zwischen der EU und der Türkei am 20. März. Ein Zusammenhang besteht aber nicht, wie die Nationalitäten der Flüchtlinge belegen: In Sizilien und Lampedusa landen vor allem Menschen aus Nigeria, Gambia und Senegal. Ein Grund zur Beruhigung ist dies nicht: Bleibt die Balkanroute dauerhaft geschlossen, werden die nun in der Türkei blockierten Syrer, Afghanen und Iraker Ausweichrouten suchen. Der Weg nach Libyen, von wo aus die meisten Flüchtlinge nach Italien aufbrechen, ist zwar weit und gefährlich, aber er wäre immerhin eine Möglichkeit.

Keinen Partner in Libyen

Italien befindet sich in einer ungemütlichen Situation: Wegen der in den letzten Monaten von sämtlichen Nachbarländern wieder eingeführten Grenzkontrollen kann Rom nicht mehr darauf vertrauen, dass die in Sizilien und Lampedusa ankommenden Flüchtlinge unregistriert einfach nach Norden weiterreisen werden. Und in Libyen, das immer tiefer im politischen Chaos versinkt, werden Rom und die EU im Unterschied zur Türkei vergeblich nach einem Partner suchen, der einem die Kastanien aus dem Feuer holt und die Migranten zurückhält oder wieder zurücknimmt. Italien, befürchtet die Regierung von Matteo Renzi in Rom nicht ohne Grund, könnte in den nächsten Monaten zu einem riesigen Idomeni werden.

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