In der Südtürkei brodelt Unmut

In der Provinz Hatay, die an Syrien grenzt, wächst der Widerstand unter der Bevölkerung gegen die Syrien-Politik von Ministerpräsident Erdogan, der mit dem Assad-Regime auf Konfrontationskurs ist.

Michael Wrase
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Demonstration in Antakya. (Bild: M.Wr.)

Demonstration in Antakya. (Bild: M.Wr.)

ANTAKYA. «Unser Blut und unsere Seele geben wir Bashir», skandierten am Samstag gut 5000 türkische Demonstranten in Antakya im Südosten des Landes, nahe der Grenze zu Syrien. Anlässlich des Weltfriedenstags waren sie auf die Strasse gegangen, um ihren Unmut über die Syrien-Politik des türkischen Premierministers Erdogan zum Ausdruck zu bringen. «Die vielen syrischen Flüchtlinge in unserer Provinz haben mehr Freiheit als wir», sagte der Redner an der Abschlusskundgebung – und fragt die Menge: «Sollen wir uns das bieten lassen?» – «Nein», schreien die Demonstranten. Dabei schlagen sie wütend die mitgebrachten Trommeln und halten Porträts des syrischen Präsidenten Assad in die Höhe, der, sagt der Redner, «das gute Recht hat, die Einheit Syriens zu verteidigen».

Das 220 000 Einwohner zählende Antakya war bis zum Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine boomende Stadt. Das Freihandelsabkommen zwischen der Türkei und Syrien brachte einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung, der nach der Übernahme der Grenzübergänge durch die «Freie Syrische Armee» zum Erliegen gekommen ist. Anstelle der Touristen kämen jetzt Flüchtlinge «in unsere weltoffene, multikulturelle Stadt», klagt Mithat Kalaycioglu, Chefredaktor der Lokalzeitung «Hatay». So heisst auch die an Syrien grenzende Provinz, in der nun «Islamisten ihr Unwesen treiben» würden.

Alawitische Solidarität

Wütend zeigt Kalaycioglu auf eine Gruppe jüngerer Männer mit langen Bärten in der Fussgängerzone von Antakya. «Diese Leute belästigen unsere Frauen, bedrohen sie wegen ihrer elegant geschnittenen Kleider.» Der Chefredaktor ist mit seiner Kritik nicht allein. Viele Bewohner scheinen seine Ansichten zu teilen, was auch mit ihrer Religionszugehörigkeit zu tun hat: In der Provinz Hatay stellen eine halbe Million arabisch sprechende Alawiten die Bevölkerungsmehrheit. Das erklärt die Verbundenheit mit der regierenden alawitischen Minderheit in Syrien aber nur teils.

Auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften und Ethnien in Hatay kritisieren die Syrien-Politik ihres Ministerpräsidenten. «Dieser Mann hat den heiligsten Grundsatz unseres Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk verraten», sagt Nihat Karaasian. Der Ingenieur aus der Mittelmeerstadt Arsus nördlich von Antakya bezieht sich auf die in der Türkei allgegenwärtige Parole «Frieden zu Hause, Frieden in der Welt». An diesen Grundsatz habe sich nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reichs jede Regierung gehalten. Nur «der Moslembruder Erdogan» gehe eigene Wege und bringe damit das Land in extreme Schwierigkeiten.

Angst um die eigene Sicherheit

Auch im «Kule»-Restaurant von Harbiye, einem Vorort von Antakya, geht es um die Syrien-Politik Erdogans, der von den Gästen als «neuer Kalif» verspottet wird. «Wir wollen weder Streit noch Krieg, sondern weiter in Frieden miteinander leben», sagte der Student Suleiman. Sein Tischnachbar, ein Rechtsanwalt aus der Grenzstadt Reyhanli, nickt zustimmend, um dann das «gefährliche Spiel der Amerikaner» anzuprangern. Sollten «die Imperialisten» in Syrien intervenieren, werde es auch in der Süd-Türkei nicht ruhig bleiben. «Warum», fragt der Jurist mit hochrotem Kopf, «hetzt Erdogan die Moslems gegeneinander auf?»

Man müsse den Ärger der Menschen in Hatay verstehen, versucht der oppositionelle Parlamentsabgeordnete Hasan Akgol die Wut seiner Landsleute zu relativieren. «Die Leute hier haben Angst. Sie wissen nicht, wie lange die unzähligen Flüchtlinge hier bleiben werden und welche Absichten sie verfolgen.» Auch die Regierung Erdogan scheine inzwischen den Ernst der Lage erkannt zu haben, sagt der Abgeordnete. Erste Gespräche über eine «Verlegung der Flüchtlinge» aus Hatay in andere Regionen des Landes seien bereits geführt worden.

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