In Afghanistan kündigt sich eine politische Wende an

KABUL. Nach Auszählung der Hälfte der Stimmen, die bei den afghanischen Präsidentschaftswahlen vom 5. April abgegeben worden waren, zeichnet sich am Hindukusch eine radikale Veränderung ab.

Willi Germund
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KABUL. Nach Auszählung der Hälfte der Stimmen, die bei den afghanischen Präsidentschaftswahlen vom 5. April abgegeben worden waren, zeichnet sich am Hindukusch eine radikale Veränderung ab. Der Augenarzt und frühere Aussenminister Abdullah Abdullah führt mit rund 45 Prozent der Stimmen vor dem Paschtunen Ashraf Ghani mit rund 34 Prozent. Das gute Abschneiden Abdullahs überrascht, weil er politisch im relativ kleinen, einst von dem 2001 getöteten Kriegsfürsten Ahmed Shah kontrollierten und im Süden des Landes mit Misstrauen betrachteten Panjsheer-Tal verankert ist.

Abdullah mobilisierte Wähler

Sollte Abdullah die für den 7. Juni geplante Stichwahl gewinnen, würde erstmals in der Geschichte Afghanistans der Staatschef kein Paschtune sein. Die beiden Politiker werben hinter den Kulissen bereits um die Unterstützung unterlegener Kandidaten. Unter ihnen befindet sich auch Salmai Rassoul, der Lieblingskandidat des amtierenden Präsidenten Hamid Karzai, der sich nach den vorliegenden Resultaten mit zehn Prozent der Stimmen zufriedengeben musste. Abdullah profitierte im ersten Wahlgang von der unerwartet hohen Wahlbeteiligung im Norden Afghanistans, wo überwiegend die ethnischen Minderheiten der Hazaras, der Tadschiken und Usbeken leben. Sie betrachten die Zeit seit der Ankunft der Internationalen Sicherheitstruppe ISAF als «goldene Jahre».

Gleichgültige Paschtunen

Aber selbst in der Hauptstadt Kabul mit ihren sechs Millionen Einwohnern wurde am Wahltag deutlich, dass die Paschtunen, die gegen 42 Prozent der afghanischen Bevölkerung stellen, eher apathisch auf den Urnengang reagierten. Dies auch darum, weil ihre Heimat im Süden und Osten Afghanistans mehr als andere Landstriche seit 2001 unter dem Krieg gegen die radikalislamischen Talibanmilizen leidet. Beobachter glauben jedoch, dass die Gleichgültigkeit der Paschtunen bei einer Stichwahl nachlassen wird. Angesichts der Möglichkeit, dass Abdullah Regierungschef wird, könnten sie sich beim zweiten Wahlgang stärker mobilisieren lassen.

Die Hoffnung der Taliban

Sollte der frühere Finanzminister und Weltbank-Ökonom Ghani auch in der Stichwahl verlieren, drohen nach dem Rückzug der ausländischen Truppen nicht nur schwierige wirtschaftliche, sondern zusätzlich problematische politische Zeiten. Denn die Paschtunen werden sich mit allen Kräften gegen ein solches Ergebnis stemmen. Auch die radikalislamischen Taliban hoffen, im Fall von Abdullahs Machtübernahme auf mehr Zulauf von der paschtunischen Bevölkerung.

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