Immer wieder neue Grenzen

Mazedoniens Regierung hat polizeiliche Gewaltorgien gegen Flüchtlinge forciert, um die EU-Staaten aufzurütteln. Die Szenen dürften sich bald in Südungarn wiederholen.

Rudolf Gruber
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SKOPJE. Es ist ein trauriges Katz-und-Maus-Spiel, das die Regierung in Skopje mit den Flüchtlingen aus den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas treibt, die seit Monaten an die Südgrenze des Landes kommen. Wochenlang liess man sie einfach passieren, stattete sie mit einem Dreitagesvisum aus, damit sie das Land so schnell wie möglich mit dem Zug wieder Richtung Serbien verlassen konnten.

Druck wurde zu gross

Vorigen Donnerstag erklärte die Regierung plötzlich den Ausnahmezustand, schloss die Grenze und liess Soldaten und Polizisten aufmarschieren. Doch die Flüchtlinge, die Kriegen und Elend entkommen sind und Tausende Kilometer unter lebensgefährlichen Umständen bis nach Europa hinter sich haben, liessen sich nicht aufhalten: Rund 2000 stürmten am Samstag mitsamt Kindern los und überrannten die Sperren. Soldaten und Polizisten knüppelten auf sie ein und warfen Blendgranaten, mitten im Getümmel waren auch viele Frauen und Kinder. Es gab Dutzende Verletzte. Am Ende mussten die Ordnungskräfte kapitulieren, die Flüchtlinge schafften den Durchbruch auf die mazedonische Seite.

Gestern Sonderzüge und Busse

Gestern wurde die Grenze nun definitiv wieder geöffnet. Es war wie zuvor, die Flüchtlinge trauten ihren Augen nicht: «Alles wirkte wieder sehr friedlich, Polizisten begrüssten uns mit: Willkommen in Mazedonien!», erzählt der Syrer Abdullah Bilal der Agentur Reuters. Laut Polizeiangaben stellten die mazedonischen Behörden 5000 Flüchtlingen Papiere aus und schickten sie weiter zum Grenzbahnhof Gevgelija, wo Züge nach Belgrad auf sie warteten. Diesmal hat die ohnehin armselige mazedonische Bahn Züge aus dem ganzen Land zusammengezogen, damit es nicht wieder zu lebensgefährlichen Keilereien kam wie in den Tagen zuvor. Auch Busse wurden zur Verfügung gestellt, mit denen ein Teil der Flüchtlinge bis wenigstens an die serbische Grenze kam. Serbien erwarte weitere 5000 Flüchtlinge «in den nächsten zwei, drei Tagen», sagte der serbische Verteidigungsminister Bratislav Gasic, der gestern die Grenzregion besuchte, der Agentur Tanjug.

Am Nachmittag hiess es von mazedonischer Seite plötzlich wieder, die Grenze werde erneut geschlossen, bis der von Hunderten Flüchtlingen belagerte Bahnhof in Gevgelija wieder entlastet sei. Man wolle jetzt einen Korridor errichten, um sie nach Feststellung der Personalien kontrolliert über die Grenze zu schleusen.

Wiederholung weiter nördlich

Auf den ersten Blick ist es ein übles taktisches Spiel, das die mazedonische Regierung auf dem Rücken der Flüchtlinge austrägt. Bei näherem Hinsehen aber blieb ihr kaum eine Wahl, als mit dem Ausnahmezustand die Notbremse zu ziehen und Gewaltszenen in Kauf zu nehmen, um die EU-Staaten aufzurütteln. Spätestens seit dem Wochenende ist offensichtlich, dass das kleine Land, das zwei Millionen Einwohner zählt und halb so gross ist wie die Schweiz, unmöglich allein mit dem Flüchtlingsstrom aus Griechenland fertig werden kann. Zudem liegt Mazedonien an neuralgischer Stelle auf der Balkanroute zwischen der Türkei und der Wohlstandsburg EU, die für die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge das Ziel ist. Allein Deutschland rechnet bis Jahresende mit 800 000 Flüchtlingen.

Die EU ist gefordert, schneller und entschiedener zu handeln als bisher. Denn die Gewaltszenen vom Wochenende auf dem Südbalkan dürften nur ein Vorspiel dessen sein, was sich demnächst an der serbisch-ungarischen Grenze abspielen wird, wenn sich in den nächsten Stunden und Tagen der Flüchtlingsstrom an der serbisch-ungarischen Grenze wieder zu stauen beginnt.

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