Im syrischen Homs soll ein Bürgerkrieg toben

In Teilen Syriens droht die Lage ausser Kontrolle zu geraten. Ein Grund dafür sind die Angriffe bewaffneter Oppositioneller, auf die das Regime laut «Human Rights Watch» mit «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» reagiert.

Michael Wrase
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LISMASSOL. Hinter einem ausgebrannten Panzer kauern drei syrische Soldaten und fragen verzweifelt über Funk, ob sie zur Bergung ihrer toten Kameraden einen temporären Waffenstillstand zustimmen sollen. Das dramatische Internet-Video soll am letzten Sonntag in Homs aufgenommen worden sein, kurz nach einem von Oppositionellen geführten Raketenangriff. Eine unabhängige Bestätigung für die Aufnahmen gibt es nicht, da ausländische Journalisten die Revolutionshochburg nicht besuchen können.

«Wie im Krieg»

Politische Analysten müssen sich daher auf die Berichte und Bilder von Augenzeugen verlassen, die inzwischen aber eine eindeutige Sprache sprechen: In Homs tobt ein Bürgerkrieg. Regierungssoldaten einerseits und Armee-Deserteure anderseits, die sich zur «Freien syrischen Armee» zusammengeschlossen haben, kämpfen um die Kontrolle über die drittgrösste Stadt Syriens. Ihr Verlust würde das Ende des Regimes von Präsident Assad einleiten. Der Diktator hat der Armee daher den Befehl gegeben, die Stadt mit buchstäblich allen Mitteln zu halten.

Die 1,2 Millionen Einwohner von Homs, von denen 80 Prozent der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit angehören, leben «wie im Krieg», heisst es in einem gestern veröffentlichten Bericht von «Human Rights Watch». Die Organisation wirft Assad «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» vor und kann dies mit Interviews, die mit 110 Bewohnern der Region Homs geführt wurden, sehr eindrücklich belegen.

Was in dem Bericht zu kurz kommt, sind die Übergriffe islamischer Extremisten auf Christen und Aleviten, die von der Opposition beschuldigt werden, das Regime zu stützen.

Christen sollen auswandern

Der Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen. Mit Äxten verübte Massaker sowie die Entführung und Ermordung überzeugter Assad-Anhänger gehören aber auch zum «Mikrokosmos der Brutalität» in Homs, den das Regime mit der rücksichtslosen Niederschlagung der Revolte letztlich verursacht hat. Für eine Umsetzung der von der Arabischen Liga angestrebten Friedensinitiative, die das Ende der Gewalt bringen soll, ist es angesichts des uferlosen Hasses zwischen den syrischen Religionsgemeinschaften vermutlich längst zu spät.

Die sunnitischen Moslems verlangten auch auf den gestrigen Freitags-Demonstrationen nicht nur den Sturz des Assad-Regimes. Die Christen, hiess es in Sprechchören, sollten schnellstmöglich nach Beirut auswandern, und die Aleviten, zu denen der Assad-Clan gehört, sich am besten gleich einen Sarg kaufen. Solche Provokationen vertiefen die Gräben weiter. Die meisten Christen betrachten Assad weiter als eine Überlebensgarantie. Und die Aleviten ohnehin. Aber auch viele Sunniten, weiss der amerikanische Syrien-Kenner Joshua Landis, der in seinem Blogg «Syria Comment» täglich über die Lage in Syrien berichtet, sei «der Preis eines Bürgerkrieges» zum Sturz von Assad viel zu hoch.

Damaskus noch unter Kontrolle

Diese ambivalente Haltung ist auch der Grund, warum die Revolution nach acht Monaten noch immer nicht die Millionenstädte Damaskus und Aleppo erreicht hat, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt. Nur am Rand dieser Ballungszentren gärt es ein wenig. Im Gegensatz zu Homs hat die Armee dort keine Schwierigkeiten, Protestmärsche bereits im Keim zu ersticken. Auch Homs sei inzwischen wieder «zurückerobert», prahlt das Regime in Damaskus. Das Staatsfernsehen zeigte zufriedene Menschen vor Bäckereien. Aufnahmen von den Friedhöfen hätten ein realistischeres Bild vermittelt.

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