Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Erdogan will aus dem Schatten Atatürks

Recep Tayyip Erdogan versucht, den Staatsgründer Atatürk zu beerben – mit mässigem Erfolg. Erdogans Träume einer «Neuen Türkei» rücken immer mehr in weite Ferne.
Gerd Höhler, Athen
Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Im Hintergrund: ein Bild des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Bild: AP (Ankara, 14. September 2018)

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Im Hintergrund: ein Bild des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Bild: AP (Ankara, 14. September 2018)

Auf der politischen Bühne der Türkei agiert Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan allein. Nach den «Säuberungen» der vergangenen Jahre, seinem neuerlichen Wahlsieg im Juni 2018 und der Einführung des ganz auf ihn zugeschnittenen Präsidialsystems hat er keine Gegner mehr, die ihm gefährlich werden könnten. Aber immer noch steht Erdogan im Schatten des Staatsgründers Atatürk. Ihn will er überragen. Ob ihm das gelingt, ist ungewiss.

Mustafa Kemal Atatürk ist seit über 80 Jahren tot – und doch allgegenwärtig: In keiner türkischen Amtsstube, keiner Fabrikhalle, keinem Ministerbüro fehlt sein Porträt. Standbilder und Büsten des Mannes, der 1923 die türkische Republik gründete und dem die Nationalversammlung elf Jahre später den Nachnamen Atatürk verlieh, Vater der Türken, stehen vor jedem Schulhaus. Es gibt in der Türkei keinen Geldschein, keine Münze ohne das Abbild Atatürks. Ein Besuch in seinem Mausoleum, wo er 1938 beigesetzt wurde, gehört zum Pflichtprogramm jedes Staatsbesuchers.

Erdogan will Staat und Islam wieder verschmelzen

Nach dem Zusammenbruch des Osmanenreichs nach dem Ersten Weltkrieg legte Mustafa Kemal mit seinen Reformen das Fundament der modernen, nach Europa orientierten Türkei. Er schaffte das Kalifat ab und verankerte die Trennung von Staat und Religion. Kemal ersetzte die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet, führte den westlichen Kalender und das Frauenwahlrecht ein.

Aber Atatürks Kulturrevolution bleibt bis heute unvollendet. Bei vielen Menschen in Anatolien kamen die Reformen nie an. Sie halten an ihren religiösen und gesellschaftlichen Traditionen fest. Der Erfolg von Erdogans AKP, die das Land seit 2002 ununterbrochen regiert, zeigt: Die Türkei wird konservativer und religiöser, sie besinnt sich auf die unter Atatürk gekappten osmanisch-orientalischen Wurzeln. Gleich nach seiner ersten Vereidigung als Präsident Ende August 2014 liess sich Erdogan zum Atatürk-Mausoleum fahren und trug sich ins Kondolenzbuch ein. Der Eintrag beginnt mit der Floskel «Geliebter Atatürk...» Aber dann heisst es: «Heute hat die Türkei ihre Substanz und ihren Geist wiedergefunden.»

Unermüdlich arbeitet Erdogan seither an seiner «neuen Türkei» – mit Alkoholverboten, Geschlechtertrennung in den Studentenheimen und der Zulassung des von Atatürk verdrängten islamischen Kopftuchs in Ämtern und Behörden. Die Zahl der Imam Hatip Schulen, der Religionsgymnasien, hat sich unter Erdogan verzehnfacht. Er will «eine fromme Generation» heranziehen. Nirgendwo wird der Versuch, Staat und Islam wieder miteinander zu verschmelzen, augenfälliger als auf dem Gelände des Prunkpalastes, den Erdogan sich am Rand Ankaras errichtet hat: Den Mittelpunkt des riesigen Komplexes bildet eine grosse Moschee. Mit der Einführung der neuen Präsidialverfassung verschaffte sich Erdogan eine Machtfülle, wie sie vor ihm nur Atatürk hatte. Die Ausweitung der Macht geht einher mit einer Glorifizierung Erdogans, die dem Personenkult um Atatürk nicht mehr viel nachsteht. Dabei kommt Erdogan ein gerade in seiner Stammwählerschaft, der überwiegend bildungsfernen, religiös geprägten Landbevölkerung tief verwurzelter Autoritätsglaube entgegen.

Atatürk-Biografien populärer denn je

Aber der tote Staatsgründer ist ein mächtiger Gegenspieler. Ausgerechnet jetzt, wo Erdogan nach der absoluten, uneingeschränkten Macht greift, sind Atatürk-Biografien populärer denn je. Eine kürzlich erschienene Lebensgeschichte Atatürks, verfasst von dem Journalisten Yilmaz Özdil, ist ein Bestseller, der bereits eine Million Käufer gefunden hat.

2023 jährt sich die Ausrufung der Republik zum 100. Mal. Zum Jubiläumsjahr wollte Erdogan die Türkei in die Liga der zehn grössten Wirtschaftsmächte der Welt geführt haben. Angesichts der Währungskrise und einer sich ankündigenden Rezession ist diese Vision längst eine Fata Morgana geworden, ein Trugbild. Erdogan mag immer noch hoffen, 2023 könnte das Ende der Atatürk-Republik besiegeln und den Übergang zu seiner «Neuen Türkei» markieren. Dass es so kommt, ist nicht sicher. Vielleicht ist 2023 nicht Erdogan der Mann des Jahres – sondern Atatürk.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.