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Im KZ bereits als tot erklärt

Aus der Dankesrede von Imre Kertész zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2002 Es hat sich, während ich mich auf diese Rede vorbereitete, etwas ganz Sonderbares zugetragen. Eines Tages brachte mir die Post einen grossen braunen Umschlag.

Aus der Dankesrede von Imre Kertész zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2002

Es hat sich, während ich mich auf diese Rede vorbereitete, etwas ganz Sonderbares zugetragen. Eines Tages brachte mir die Post einen grossen braunen Umschlag. Er kam vom Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Dr. Volkhard Knigge. Seinen herzlichen Glückwünschen hatte er einen kleineren Umschlag beigefügt und dessen Inhalt vorab erklärt, damit ich, falls ich eventuell nicht die Kraft dazu hätte, mich nicht mit ihm konfrontiere. Im Umschlag fand sich nämlich eine Kopie der Tagesmeldung über den Häftlingsbestand des Konzentrationslagers Buchenwald am 18. Februar 1945. Unter der Rubrik «Abgänge» erfuhr ich vom Tod des Häftlings Vierundsechzigtausendneunhunderteinundzwanzig, Imre Kertész, geboren 1927, Jude, Fabrikarbeiter. Die beiden falschen Angaben: die über mein Geburtsjahr und meinen Beruf, waren deshalb hineingeraten, weil ich bei der Aufnahme in die Administration von Buchenwald angegeben hatte, zwei Jahre älter zu sein, um nicht unter die Kinder eingereiht zu werden, und Fabrikarbeiter statt Schüler, um brauchbarer zu erscheinen.

Einmal bin ich also schon gestorben, um leben zu dürfen – und vielleicht ist dies meine wahre Geschichte. Wenn es sich so verhält, dann widme ich das aus diesem Kindertod geborene Werk den vielen Millionen Toten und allen denen, die sich heute noch dieser Toten erinnern. Doch da es sich letzten Endes um Literatur handelt, eine Literatur, die der Begründung Ihrer Akademie zufolge zugleich Zeugnis ist, mag es vielleicht auch für die Zukunft von Nutzen sein, ja, am liebsten würde ich sagen: möge es der Zukunft dienen. Denn nach meiner Auffassung stosse ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen; das heisst, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.

Imre Kertész' vollständige Rede findet sich auf www.nobelprize.org, unter der Rubrik nobel prizes lectures auf Deutsch

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