Im Heiligen Land droht Religionskrieg

Gewalt gebiert Gewalt. Die Versuchung ist gross, den jüngsten Terrorakt in Jerusalem mit dieser Feststellung abzutun.

Walter Brehm
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Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem sind gestern mindestens sechs Menschen getötet worden. (Bild: Coralie Wenger)

Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem sind gestern mindestens sechs Menschen getötet worden. (Bild: Coralie Wenger)

Gewalt gebiert Gewalt. Die Versuchung ist gross, den jüngsten Terrorakt in Jerusalem mit dieser Feststellung abzutun. Das Erklärungsmuster für den israelisch-palästinensischen Konflikt scheint sich erschöpft zu haben: Die Angst der Israeli vor palästinensischem Terror und die Wut der Palästinenser über die andauernde Besatzung und die immer weitergehende Besiedlung ihres Landes. Nichts Neues im Nahen Osten. Das Elend wird immer grösser, die Politische Wirkung ist gleich null.

Nur: Die Gewalt droht eine neue Dimension zu erreichen. Sie nur als Sicherheitsproblem zu betrachten, das mit immer härteren polizeilichen und militärischen Massnahmen Seitens Israel zu bewältigen ist, greift ebenso zu kurz wie die palästinensische Illusion, ein eigener Staat sei herbeizubomben, weil er am Verhandlungstisch nicht zu erreichen sei. Die dauernden Einschränkungen für moslemische Gläubige in Jerusalem und die Angriffe jüdischer Siedler auf Moscheen sowie der gestrige Angriff auf eine Synagoge verweisen deutlich auf die neue Gefahr. Der Konflikt um politisch fassbare Interessen zwischen Israel und den Palästinensern droht immer mehr zu einem Religionskrieg zu werden. Glaubens-Fanatiker arbeiten sich in die Hände – Ideologen eines Gottesstaates Israel und Jihad-Terroristen.

Hätte die Religion in diesem Konflikt wirklich eine Rolle zu spielen, dann mit einer moralischen Botschaft: Die Unverletzlichkeit menschlichen Lebens über allen politischen Zwist hinaus. Zu viele Imame und Rabbis wähnen sich aber selber in einem «Heiligen Krieg» – und verraten ihre religiöse Legitimation.

walter.brehm@tagblatt.ch