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In Calais übt man schon für den Brexit

Der französische Fährhafen Calais bereitet sich mit verstärkten Zollkontrollen auf den Brexit vor. Leidtragende sind nicht zuletzt die Migranten.
Stefan Brändle, Paris
Lastwagen warten auf der Autobahn A 16 darauf, von Zöllnern kontrolliert zu werden. Bild: Denis Charlet/AFP (Calais, 14. März 2019)

Lastwagen warten auf der Autobahn A 16 darauf, von Zöllnern kontrolliert zu werden. Bild: Denis Charlet/AFP (Calais, 14. März 2019)

«Und das ist erst der Vorgeschmack!», warnt Malko Hibon. Mit Berufskollegen organisiert der stämmige Zöllner seit Tagen einen Bummelstreik am französischen Ende des Ärmelkanaltunnels. «Wir kontrollieren die Gütertransporte so genau, wie wenn die Engländer nicht mehr in der EU wären», erklärt der Kontrolleur. «Das dauert wegen der Zollformalitäten und der Wareninspektion etwa zehnmal länger.»

Die Konsequenz ist in Calais unübersehbar: Am vergangenen Mittwoch bildete sich eine vier ­Kilometer lange LKW-Warteschlange über den Bahnhof und den Fährhafen hinaus bis auf die Autobahn A16. Sogar im fernen Paris, wo der Eurostar nach London abfährt, entstanden vor dem Zoll lange Passagierschlangen. Mehrere TGV-Züge mussten annulliert werden. Und Zöllner Hibon wiederholt: «Wir werden die Kontrollen noch verschärfen, wenn die Regierung nicht auf unsere Forderungen eingeht.»

«Niemand weiss, was der Brexit bewirken wird»

Diese lauten: mehr Personal und mehr Prämien, um die zu erwartende Zollarbeit im Fall eines – geordneten oder harten – Brexits zu bewältigen. Die französische Regierung hat zwar schon im ­Januar 50 Millionen Euro bewilligt, damit die Flug- und Fähr­häfen Veterinär- und andere Kontrollen einrichten können. 600 neue Zöllner werden auf der französischen Seite gesucht oder eingeschult. Doch Hibon hält das für ungenügend: «Die Regierung ist sich nicht bewusst, was auf uns zukommt.»

Es stimmt, Frankreich machte sich bisher bedeutend weniger Brexit-Sorgen als etwa die Exportnation Deutschland. Doch auch die französischen Firmen führen Waren und Dienstleistungen im Jahresumfang von 32 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich aus – Autos und Rotwein, Kosmetika oder aus der Umgebung von Calais auch Zuckerrüben. Einzelne Studien halten einen Rückgang dieses Volumens um zehn Prozent für möglich, mit Folgen für 50000 Arbeitsplätze in Frankreich.

«Diese Annahmen sind sehr unsicher», relativiert Grégory Stanislawski von der regionalen Industrie- und Handelskammer in Calais, die bei klarem Wetter Sicht auf die britische Küste bietet. Jetzt herrscht am Kanal Nebel – bildlich gesprochen: «Wenn wir ehrlich sind, weiss niemand, was der Brexit bewirken wird», meint der Regionaldirektor. «Wird die Zahl der britischen Touristen in Frankreich zurückgehen? Oder werden sie auf ihrer Reise in den Süden im Gegenteil häufiger in Calais Halt machen, weil sie durch Zollkontrollen gebremst werden? Wird gar der Alkoholverkauf durch neue Dutyfree-Läden angekurbelt?»

Einzelne Wirtschaftszweige sind in Frankreich jedenfalls höchst beunruhigt. Die Kanalfischer befürchten, dass sie ihre Netze in Zukunft nicht mehr wie heute auf der britischen Seite auswerfen können. Damit verlören sie auf einen Schlag ein Drittel ihrer Fanggründe. Im vergangenen Herbst sind britische und französische Muschelfischer bereits mehrfach aneinander geraten, wobei es auch Leichtverletzte und eingedrückte Schiffsbuge gab.

Eine zusätzliche Minute Wartezeit kostet sieben Euro

Grosse Sorgen macht sich in ­Calais die Transportbranche. Der Fährhafen bereitet sich mit millionenschweren Bauinvestitionen auf den Brexit vor. «Wenn die Spediteure ihre Zollformulare vorgängig per Internet ausfüllen, dürfte es beim Einschiffen keine Verzögerungen geben», schätzt der Hafendirektor Jean-Marc Puis­sesseau. Der Bummelstreik der Zöllner ist allerdings kein gutes Omen. «Er macht klar, dass ein Sandkorn im Getriebe genügt, um die ganze Transportkette zum Erliegen zu bringen», meint Sébastien Rivera vom französischen Transportverband FNTR am Telefon.

«Das hätte schlimme Folgen für uns. Eine Minute zusätzliche Wartezeit kostet pro Lastwagen sieben Euro. Ich wage nicht einmal auszurechnen, wie hoch die indirekten Brexit-Schäden für die ganze Branche sein könnten. Sie gehen in die Millionen.» Und dann verweist Rivera auch auf die Migranten. Mehrere Hundert versuchten jede Nacht auf einen LKW zu springen und darin unerkannt auf eine Fähre nach England zu gelangen, meint er. Und wenn sich die Sattelschlepper auf der Hafenzufahrt streikbedingt stauten, nützten sie das sofort aus.

Baqer, ein 26-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, erklärt seine Taktik, indem er eine Handfläche unter die andere schiebt: So krallt er sich am Unterboden der Laster fest, um aufs Schiff zu gelangen. Zwanzigmal habe er es schon versucht, erzählt er; jedes Mal sei er im Fährhafen erwischt worden. Das ist heute ein Hochsicherheitstrakt: Die Kontrolleure verfügen über Hunde, Infrarotkameras und sogar Atemluft­detektoren. Da ist fast kein Durchkommen mehr. Der Lehrer Baqer, der im Krieg Teile seiner elterlichen Familie verloren hat, wirkt niedergeschlagen. Aber noch weigert er sich, die letzte Ersatzlösung ins Auge zu fassen: mit einem Gummiboot nach Dover überzusetzen. 2018 gab es laut der französischen Hochseepräfektur 78 solche Versuche, und in diesem Jahr ist die Zahl im Steigen begriffen, wie die Sprecherin Ingrid Parrot meint.

Warum diese Zunahme? «Erstens, weil der Fährhafen und der Eurotunnel immer besser geschützt sind», zählt die Offizierin auf. «Und zweitens, weil die Schlepper den Migranten erzählen, nach dem Brexit werde die Grenze völlig dicht sein. Ob das nun stimmt oder nicht.»

Gefährliche Strömungen

Vor allem in der nahen Nachbarstadt Boulogne sind schon mehrere Freizeitsegelboote und Aussenbordmotoren entwendet worden. Rund die Hälfte fand sich am Fuss der englischen Kreidefelsen wieder. In Calais zeigt Hafenmeister Pascal Degrave, wo er Überwachungskameras und einen Zaun installiert hat. Natürlich zum Schutz der Boote – aber auch der Migranten: «Das Übersetzen auf den 34 Kilometern bis Dover stellt zwar die kürzeste Strecke zwischen Frankreich und England dar. Sie ist aber sehr gefährlich wegen der Strömungen, die durch den Gezeitenwechsel und das Kielwasser der Riesentanker ausgelöst werden.»

Degrave zufolge riskieren vor allem seeerprobte Iraner die Überfahrt. Sie seien fähig, ruhiges Wetter und Wasser vorherzusagen, weshalb es bisher zu keinen Todesfällen gekommen sei. «Aber wenn unerfahrene Migranten sie nachahmen sollten, ist das Schlimmste zu befürchten.»

Noch schnell vor Brexit-­Ladenschluss in England ankommen: Das motiviert die Flüchtlinge auch laut François Guennoc vom Hilfswerk Auberge des migrants. «Noch hermetischer könnte die Grenze zu England gar nicht geschlossen sein», meint er. Unter den Migranten gehe die Angst um, dass sie in Calais auf ewig gestrandet sein könnten.

Und auch wenn sie die Brexit-Debatte kaum verfolgen, fragen sie sich mehr und mehr, ob England wirklich das Eldorado mit sicherer Arbeit und persönlicher Freiheit ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Baqer möchte in England nur genug Geld verdienen, um nach Kanada auswandern zu können, sagt er.

Da gellt ein Schrei durch die Sanddünen: «Police!» Die jungen Afghanen, die sich in ihrer windgeschützten Kuhle gerade an einem Feuer gewärmt haben, springen auf. CRS-Polizisten, ausgerüstet mit Tränengaskarabinern, nähern sich in Formation über die begrünten Buckel. Ihre Mission lautet: Verhindern, dass sich ein neues Zeltlager bildet wie 2016, als sich 10000 Migranten im später zerstörten «Dschungel» zusammengefunden hatten.

Die Afghanen schnappen sich ihren Schlafsack, einer schultert das federleichte Zelt. Wo sie die nächste Nacht verbringen werden? Kaum im gelobten Brexit-Land.

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