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«Ich wollte den Krieg nicht»

21 Jahre nach Ende des Krieges in Bosnien wird heute in Den Haag das Urteil über Radovan Karadzic, den früheren bosnischen Serbenführer, gefällt. Alles andere als ein Schuldspruch wäre eine grosse Überraschung.
Rudolf Gruber
Der Angeklagte Radovan Karadzic nimmt im Gerichtssaal des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag Platz. (Bild: ap/Michael Kooren)

Der Angeklagte Radovan Karadzic nimmt im Gerichtssaal des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag Platz. (Bild: ap/Michael Kooren)

WIEN. Der graue Haarschopf ist schütter geworden, das volle Gesicht fahl und spitz. Der während fast achtjähriger Haft sichtlich gealterte, kränklich wirkende bosnische Serbenführer Radovan Karadzic war jahrelang der meistgesuchte Mann. Nun erwartet er als politisch Hauptverantwortlicher für die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 sein Urteil.

Der inzwischen 70jährige Ex-Psychiater ist der höchste Politiker, der je auf der Anklagebank des seit 1993 bestehenden UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag sass. Eigentlich stünde diese zweifelhafte Ehre Serbiens früherem Präsidenten Slobodan Milosevic zu, dem Totengräber Jugoslawiens, doch er starb während seines Verfahrens vor genau zehn Jahren in seiner Haager Zelle an Herzversagen.

47 000 Seiten Prozessakte

Der Prozess gegen Karadzic dauerte fünfeinhalb Jahre und gilt als der bedeutendste seit dem Nürnberger Tribunal gegen die Nazis. In 500 Verhandlungstagen wurden nahezu 600 Zeugen gehört und 11 500 Beweisstücke geprüft. Die Prozessakte umfasst 47 500 Seiten.

Eine 100 Mitglieder zählende Abordnung von Kriegsopfern und Angehörigen aus Bosnien-Herzegowina will beim Urteilsspruch heute dabei sein. Erfahren sie nun, 21 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges, so etwas wie Gerechtigkeit? «Wir wünschen uns, dass Karadzic nicht allein für Srebrenica bestraft wird, sondern auch für die vielen Verbrechen, die an anderen Orten geschehen sind» sagte Munira Subasic von der Opferorganisation Mütter von Srebrenica. Subasic trauert um ihren damals erst 16jährigen Sohn, der sich unter den 8000 moslemischen Männern und Knaben befunden hatte, die der bosnisch-serbische Militärchef Ratko Mladic nach der gewaltsamen Einnahme Srebrenicas im Juli 1995 abschlachten liess. Noch heute werden Massengräber entdeckt.

Genozid nicht nur in Srebrenica?

Karadzic ist in elf Punkten des Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. In Bosnien-Herzegowina tobte der blutigste und gewaltsamste aller jugoslawischen Zerfallskriege. Die Bilanz: 100 000 Tote, 2,2 Millionen gewaltsam Vertriebene und schwere Verwüstungen, deren Spuren noch heute sichtbar sind.

Mit Spannung wird erwartet, ob das Gericht im Punkt Völkermord der Anklage folgt. Für das Strafmass ist das ein entscheidender Faktor, Ankläger Alan Tieger forderte für Karadzic lebenslängliche Haft. Der Internationale Gerichtshof (IGH) leistete dazu gewissermassen Vorarbeit, indem er 2007 Srebrenica als Genozid einstufte. Auf dieser Grundlage wurden bereits mehrere Gefolgsleute Karadzics verurteilt.

Ob dies auch für sieben weitere Kriegsschauplätze gilt, wie dies die Anklage fordert und die «Mütter von Srebrenica» erwarten, ist ungewiss. Da wären die Gefangenenlager in der Umgebung des nordbosnischen Städtchens Prijedor, aus denen Bilder von spindeldürren Männern hinter Stacheldraht um die Welt gingen, die aussahen wie KZ-Häftlinge aus Auschwitz. Weitere Orte, die auf systematischen Massenmord und Massenfolter aus nationalen, rassistischen und religiösen Motiven hinweisen, waren Kljuc, Sanski Most, Vlasenica, Foca, Zvornik und Bratunac. Der bevorstehende Urteilsspruch weckt erneut die Erinnerung an all die Greuel und Verbrechen, die Karadzics Wahnidee eines ethnisch reinen Serbenstaates auf bosnischem Territorium entfesselt hatte.

11 500 Opfer in Sarajevo

Karadzic war laut Anklage als «Präsident» der 1992 von ihm ausgerufenen Republika Srpska «die treibende Kraft» einer Politik, der er selbst die zynische Bezeichnung «ethnische Säuberung» gegeben hatte. Moslems, Kroaten und andere Minderheiten, für die in einem reinen Serbenstaat kein Platz vorgesehen war, wurden von bosnisch-serbischen Soldaten und ungehindert wütenden paramilitärischen Banden aus ihren Wohnungen und Häusern gejagt und in leeren Fabrikhallen, Scheunen oder öffentlichen Plätzen zusammengetrieben. Männer wurden bei geringsten Anzeichen von Widerstand erschossen, Frauen während der Gefangenschaft systematisch vergewaltigt.

Auch Sarajevo, die multikulturelle bosnische Metropole, sollte rein serbisch werden. Die Bewohner der fast vollständig eingeschlossenen Stadt wurden dreieinhalb Jahre lang terrorisiert, bosnisch-serbische Artillerie feuerte gezielt in Häuser und Wohnungen, Scharfschützen schossen von den umliegenden Hügeln auf unbewaffnete Menschen. Ein abgehörter Befehl Mladics lautete: «Schiesst, schiesst, bis sie den Verstand verlieren!» Die Eroberung Sarajevos scheiterte zwar, aber 11 500 Menschen, darunter 1500 Kinder, waren einen sinnlosen, oft qualvollen Tod gestorben.

«Ich erwarte einen Freispruch»

Karadzic zeigte während des Prozesses keine Einsicht, geschweige denn Reue. «Ich erwarte einen Freispruch», sagte er in einem Internet-Interview mit dem Balkan-Portal Birn. Er fühlt sich als Opfer westlicher «Siegerjustiz» (Nato-Bomben hatten den Krieg in Bosnien beendet), wie er in einem Brief an UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon klagt. «Hier wird das serbische Volk angeklagt», warf er dem Gericht vor.

Mit dem Massenmord in Srebrenica will Karadzic nichts zu tun haben, dazu habe es von ihm nie einen Befehl gegeben. In einer früheren Aussage relativierte er die Eroberung der damaligen UNO-Schutzzone für Flüchtlinge als legitime militärische Aktion gegen den bosniakischen Feind. Damit wälzt Karadzic die Schuld für Srebrenica auf seinen ebenfalls in Haag einsitzenden Militärchef Mladic ab. «Ich bin reinen Gewissens, denn ich wollte den Krieg nicht», versuchte er dem Gericht weiszumachen.

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