«Ich erwarte von der Schweiz Rückgrat»

Welche Lehren sollten wir heute aus dem schrecklichen Ereignis ziehen?

Lukas Leuzinger
Drucken
Teilen
Sarkis Shahinian ist Architekt und Übersetzer in Schmitten FR und ehemaliger Co-Präsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien (Bild: Alexander Egger)

Sarkis Shahinian ist Architekt und Übersetzer in Schmitten FR und ehemaliger Co-Präsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien (Bild: Alexander Egger)

Welche Lehren sollten wir heute aus dem schrecklichen Ereignis ziehen?

Sarkis Shahinian: Was kann man als Lehre aus einer systematischen Vernichtung ziehen? Die Alarmglocken rechtzeitig läuten lassen? Wie? Grossbritannien, Frankreich und Russland haben am 24. Mai 1915 die Türkei öffentlich gewarnt, ihre kriminelle Tätigkeit gegen die Armenier sofort einzustellen, sonst würden sie wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zur Rechenschaft gezogen. Das war übrigens das erste Mal, dass auf internationaler Ebene dieser Begriff verwendet wurde. Und dann? Seither gab es weitere schreckliche Verbrechen. Was sollten wir lernen? Was hat unser Bundesrat daraus gelernt, der sich im Rahmen der UNO-Menschenrechtskommission angeblich so stark für die menschliche Würde einsetzen möchte und dann vor der Erpressung durch die heutige Türkei nachgibt?

Was wollen Sie uns damit konkret sagen?

Shahinian: Es gibt mehrere Beispiele dazu. Etwa im Zusammenhang mit dem geplanten Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern in Genf. Die Türkei hat damit gedroht, den Sitz der Genfer UNO zu verlegen, falls die Bewilligung zum Bau des Mahnmals auf dem Areal des Ariana-Museums erteilt wird.

Sie sind nicht zufrieden mit dem Verhalten der offiziellen Schweiz.

Shahinian: Wenn wir über den Nationalrat und die Judikative sprechen, bin ich zufrieden. Wenn wir allerdings über das Aussenministerium sprechen, dann ganz und gar nicht. Die Art und Weise, wie sich Bundesrat Didier Burkhalter in der Sache des 100. Jahrestags des Völkermordes an den Armeniern benommen hat, laufen den Prinzipien einer Schweiz, die sich für Menschenrechte engagiert, völlig entgegen.

Muss die Schweiz als neutrales Land nicht auch die Position der Türkei respektieren?

Shahinian: Es kann nicht sein, dass man sich im Fall eines Völkermords auf das Prinzip der Neutralität beruft. Ich erwarte von der Schweiz, dass sie Rückgrat zeigt, vor allem gegenüber der Erpressung durch einen Staat, der seine Hausaufgaben in Sachen Vergangenheitsbewältigung nicht gemacht hat.