«Ich brauche keine Diktatur»

Wenn sie zu den Leuten gehe, gehe sie nicht als grosse Schriftstellerin, sondern als einfacher Mensch, sagt Swetlana Alexijewitsch. Gestern hat die Weissrussin den Nobelpreis für Literatur entgegengenommen.

Paul Flückiger/Krakau
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«Das ganze Land haben schon immer Frauen getragen»: Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. (Bild: getty/Axel Schmidt)

«Das ganze Land haben schon immer Frauen getragen»: Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. (Bild: getty/Axel Schmidt)

Frau Alexijewitsch, zuerst hat Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektiert, dann mit der Aggression gegen die Ukraine im Donbass begonnen, und nun haben wir die Luftschläge in Syrien. Ist das Zusammenleben mit Russland in Frieden noch möglich?

Swetlana Alexijewitsch: Was Putin nun in Syrien macht, hat niemand erwartet. Syrien ist ein Streit, den er nun vom Zaun bricht. Aber aufgepasst, in der Ukraine ist es nur ruhig um diesen Konflikt geworden, aber dieser Krieg ist noch nicht beendet und er kann jederzeit zurückkehren. Das alles bedeutet, dass die Welt in einer sehr schwierigen Situation ist.

Weshalb regt sich dagegen in Russland kaum Widerstand?

Alexijewitsch: Die Intelligenzia befindet sich in einem Schockzustand, sie kann das alles nicht verstehen. Und das Volk unterstützt leider tatsächlich Putin. Vor kurzem war ich in Sibirien, und was ich dort erlebte, hat mich erstaunt. In den Städten trifft man noch Leute, die Angst vor dem Krieg haben, aber sobald man an die Ränder der ehemaligen UdSSR fährt, fürchtet sich niemand mehr. Alle sind einfach glücklich, dass wir endlich wieder ein grosses Imperium sind, vor dem die Welt wieder Angst hat.

Beginnt damit eine neue Gewaltspirale?

Alexijewitsch: Ich fürchte ja. Gerade war ich in der Ukraine und habe mit Flüchtlingen gesprochen, die ihre Häuser verlassen und wegfahren mussten und nun zurück in den Donbass wollen, um dort gegen die Russen zu kämpfen. Das kann man verstehen, aber für mich ist Gewalt eine dunkle Macht. Niemand kann abschätzen, wie das alles enden wird.

Was kann der Westen tun? Halten Sie Sanktionen für den richtigen Weg?

Alexijewitsch: Mit Sanktionen zu antworten, ist eine eigenartige Entscheidung. Aber eine andere Variante vermag ich nicht zu erkennen. Ausser Sanktionen sehe ich keine Möglichkeit, denn wenn der Westen auch in den Waffengang einsteigt, haben wir den Dritten Weltkrieg.

Bisher hat die Geschichte jedoch gezeigt, dass die Russen bereit sind, für den Sieg ihrer Idee zu hungern und zu sterben. Wie sollen da Sanktionen etwas bringen?

Alexijewitsch: Mit den Sanktionen ist es ein Kreuz. 35 Prozent der Russen haben kürzlich auf die Frage, ob sie bereit seien, für Putins Idee eines grossen Russlands selbst zu sterben oder Frau, Kinder und die Verwandten zu opfern, mit «Ja!» geantwortet. Dies ist die Folge einer ideologischen Gehirnwäsche.

Ist daran der kommunistische Kult vom «roten Menschen», dessen Ende Sie in der Originalversion Ihres neusten Buches im Untertitel erwähnen, schuld?

Alexijewitsch: Der imperiale Traum ist in jedem Russen lebendig. In den 1990er-Jahren dachten wir Demokratieaktivisten, der Kommunismus sei weg, überwunden. Wir dachten, er werde nie mehr auferstehen. Doch das stellte sich als Trugschluss heraus. Wieso? Der «rote Mensch» glaubte an grosse Ideale und an ein neues Leben. Für die neue, demokratische Zeit gab es keinen intellektuellen Überbau. Bei Putin gibt es das nun wieder. Putin ist zudem dauernd im Fernsehen zu sehen, man zeigt, was er tut und weshalb er das tut. Putin bietet den Menschen eine Erklärung, bearbeitet sie, erläutert ihnen seine Weltsicht. Wir Demokraten hatten dies alles unterlassen.

Im Buch «Secondhand-Zeit» beschreiben Sie, wie schnell die Wende über die Bürger der UdSSR hereinbrach und welche Traumata dies zur Folge hatte.

Alexijewitsch: Das Volk wurde beraubt. Es fühlt sich erniedrigt und betrogen. Die Menschen wurden aggressiv. Ich konnte dies während meinen Reisen feststellen, die ich über Jahre hinweg für dieses Buch unternahm. Damals dachte ich mir, dass das bestimmt schlimm enden werde. Doch meine Freunde sagten: Nein, wir sind doch auf dem demokratischen Wege, alles wird gut sein. Doch es kam anders.

Sind Sie optimistisch, dass die Demokratie in der Ukraine gelingt?

Alexijewitsch: Der Wille ist da, aber die internationale Staatengemeinschaft muss der Ukraine dabei sehr gut helfen. Wenn die Ukraine beginnt, wirklich besser zu leben, gewinnt sie diesen Krieg. Das ist viel mehr wert als ein militärischer Sieg gegen die Russen im Donbass.

Wann haben Sie den «roten Menschen» in sich selbst überwunden? Wie haben Sie sich befreit?

Alexijewitsch: Bei mir ist dies während des Afghanistankrieges geschehen. Für mich starb dort die Idee des Sozialismus. Mein Vater war Schuldirektor, ein Lehrer. Er glaubte fest an all diese Ideale und hat mich in diesem Sinne erzogen. Er und seine Freunde waren gute Menschen. Sie waren glaubwürdig, denn sie hatten nichts davon. Das waren alles einfache Leute. Für mich war die Verabschiedung von diesen Idealen ein schwieriger, sehr langer Prozess.

Gibt es ein einschneidendes Erlebnis, das Ihre Zweifel nährte?

Alexijewitsch: Als ich das Buch «Zinkjungen» über den sowjetischen Afghanistankrieg schrieb, da bin ich hingefahren und habe mit eigenen Augen gesehen, was russische Soldaten dort Schlimmes tun. In einem Spital habe ich Kinder und Frauen ohne Beine gesehen. Ich habe einer Frau ein Spielzeug gegeben, sie hatte ein Kind an der Brust. Mit Erschrecken habe ich gemerkt, dass es weder Händchen noch Beinchen hatte. Ich war so schockiert! Sie sagte mir: «Das haben deine Russen gemacht! Die sowjetischen Hitlerfaschisten.» Das ist eine der Episoden, die mich zur Selbstbefreiung getrieben haben. Nachdem ich dieses Buch geschrieben hatte, war ich vollständig befreit.

Die Helden Ihrer Bücher sind öfter Frauen als Männer. Und oft sind das sehr lebenstüchtige Frauen. Weshalb sind die Frauen im postsowjetischen Raum so stark?

Alexijewitsch: Die Männer verstehen nur, Kriege zu führen. Das ganze Land haben schon immer die Frauen getragen, die Kinder haben sie grösstenteils alleine aufgezogen. Nach der Wende sind die Männer sitzengeblieben und haben darüber geklagt, dass sie die Arbeit verloren haben, die Frauen aber haben etwas Neues gelernt und die Familien am Leben erhalten. Sie sind mit bunten Taschen durch die ganze Welt gefahren, haben Ware getauscht, verkauft und als Händlerinnen Geld verdient.

Könnte dieser Nobelpreis Ihre Arbeit zusätzlich erschweren? Wenn Sie so berühmt sind, könnte Ihre Unmittelbarkeit im Kontakt mit den Menschen abhanden kommen.

Alexijewitsch: Ich hoffe sehr, dass das nicht eintrifft. Ich bekam ja schon früher mehrere wichtige internationale Auszeichnungen. Wenn ich zu den Leuten gehe, gehe ich nicht als grosse Schriftstellerin, sondern immer als einfacher Mensch, der sich unterhalten und etwas erfahren will, nicht nur über den Krieg, sondern vor allem über das Leben.

Seit kurzem leben Sie wieder in Minsk…

Alexijewitsch: Sobald es möglich war, bin ich aus dem Exil zurückgekehrt. Als Aleksander Lukaschenko wieder begann, mit dem Westen zu spielen, und es damit in Weissrussland etwas leichter wurde, kehrte ich zurück.

Waren Sie der Freiheit überdrüssig? Fehlte Ihnen die Diktatur? Ist ein Autoritarismus, wie ihn Lukaschenko pflegt, Ihrer Literatur gar indirekt förderlich?

Alexijewitsch: Nein, ich brauche keine Diktatur. Aber ich sehnte mich immer nach Hause, ich wollte nie in Westeuropa bleiben. Und mein literarisches Genre verlangt danach, mit den Leuten zusammenzuleben, täglich mit ihnen zu sprechen, mit ihnen zu feiern und zu tanzen.

Welches Ziel verfolgt Ihre Literatur? Wollen Sie etwas verändern?

Alexijewitsch: Ich will darüber schreiben, wer wir waren und was mit uns passierte. Ich will über diese schreckliche Erfahrung erzählen. Denn die Idee des Kommunismus ist nicht tot. Sie lebt weiter. Und ich will zeigen, wie diese Idee nun in Russland umgesetzt wird und was sie bewirkt.

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