«Ich bitte Euch um Geduld»

Mit König Abdullah verliert Saudi-Arabien einen charismatischen Führer, der in den letzten Jahren seines langen Lebens nicht mehr die Kraft für nachhaltige Reformen hatte.

Michael Wrase
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Der in der Nacht auf gestern verstorbene saudi-arabische König Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saud. (Bild: epa/Khaled el-Fiqi)

Der in der Nacht auf gestern verstorbene saudi-arabische König Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saud. (Bild: epa/Khaled el-Fiqi)

LIMASSOL. König Abdullah von Saudi-Arabien ist tot. Der 90jährige Monarch starb in der Nacht auf gestern an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein Leichnam wurde nach dem «salat al-asr», dem traditionellen Freitagsgebet, in der Imam-Turki-bin-Abdullah-Moschee von Riad bestattet.

Abdullah war schon über 80 Jahre alt, als er als neuer König 2005 den Treueschwur seiner Untertanen entgegennahm. Regiert hatte der charismatische Monarch sein Land seit 1996, weil sein Halbbruder, der damalige König Fahd, nach einem Schlaganfall nicht mehr in der Lage dazu gewesen war.

Zaghafter nationaler Dialog

König Abdullah war ein für saudische Verhältnisse fortschrittlicher und volksnaher Herrscher, der in den letzten Jahren seines langen Lebens aber nicht mehr die Kraft hatte, seinen äusserst behutsamen Reformkurs fortzusetzen. «Ich wünsche Euch Glück, aber bitte seid geduldig, geduldig und nochmals geduldig», hatte der als bescheiden beschriebene Monarch den Teilnehmerinnen des von ihm eingeleiteten «Nationalen Dialogs» vor neun Jahren erklärt.

Sieben Jahre später ernannte Abdullah erstmals Frauen zu Mitgliedern des Shura-Rates, einem Gremium ohne gesetzgebende Kompetenzen. Auf sein Drängen konnten saudische Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Eine Fahrerlaubnis für Frauen konnte Abdullah nicht mehr durchsetzen, obwohl der Monarch mehrfach «Verständnis für dieses Anliegen» geäussert hatte.

Religiöse Fanatiker kritisiert…

In Abdullahs Herrschaft fiel auch der «11. September 2001» mit den Al-Qaida-Anschlägen in den USA. Nach den vor allem von saudischen Staatsbürgern verübten Terrorakten legte sich der saudische König mit dem wahhabitischen Klerus an. Er veranlasste eine Überprüfung ihrer Lehrbücher. Besonders radikale Textstellen wurden entfernt und 900 reaktionäre Imame in Umerziehungskurse geschickt. Weiter konnte Abdullah freilich nicht gehen.

…aber kein Bruch mit Klerus

Ein Bruch mit dem wahhabitischen Klerus war für ihn unmöglich. Schliesslich stützt sich die saudische Monarchie noch immer auf die Doktrin von Religionsstifters Abd al-Wahab: «Ein Herrscher, eine Autorität und eine Moschee.» Das Königshaus in Riad erhebt den Anspruch, die offizielle Autorität des Wahhabismus zu sein, der – trotz aller Vorbehalte – auch unter dem frommen König Abdullah weltweit mit immensen finanziellen Aufwand verbreitet wurde.

Wurzeln des Jihad-Terrors

Dass praktisch alle islamistischen Terrororganisationen in der Welt der totalitären (Staats-)Ideologie des Wahhabismus anhängen, war König Abdullah bekannt. Auch der Westen, allen voran die USA, wussten dies – sahen aber stets darüber hinweg. Für Washington war König Abdullah der wichtigste Verbündeter im Mittleren Osten. Der gestern verstorbene Monarch, der seine politische Karriere 1961 als Gouverneur von Mekka begonnen hatte, garantierte hohe, aber meist stabile Ölpreise.

Tankstelle der Weltwirtschaft

In seiner Amtszeit funktionierte Saudi-Arabien als «Tankstelle der Weltwirtschaft». Die nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehenden Petro-Milliarden ermöglichten auch, dass Saudi-Arabien trotz enormer innerer Widersprüche unter König Abdullah ein relativ stabiles Land geblieben ist. Ob dies unter seinem betagten Nachfolger, König Salman, so bleiben wird, muss abgewartet werden.