Human Rights Watch klagt totale Verrohung in Syrien an

DAMASKUS/LIMASSOL. Aus dem von syrischen Rebellen gehaltenen Damaszener Vorort Douma kommen entsetzliche Bilder: Auf die Ladeflächen von Lastwagen sind Eisenkäfige gestellt worden, in denen Zivilisten eingesperrt sind.

Michael Wrase
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DAMASKUS/LIMASSOL. Aus dem von syrischen Rebellen gehaltenen Damaszener Vorort Douma kommen entsetzliche Bilder: Auf die Ladeflächen von Lastwagen sind Eisenkäfige gestellt worden, in denen Zivilisten eingesperrt sind. Verzweifelt rütteln sie an den Gitterstäben, während sie von Aussenstehenden beschimpft werden. Die Gefangenen, Männer, Frauen und Jugendliche, sind Alawiten, Mitglieder jener Religionsgemeinschaft, der auch Präsident Assad und andere Regime-Funktionäre angehören.

Die syrischen Rebellen haben begonnen, die Brutalität des Regimes und der IS-Terrormilizen zu kopieren – mit verheerenden Folgen für die Zivilisten.

Terroristen sind immer andere

Aktivisten der syrischen Opposition, die sich selbst gerne gemässigt nennen, bezeichnen die mobilen Gefängnisse zynisch als «Schutzkäfige». Sie werden anscheinend überall dort aufgestellt, wo die Rebellen der «Armee des Islam» Luftangriffe der syrischen und russischen Streitkräfte erwarten. «Anders können wir uns jetzt nicht mehr helfen», sagt Mohammed al-Shami. Verbittert weist er daraufhin, dass erst am Sonntag bei einem Luftangriff der Assad–Truppen in Douma fast 50 Zivilisten getötet worden seien. «Die Käfige sind unsere Antwort auf dieses Verbrechen.» Dass es laut Genfer Konvention verboten ist, Menschen als lebende Schutzschilder zu missbrauchen, interessiert die Rebellen wenig. Kriegsverbrechen verübten allein die Armee des Assad-Regimes.

Terror rechtfertigt Terror nicht

Tatsächlich haben die Rebellen, ob gemässigt oder islamistisch, längst damit begonnen, den Terror des Regimes mit ihrem Terror zu beantworten. Schon im März dieses Jahres hatte Human Rights Watch (HRW) in einem Bericht mit dem Titel «Er hätte nicht sterben müssen» auf «zahllose Verbrechen der Aufständischen» hingewiesen. Dazu gehörten Autobombenanschläge, Mörserattacken und der Raketenbeschuss ziviler Wohnviertel.

Diese Angriffe könnten auch nicht mit dem Verweis auf Verbrechen der Regierungsarmee gerechtfertigt werden, stellt die Menschenrechtsorganisation klar. «Was wir in Syrien erleben, ist eine Abwärtsspirale, bei der die Rebellengruppen die Schonungslosigkeit der Regimes nachahmen», sagt Nadim Houry, Nahost-Koordinator von Human Rights Watch.

Regime und IS als «Vorbilder»

Wiederholte Aufrufe an die Rebellen, sich an das internationale Kriegsrecht zu halten, stossen auf taube Ohren. Fast alle Rebellen sind inzwischen dazu übergegangen, mit der demonstrativen Zurschaustellung brutaler Hinrichtungen in den sozialen Medien Angst und Schrecken zu verbreiten. Als «Vorbilder» dienen dabei nicht nur die Schergen des Assad-Regime, sondern vor allem die Terrormilizen des sogenannten «Islamischen Staates». Sie inszenieren Terror und Horror am wirkungsvollsten. Das Entsetzen auf die Spitze getrieben hatte der IS im Februar dieses Jahres, als der als Geisel genommene jordanische Kampfpilot Muas al-Kasasba bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Als «Rechtfertigung» erklärten IS-Propagandisten, bei Bombenangriffe westlicher und arabischer Luftwaffen verbrannten immer wieder auch Zivilisten.

Zivilisten zwischen den Fronten

Zur von Human Rights Watch beklagten «totalen Verrohung» trägt neben der amerikanischen nun auch die russische Luftwaffe bei. Auch bei ihren Angriffen sterben Zivilisten. Um zu überleben, bleibt oft nur die Flucht. Die Rebellen betrachten Zivilisten in den vom Regime kontrollierten Gebieten als dessen «Komplizen» und die Assad-Armee wirft ihre Fassbomben überall dort ab, wo Aufständische vermutet werden. Sterben dabei Zivilisten, ist dies aus Sicht des Regimes die «gerechte Strafe für die Unterstützung von Terroristen».