Hongkongs sauberer Protest

Abfalltrennung, organisierte Essensausgabe, Demonstrieren in Schichten: Selbst in Zeiten des Protests geht es in Hongkong geordnet zu und her. Trotz all der Leidenschaft, die die jungen Demonstranten antreibt.

Inna Hartwich/Hongkong
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Einstehen für freie Wahlen: Eine Demonstrantin in Hongkong. (Bild: ap/Wong Maye-E)

Einstehen für freie Wahlen: Eine Demonstrantin in Hongkong. (Bild: ap/Wong Maye-E)

Beeindruckend ist der Müll. Er liegt unter den Brücken, neben den Treppen, lehnt an die Geländer. Er ist fein auseinandergenommen, hier Plastik, dort Folie, dahinter Papier, sauber in die schwarzen Säcke verpackt. Nach einem scheinbar festen Rhythmus wird er weggetragen. Immer wieder zieht eine Kolonne in weissen Handschuhen durch die Reihen aus Menschen, die sich auf den Boden gehockt haben, die sich Luft zufächeln und mit dem mitgebrachten Handtuch den Schweiss vom Gesicht und aus dem Nacken wischen. Eine saubere Sache in einer Stadt, die von «Radikalen» unterwandert werde, wie es Peking, wie es auch die Hongkonger Regierung, Peking nachplappernd, immer wieder sagen. Die «Aufrührer» stürzten die Stadt ins Chaos, sie störten die Stabilität – und müssten «sofort» damit aufhören, wie es der Hongkonger Regierungschef C. Y. Leung gestern in einer öffentlichen Ansprache sagte. Die Massen unterminierten Recht und Gesetz.

Alles geht seinen gewohnten Gang

Doch in Hongkong geht an diesen Tagen alles seinen gewohnten Gang. In den auf Kühlschranktemperatur heruntergekühlten Shopping-Centern posieren langbeinige Frauen vor den Auslagen mit teuren Uhren, an den Baustellen rattern die Vorschlaghämmer, die Taxis hupen die Busse weg, in den Bars werden auch schon am Mittag Cocktails ausgeschenkt. Eine Stadt, die das Leben liebt. Und Menschen, die ihre Stadt lieben.

Manche so sehr, dass sie Teile dieser Stadt, die voll ist, schnell und feucht, für sich einnehmen. Die Strassen in ein Meer aus schwarzen T-Shirts verwandeln, Brücken mit bunten Planen behängen und die Tram-Haltestellen verwaist zurücklassen. Es sind Menschen, die die Regierung herausfordern, in Hongkong selbst und noch mehr in Peking. Menschen, die für die Demokratie Tränengas ertragen und Polizeistockschläge. Jugendliche, die Hongkong den gewohnten, den geschäftigen Lauf nehmen, und sei es nur in einigen Strassen der Stadt. Organisiert und ordentlich, das sind die Hongkonger. Sie sind es selbst nun, in den Zeiten des Protests.

Von der Leidenschaft überrollt

«Occupy Central» hatte der 50jährige Rechtsprofessor Benny Tai Yiu-ting vor einem Jahr seine Bewegung genannt, mit der er Peking die Stirn bieten wollte, weil die KP den Hongkongern das nahm, was sie 1997 noch versprochen hatte: freie Wahlen. Er hatte nicht mit der Leidenschaft junger Studenten und Schüler gerechnet, die Tai geradezu überrollte. Die Jungen treiben die Proteste an, sie haben dem harschen Polizeieinsatz am Wochenende widerstanden, haben dadurch noch mehr Menschen auf die Strasse gelockt, «Demokratie-Plätze» nennen sie die lahmgelegten Orte. Die Demonstranten fordern mittlerweile den Rücktritt des Regierungschefs Leung, drohen mit der Ausweitung des zivilen Ungehorsams. Ein Opfer hat ihre Sitzblockade bereits gebracht: Das Feuerwerk zum Nationalfeiertag am heutigen Mittwoch fällt aus. Ein Jubel.

Respekt für die Studenten

Die, die nicht ausharren auf den Strassen, bringen Essen und Haushaltswaren vorbei. Sie versorgen die Studenten mit Regenschirmen, die zum Symbol des Protests geworden sind, sie liefern Ladungen an Frischhaltefolie, Klebebändern, Papier ab. Sie zeigen den Studenten – die auch kein Starkregen von den Strassen treibt – ihren Respekt. «Ihr seid so mutig», ruft ein Banker, als er an der sitzenden Menge vorbei in den Metro-Eingang am Regierungssitz eilt.

«Wir stehen auch für Arbeiter ein, für alle, die keine Zeit haben, mit uns für Demokratie zu kämpfen, weil sie Geld verdienen müssen, um ihre Familie zu ernähren», sagt die 19jährige Psychologie-Studentin Karen. Sie hat die Demo-Mittagsschicht übernommen, bemalt mit Freunden Plakate, auf denen sie «Freiheit für Hongkong» fordert. Psychologie studiert sie, für Politik, nun ja, habe sie sich lange nicht interessiert. Dann aber kam die «Wahlreform» aus Peking, es kam der harsche Polizeieinsatz – und Karen zog auf die Strasse. «Nur nachts, da muss ich nach Hause, das wollen meine Eltern so.»