Hongkonger Aktivist Joshua Wong klärt ein fatales Missverständnis auf: «Die Wahrheit ist unsere größte Waffe»

Der Hongkonger Aktivist und Student Joshua Wong (23) ist eines der Gesichter des Widerstands gegen die chinesische Zentralregierung und Kämpfer für einen Sonderstatus der Metropole. Im Exklusiv-Interview erklärt er, ob er Gewalt als Mittel des Widerstands nun doch befürwortet – oder nicht.

Felix Lee
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Der 23-jährige Joshua Wong: Für China ein rotes Tuch, doch der Aktivist lässt sich nicht mundtot machen. (Bild: KEY)

Der 23-jährige Joshua Wong: Für China ein rotes Tuch, doch der Aktivist lässt sich nicht mundtot machen. (Bild: KEY)

Herr Wong, in deutschen Medien werden Sie mit den Worten zitiert, die Hongkonger Demokratiebewegung werde «mit rein friedlichem Protest» ihr Ziel nicht erreichen werde. Sie befürworten inzwischen den Einsatz von Gewalt?

Joshua Wong: Es gibt eine frustrierende Debatte in Deutschland, nachdem die Süddeutsche Zeitung ein Interview-Zitat von mir falsch interpretiert hat. Dabei habe ich doch klargestellt, dass dies nichts mit meinem Glauben an gewaltfreiem Aktivismus zu tun hat.

Gewalt scheint aber ganz offenbar von vielen Aktivisten in Hongkong derzeit eine von mehreren Option zu sein. Würden auch Sie bis zum Äußersten gehen?

Machtlose Menschen wie wir möchten nicht auf Gewalt zurückgreifen. Als Demonstranten am 1. Juli bei der Besetzung des LegCo, dem Hongkonger Parlament, den Slogan riefen: «Ihr habt mir beigebracht, dass friedliche Proteste nutzlos sind», stellte ich fest, dass dieser Slogan ein Hilferuf der Demonstranten war. Ihre Stimme wurde zu lange ignoriert. Mein Eindruck derzeit ist, dass Hongkonger auch weiter vor extremer Gewalt zurückschrecken. Aber die Möglichkeiten für eine institutionelle Lösung werden immer geringer.

Wie würden Sie mit einer möglichen Intervention Chinas umgehen?

China hat bereits an vielen Stellen in Hongkong interveniert. Nachdem das Oberste Gericht in Hongkong am Montag das Vermummungsverbot für verfassungswidrig erklärte, hat die chinesische Zentralregierung prompt erklärt, dass nur der Ständige Ausschuss in Peking das letzte Wort bei der Auslegung von Gesetzen habe.

Aber die Gewalt von Demonstrantenseite hat schon vorher begonnen.

Die jüngsten Auseinandersetzungen der vergangenen Tage sind natürlich stark von Chinas Vorgehen getrieben. Truppen der Volksbefreiungsarmee sind nicht nur einsatzbereit, sie werden bereits eingesetzt – mit der Begründung, sie würden die Straßen von den Barrikaden befreien.

Wie sollte es aus Ihrer Sicht nun weitergehen?

Es ist wichtiger denn je, dass wir uns mit unserer Stimme an die Weltgemeinschaft wenden. Nur internationaler Druck kann Chinas aggressives Verhalten noch eindämmen. Allein sind wir zu schwach und zerbrechlich. Menschen aus allen Teilen der Stadt haben in den letzten Tagen versucht, die belagerten Studenten in der Politechnischen Universität zu unterstützen, um zu zeigen, wie unzufrieden sie mit dem Umgang der Regierung mit der aktuellen Krise sind. Aber wir haben nur unsere bloßen Hände.

Gäbe es keine anderen Möglichkeiten des Widerstands?

Sprich die Wahrheit aus und lebe sie. Denn die Wahrheit ist unsere größte Waffe gegen das autoritäre Regime.