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Deutsche Historikerin fliegt mit erfundenen Leidensgeschichte ihrer jüdischen Familie auf

Eine junge Historikerin feiert mit ihrem Blog über ihre im Holocaust ermordete Verwandtschaft grosse Erfolge. Doch die Frau ist gar keine Jüdin, die Geschichte ist frei erfunden.
Christoph Reichmuth, Berlin
Die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust in Jerusalem. Bild: Sebastian Scheiner/AP (Jerusalem, 26. Januar 2014)

Die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust in Jerusalem. Bild: Sebastian Scheiner/AP (Jerusalem, 26. Januar 2014)

Die deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst berichtet gerne von der leidvollen Vergangenheit ihrer jüdischen Familie. 22 Verwandte, ermordet von den Nationalsozialisten, einige von ihnen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nur wenige ihrer Familie haben überlebt. Die 31-Jährige erzählt in ihrem von 240 000 regelmässigen Lesern verfolgten Blog «Read on my dear, read on» von der schrecklichen Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren. Bei Vorträgen zieht sie Vergleiche zwischen Holocaust-Opfern und den im Mittelmeer zu Tode kommenden Flüchtlingen. Sie ist in der Blogger-Szene und bei jüdischen Verbänden hochangesehen. 2017 wurde sie «Bloggerin des Jahres», 2018 erhielt die in Dublin lebende Deutsche einen Preis der «Financial Times».

Marie Sophie Hingst. Bild: Twitter

Marie Sophie Hingst.
Bild: Twitter

Nur: Ihre Familiengeschichte ist eine Legende. Ein Hirngespinst. Die 22 von den Nazis ermordeten Vorfahren, deren biografische Angaben sie auch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gemeldet hatte, gibt es nicht. Marie Sophie Hingst entstammt einer evangelischen Familie aus Sachsen-Anhalt. Das Magazin «Spiegel» hat recherchiert, nachdem Historiker auf Widersprüche in den Beiträgen der angeblichen jüdischen Nachfahrin gestossen waren. Der Horror von Holocaust, der Nimbus der Opferrolle – ein Narrativ, das Marie Sophie Hingst besondere Aufmerksamkeit beschert hatte. Jetzt hat die Blogger-Szene ihren eigenen «Fall Relotius», die Community liess sich von einer Betrügerin täuschen.

«Künstlerische Freiheit» und «Literatur»

Seit 2013 strickte sie an dieser Legende, und sie wurde ihr auch deshalb geglaubt, weil es niemand wagt, eine leidvolle jüdische Vergangenheit in Frage zu stellen. Marie Sophie Hingst reagierte erst unwirsch auf den Reporter des «Spiegels», als dieser sie mit den Vorwürfen konfrontierte. Inzwischen teilt ihr Anwalt mit, dass die «Texte in ihrem Blog ein erhebliches Mass an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch» nehmen würden. «Es handelt sich hier um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung.» Eine schamlose Rechtfertigung für eine Legendenbildung, mit der sie auch die Gedenkstätte Yad Vashem täuschte.

Die Liste mit den 22 Opfern seien aus dem Nachlass ihrer Grossmutter, die sie nie überprüft habe, sagt die Historikerin. Nun ist also die tote Grossmama an allem schuld. Der Preis «Bloggerin des Jahres» wurde Marie Sophie Hingst inzwischen wieder aberkannt. Bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem will man die von der Historikerin eingereichten Dokumente nun eingehend überprüfen. «Oft sind die Gedenkseiten der einzige Nachweis für die Existenz eines Holocaust-Opfers», sagt eine Sprecherin der Gedenkstätte. Yad Vashem ist darauf angewiesen, dass die Biografien mit ehrlichen Absichten eingereicht werden.

Die Historikerin, die sich so gerne als Nachfahrin jüdischer Opfer gesehen hatte und sich als die Vorkämpferin für Leid und Unrecht aufspielte, hat mit ihrer Legendenbildung die wahren Opfer verhöhnt.

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