Holocaust-Gedenken in Israel und politische Polemik

Um Punkt zehn Uhr haben gestern in ganz Israel für zwei Minuten die Sirenen geheult. Autofahrer liessen ihre Fahrzeuge stehen und die Menschen hielten im Gedenken an die Opfer der Naziverfolgung inne.

Susann Knaul
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Um Punkt zehn Uhr haben gestern in ganz Israel für zwei Minuten die Sirenen geheult. Autofahrer liessen ihre Fahrzeuge stehen und die Menschen hielten im Gedenken an die Opfer der Naziverfolgung inne.

Israel beging gestern einen Holocaust-Tag mit Kranzniederlegungen und der traditionellen Zeremonie der Lesung aller Namen der in Konzentrationslagern ermordeten Juden.

Politik mit Ängsten von Angehörigen

Zum Auftakt der Feierlichkeiten am Vorabend nutzte Israels Premier Benjamin Netanyahu das Rednerpult zur erneuten Warnung vor einer iranischen Atommacht. Der sich abzeichnende Kompromiss mit Teheran sei Beweis dafür, dass die Welt die Lektion der Shoa nicht gelernt habe, meinte er und zog eine Linie von Nazideutschland bis Iran. «Die Westmächte haben einen schlimmen Fehler begangen», als sie eine friedliche Lösung mit dem Hitler-Regime anstrebten, sagte Netanyahu und zeigte sich überzeugt davon, «dass sie auch jetzt wieder einen bitteren Fehler machen».

Netanyahu nutzte in seiner Rede auch real existierende Ängste in Israel. Einer aktuelle Studie zufolge quält die Angst vor einer Atommacht Iran die Kinder von Holocaustüberlebenden deutlich schlimmer als jene Israeli, deren Eltern nicht verfolgt worden waren. Die Forschungsergebnisse des Psychologen Dr. Amit Shrira von der Bar-Ilan Universität zeigen, dass die Angehörigen von Opfern des Holocausts in Stresssituationen verletzlicher sind als andere Menschen in Israel.

«Nicht das Ende jüdischer Geschichte»

Die offiziellen Zeremonien, die an beiden Tagen in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die jüdischen Holocaustopfer, stattfanden wie auch in der Knesset, standen unter dem Motto «Qual der Befreiung und Rückkehr ins Leben». 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges dürfe der «Horror der Vergangenheit uns unsere Zukunft nicht diktieren», mahnte Israels Präsident Reuven Rivlin. Anders als Premier Netanyahu in seiner polemischen Adresse an die westlichen Mächte, die derzeit mit Iran über einen Atom-Kompromiss verhandeln, konzentrierte sich der erkennbar bewegte Staatspräsident auf das Leid der Überlebenden und ihren schweren Weg zurück ins normale Leben. Rivlin erinnere sich noch gut an die Zeit, als die ersten Überlebenden nach Palästina kamen, «die ersten, bei denen wir eine auf den Arm tätowierte Nummer sahen».

Sechs dieser Überlebenden zündeten im Verlauf der abendlichen Zeremonie in Yad Vashem Lichter an – symbolisch für die sechs Millionen ermordeten Juden. Auschwitz sei «der schreckliche Tiefpunkt» gewesen, doch die jüdische Geschichte «hat nicht mit dem Holocaust angefangen und sie hört nicht damit auf», sagte Reuven Rivlin. Es gelte, vorwärts zu sehen und die Zukunft zu bauen, mahnte er. Präsident Rivlin dankte den Überlebenden. Sie seien es gewesen, die «uns den Weg des Lebens wiesen», die «ein nationales Haus und ein privates Haus aufbauten».

Rivlin erinnerte auch an die, die noch in den ersten Wochen nach dem Krieg an den Folgen von Krankheit und Unterernährung starben und an die, die drei Jahre später im israelischen Unabhängigkeitskrieg starben. Den Staat Israel aber als «Wiedergutmachung für die Shoa» zu betrachten, lehnte er strikt ab. Dennoch werde Israel Antisemitismus immer bekämpfen. «Wir werden den Kopf nicht senken vor der Gefahr.»

Schwierige Lage der Überlebenden

Als Mahnung, dass es aber mit blossem Gedenken auch in Israel nicht getan ist, mag gelten, dass jedes vierte der Holocaustopfer, die noch in Israel leben, dies heute unter der Armutsgrenze tun müssen. Laut Bericht der Tageszeitung «Jediot Achronot» sterben zwar im Durchschnitt jeden Monat eintausend der Holocaustüberlebenden. Die Zahl der Menschen, die einst den Nazis entkommen konnten, ist aber in Israel im vergangenen Jahr dennoch von 180 000 auf 193 000 gestiegen.

Der Staat Israel anerkennt seit kurzem auch die aus Libyen immigrierten Juden als Holocaustüberlebende und ebenso alle, die während des Zweiten Weltkrieges in Gebieten lebten, die von Nazi-Deutschland besetzt worden waren.

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