HOLOCAUST: Der lange Weg nach Auschwitz

15 hohe Nazifunktionäre haben sich am 20. Januar 1942 in Berlin zur sogenannten Wannseekonferenz getroffen. Ihr Thema: Wie kann die Ermordung von Millionen Menschen als «Endlösung der Judenfrage» industriell organisiert werden?

Walter Brehm
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Elf Millionen Juden sollten europaweit ermordet werden – darunter auch 18'000 aus der Schweiz. (Bild: Sammlung Rauch/KEY)

Elf Millionen Juden sollten europaweit ermordet werden – darunter auch 18'000 aus der Schweiz. (Bild: Sammlung Rauch/KEY)

Drei Tage, nachdem das deutsche Verfassungsgericht ein Verbot der rechtsradikalen NPD abgelehnt, aber deren Wesensverwandtschaft mit der Hitlerpartei NSDAP festgestellt hat, weist ein Gedenktag auf die dunkelste Zeit der Naziherrschaft hin. Die Dringlichkeit des Aufrufs der Karlsruher Richter an alle Demokraten, sich im Kampf gegen Rechtsextremismus, Fremdenhass und Gewalt zu engagieren, ermisst sich an einer lapidaren Tabelle in einem Sitzungsprotokoll hoher Nazifunktionäre: «Im Zuge der Endlösung kommen rund elf Millionen Juden in Betracht.»

Protokolliert ist ein Treffen von 15 Funktionären aus Partei, SS, Gestapo und Regierung: die Wannseekonferenz. Eingeladen hatte in eine idyllisch gelegene Villa am Berliner Wannsee Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes der SS im Dritten Reich. Heydrich war spät dran am 20. Januar 1942. Hermann Göring, nach Adolf Hitler zweiter Mann in der Nazihierarchie, soll ihn schon Ende Juli 1941 beauftragt haben, den Genozid an den europäischen Juden konkret zu organisieren. Im Auftrag Görings soll ein Entwurf über Kosten und Durchführung der «Endlösung» entstehen. Die Blaupause für das Menschheitsverbrechen herzustellen, dauerte dann etwa eineinhalb Stunden. Danach gab es ein Frühstück: Kaffee, Cognac und Zigarren.

Der Völkermord wird Staatsräson

Das massenhafte Morden mit dem faktischen Ziel der Ausrottung der europäischen Juden ist zu diesem Zeitpunkt vor allen in Polen und in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten der Sowjetunion längst im Gange. Aber das Protokoll der Wannseekonferenz ist das einzige erhaltene Nazidokument, das den Weg zur industriellen Ausrottung der Juden darlegt: Alle Zentralinstanzen des Nazisystems, von der Partei über die SS und die Wehrmacht bis hin zu den Ministerien des Regimes, sollen eingebunden werden – als Mitwisser, als Mittäter. Das bis Dato hinter dem Kriegsgeschehen versteckte Morden wird zum eigenständigen Projekt, zu einem Teil der Staatsräson.

Heydrich ersetzt mit der Wannseekonferenz auch einen früheren Plan, wonach die systematische Ermordung der Juden erst nach dem Endsieg der Nazikriegsmaschinerie hätte in Angriff genommen werden sollen. Sein Chef Heinrich Himmler, Reichsführer SS, wollte damit nicht warten. Und dessen Chef, Adolf Hitler, wohl auch nicht. Der «Führer» hatte die Gauleiter der NSDAP bereits am 12. Dezember 1941 in seinen Privaträumen in der Reichskanzlei versammelt. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte danach in sein Tagebuch: «Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Der Weltkrieg ist da. Die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein.» Ein direkter, schriftlicher Befehl Hitlers zum Holocaust ist nicht bekannt. Es brauchte ihn auch nicht. Denn der «Führer» hatte schon am 30. Januar 1939, sieben Monate vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, im Reichstag erklärt: «Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und ausserhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis (...) nicht der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.» Ähnlich hatte sich der «Führer» schon Anfang der 20er-Jahre in seinem Buch «Mein Kampf» geäussert. Allerdings nie mit einer offenen Sprache, nie mit dem direkten Auftrag an seine Anhänger. Die Sprache des mörderischen Antisemitismus blieb immer verquast oder zumindest codiert – bis hin zum Protokoll der «Wannseekonferenz». Da ist nicht von Deportationen in Todesfabriken und von Gaskammern die Rede. Da wird von «Evakuierung» oder «Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung nach Osteuropa» geschwafelt, und der geplante Mord an 11 Millionen Juden ist einfach deren «Sonderbehandlung».

Von der Judenhetze zu den Todesfabriken

Das Vorgehen der Nazis gegen die Juden hatte sich seit deren Machtergreifung im Januar 1933 stetig radikalisiert – von der Ausgrenzung und Entrechtung mit den Nürnberger Rassegesetzen über die erzwungene Auswanderung und Enteignung bis zur physischen Verfolgung und Ghettoisierung. Mit dem Polenfeldzug begannen dann 1939 die Massenmorde der «zur besondern Verfügung» gebildeten Einsatzgruppen, die im Rücken der Kampftruppen Tausende Juden zumeist in Massenerschiessungen massakrierten. Diese Massenmorde liefen stetig auf eine flächendeckende Ermordung aller Juden in den von den Deutschen besetzten Gebieten zu.

Bis die ursprünglich für den 9. Dezember 1941 geplante Wannseekonferenz dann am 20. Januar 1942 stattfand, hatten die Nazis bereits etwa 900'000 Juden aus Deutschland, Polen und Russland umgebracht. Das Vernichtungslager Belzec war mit den ersten festen Gaskammern im Bau. Und die Vernichtungslager Sobibor, Auschwitz und Majdanek, ebenfalls in Polen, waren bereits beschlossen. Der später in Israel zum Tode verurteilte SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann war bereits für Juden- und Räumungsangelegenheiten zuständig. Er organisierte die Deportationen von Juden aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und anderen besetzten Gebieten auch nach Auschwitz.

Das alles hatte mit verbaler Hetze gegen Juden und andere Minderheiten begonnen. Und nicht nur in Deutschland wollten allzu viele allzu lang nichts davon gewusst haben. Auch daran haben die deutschen Verfassungsrichter mit ihrem Appell an alle Demokraten erinnert.