Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Hofnarr im Brexit-Lager

Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister von London, will Premierminister werden. Dafür ist dem populären Politiker jedes Mittel recht. Derzeit wirbt er in vorderster Front für den Austritt Grossbritanniens aus der EU.
Sebastian Borger/London
Der Ruf als Exzentriker eilt ihm voraus: Boris Johnson (links, mit Mikrophon) wirbt für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU. (Bild: imago/Ben Stevens)

Der Ruf als Exzentriker eilt ihm voraus: Boris Johnson (links, mit Mikrophon) wirbt für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU. (Bild: imago/Ben Stevens)

Durch Grossbritannien rollt seit Wochen ein ganz besonderes Vehikel. Der knallrot gestrichene Reisebus dient der Brexit-Lobbygruppe «Vote Leave» als Ausgangspunkt für Auftritte prominenter EU-Feinde. Weil Briten im Allgemeinen und die Medien im Besonderen martialische Ausdrücke und Alliterationen lieben, ist stets vom «battle bus» (Schlachtenbus) die Rede. Hinzu kommt ein drittes B. Es bezeichnet den wichtigsten Reisenden: «Boris battle bus», das Gefährt des früheren Londoner Bürgermeisters und konservativen Unterhaus-Abgeordneten Johnson, den alle Welt vertraulich beim Vornamen nennt.

Abkömmling einer Adelsfamilie

Es hat in diesem Abstimmungskampf um Grossbritanniens Mitgliedschaft in der EU viele Umfragen von zweifelhaftem Wert gegeben. Eine kursierte schon zu Jahresbeginn und legte den Schluss nahe: Sollte sich der damals noch amtierende Londoner Bürgermeister zum Kampf für den Brexit entscheiden, könne dies den EU-Gegnern bis zu zehn zusätzliche Prozent einbringen. Man mag das für eine waghalsige Übertreibung halten. Freilich besteht kein Zweifel: Alexander Boris de Pfeffel Johnson, in New York als Sohn eines späteren EU-Ökonomen und einer Künstlerin geboren, Abkömmling der französischen Adelsfamilie de Pfeffel, einer illegitimen Tochter des Prinzen Paul von Württemberg sowie eines 1922 ermordeten türkischen Dichters, kurzum: ein Europäer par excellence – dieser neuerdings nationalistisch argumentierende Engländer besitzt Wirkungsmacht weit über das konservative Lager hinaus.

Das Rathaus der toleranten, weltoffenen 8,5-Millionen-Metropole, die eher Labour zuneigt, konnte er 2008 nur mit Unterstützung liberaler Wechselwähler erobern und vier Jahre später verteidigen. Der Mann, schwärmt Stephen Greenhalgh in der Sprache des Marketing, verkörpere «die tollste politische Marke meiner Generation» (greatest political brand).

Unter zahlreichen Beobachtern der Polit-Szene von Westminster gibt es wenig Zweifel: Johnson will dereinst in die Downing Street, den Sitz des Premierministers, einziehen. «Der ist vom Ehrgeiz zerfressen», konstatiert ein Kenner der Konservativen. Dem grossen Ziel werde alles untergeordnet.

«Boris ist eben Boris»

Votieren die Briten für den Austritt, muss Cameron den Hut nehmen, allen Dementis zum Trotz. Der Anführer des Brexit-Camps wäre dann der Favorit. Entscheidet das Volk für den Verbleib, wäre jeder andere Politiker geliefert: Die strategische Fehlentscheidung würde ihm Zeit seines Lebens nachgetragen. Johnson aber hat alle politischen und privaten Kontroversen überlebt und sich als Stehaufmännchen erwiesen. Der Mann glaube, hat sein Biograph Andrew Gimson beobachtet, «an die Fehlbarkeit des Menschen, besonders des Menschen Boris».

Das scheinen die Briten zu spüren. Bisher haben sie dem knapp 52-Jährigen alles verziehen. Seine zahlreichen Affären und das uneheliche Kind (neben vier ehelichen) gelten im Grossbritannien des 21. Jahrhunderts als Privatsache. Den Londonern versprach er, er werde während seiner Amtszeit im Rathaus kein weiteres Mandat anstreben. In Wirklichkeit zog er 2015 für den West-Londoner Wahlkreis Uxbridge ins Unterhaus ein und amtierte ein Jahr lang in Doppelfunktion, mit doppelter Bezahlung. Ohnehin war er acht Jahre lang höchstens ein Teilzeit-Bürgermeister mit magerer Bilanz. Wen kümmert's. «Boris ist eben Boris», sagen selbst Londoner Linksliberale achselzuckend.

Ob diese Stimmung auch über den 23. Juni hinaus anhält? Oder wird das schwierige Thema Europa, an dem sich britische Politiker seit Jahrzehnten abarbeiten, dem anerkannten Spassvogel zum Verhängnis? Wie er gegen den Brüsseler Club argumentieren wolle, «darüber hatte Boris nicht nachgedacht», weiss Biograph Gimson.

Als erstes sprach der EU-Feind von der Abstimmung als Chance für ein «neues Verhältnis» zu Europa. Das konterte Premier Cameron mit dem eisigen Satz: «Ich habe noch nie von jemandem gehört, der die Scheidung einreicht, um sein Eheversprechen zu erneuern.» Davon unbeirrt beschwor Johnson in feurigen Reden allerlei Mythen über die Bevormundung durch Brüssel: Dass man Teebeutel nicht recyclen dürfe, dass Kinder unter acht Jahren keine Luftballons aufblasen dürften – alles sehr lustig, alles gelogen. «Sie machen sich einer Übertreibung schuldig, die in eine falsche Darstellung übergeht», schrieb der Chef des Finanzausschusses im Unterhaus, Andrew Tyrie, dem Parteifreund ins Stammbuch.

«Beschämende Behauptungen»

Der «Boris battle bus» fährt mit dem Slogan durchs Land, die Insel entrichte jede Woche 350 Millionen Pfund Beiträge an Brüssel. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der korrekte Betrag lautet, die Schätzungen gehen von 175 bis 110 Millionen Pfund. Fest steht: Der Slogan ist falsch. Johnson und seine Mitstreiter wiederholen ihn unbeirrt und suggerieren zusätzlich, nach dem Brexit könne man das eingesparte Geld ins nationale Gesundheitssystem NHS stecken. Diese Milchmädchenrechnung brachte die Ärztin und konservative Vorsitzende des Gesundheitsaussschusses im Unterhaus, Sarah Wollaston, so in Rage, dass sie einen öffentlichen Sinneswandel vollzog: Statt wie bisher angekündigt gegen die EU zu stimmen, trete sie nun für den Verbleib ein. Begründung: die «beschämenden Behauptungen» des Brexit-Lagers.

Plötzlich keine Pointen mehr

Johnsons härteste Kritiker stehen wie Wollaston im konservativen Lager. In der «Times» attestierte der frühere Abgeordnete und einflussreiche Kolumnist Matthew Parris dem Parteifreund eine Reihe von Charaktermängeln: «lässige Unehrlichkeit, Grausamkeit, Verrat; das Fehlen jeglicher echten Ambition, mit dem Amt etwas anzufangen, das man erreicht hat». Ex-Premier John Major (1990–97) tat Johnson im BBC-Interview als «Hofnarr» ab; der Cameron-Rivale könne in der Parlamentsfraktion «auf Loyalität nicht zählen». Was Johnsons Brexit-Lobby «Vote Leave» den Wählern erzähle, sei «schmutzig und unehrlich».

In den Medien hat der gelernte Journalist Johnson zwar viele Freunde. Wenn sich doch einmal ein früherer Kollege die Mühe macht, dem Luftikus bohrende, hartnäckige Fragen zu stellen, kommt Johnson schnell ins Schwitzen wie kürzlich im Interview mit BBC-Veteran Andrew Marr. Plötzlich gehen ihm die Pointen aus, die er sonst mit Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelt.

Dem Mann fehle schon seit der Jugend «der Wille, die Dinge wirklich durchzudenken», glaubt sein Biograph Gimson und erzählt eine Anekdote aus dessen Schulzeit. Am Elite-Internat von Eton habe ein begeisterter Altphilologe das intellektuelle Potenzial des Stipendiaten erkannt und gefördert. Wenn sein 16jähriger Schützling hart arbeite, könne aus ihm eine echte Koryphäe werden, lautete die Ermutigung des Lehrers. Tatsächlich studierte Johnson in Oxford die alten Sprachen. «Aber die Arbeit, die nötig gewesen wäre, um ein erstklassiger Experte zu werden, zu der hatte er keine Lust», sagt Gimson. «Sein ganzes Leben lang hat er sich darauf vorbereitet, unvorbereitet zu sein.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.