Hoffnung für Aufständische

Libyens Diktator Muammar al-Gadhafi will angeblich sofortige Waffenruhe akzeptieren. Trotz Versicherungen von Aussenminister Koussa gingen die Kämpfe aber gestern weiter.

Michael Wrase
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In der ostlibyschen Stadt Bengasi feiern Zehntausende auf dem «Platz der Revolution» die UNO-Resolution gegen Gadhafi. (Bild: epa/stringer)

In der ostlibyschen Stadt Bengasi feiern Zehntausende auf dem «Platz der Revolution» die UNO-Resolution gegen Gadhafi. (Bild: epa/stringer)

Limassol. Bengasi hatte in der Nacht auf gestern ein Wechselbad der Gefühle erlebt. In Erwartung der Entscheidung des UNO-Sicherheitsrates für eine Flugverbotszone hatten sich Zehntausende auf dem zentralen «Revolutionsplatz» im Zentrum der 900 000-Einwohner-Stadt versammelt. Als die frohe Botschaft bekanntgegeben wurde, brach unbeschreiblicher Jubel aus. Es war, als sei gerade der Sturz des verhassten Gadhafi verkündet worden.

Gadhafi sprach etwa 15 Minuten nach der Entscheidung des Sicherheitsrates für eine Flugverbotszone im Radio. Seine Rede war aber vorher aufgezeichnet worden. Seine Drohungen und Schmähungen gingen im Hohngelächter und Jubel der Einwohner von Bengasi unter. Kaum einer wollte sich nach Votum des Sicherheitsrates mehr vorstellen, dass der Diktator die Hochburg der libyschen Revolution «Gasse für Gasse und Strasse für Strasse» von «Hunden und Kriminellen säubern» könnte. «Du wirst fallen», lautete das optimistische Echo aus Bengasi.

Hoffen und Bangen

12 Stunden später machte sich Ernüchterung breit. Werden die Westmächte ihren Absichtserklärungen auch rechtzeitig Taten folgen lassen? Oder wird Gadhafi für Friedhofsruhe sorgen, bevor das erste europäische oder amerikanische Kampfflugzeug von Kreta, Malta, Zypern oder Sizilien aus Kurs auf Nordafrika nimmt?

Aus Tripolis kam gestern nachmittag aber eine überraschende Botschaft des Aussenministers Moussa Koussa. Die Regierung werde sich für den «Schutz von Zivilisten» einsetzen und daher einem sofortigen Waffenstillstand zustimmen. Als Mitglied der Vereinten Nationen sehe sich Libyen «gezwungen», die Resolution 1973 des Weltsicherheitsrates zu akzeptieren. In Bengasi hatten sich zu diesem Zeitpunkt etwa 20 000 Menschen zum Freitagsgebet versammelt. Die stockend vorgetragene Erklärung des weisshaarigen Koussa feierten sie als «Kapitulation Gadhafis». Es war aber auch die Warnung zu hören, der Diktator versuche nur «unter nationalem und internationalem Druck Zeit zu gewinnen».

«Können wir einer Regierung, die in den vergangenen vier Wochen über 3000 ihrer Bürger tötete, Glauben schenken?», fragte ein Sprecher der Aufständischen in Bengasi. Vom libyschen Aussenminister Koussa in verklausulierter Form angeregte Verhandlungen «über die territoriale Einheit Libyens» würden nicht geführt. Das Ziel bleibe der Sturz des Regimes.

Nüchtern betrachtet ist das unerwartet schnelle Einlenken der libyschen Führung bemerkenswert. Bereits die Androhung von Gewalt durch die internationale Staatengemeinschaft, betonten arabische Kommentare, habe ausgereicht, um die libysche Führung zum Nachgeben zu bewegen. Allerdings dürfe sich niemand der Illusion hingeben, nun sei das «letzte Wort» gesprochen. Aussenminister Koussa habe zwar einen temporären Waffenstillstand akzeptiert, die internationale Staatengemeinschaft aber über die Bedingungen der Waffenruhe im unklaren gelassen. Diese könne aber nur Gadhafi selbst definieren.

Der libysche Revolutionsführer hat die Aufständischen aber immer wieder als «Kakerlaken und Qaida-Terroristen» verunglimpft und eine entsprechende Behandlung angekündigt. Gespräche mit den Rebellen kamen für ihn bisher nicht in Frage.

Weitere Kämpfe

Während Aussenminister Koussa in Tripolis die Bereitschaft seines Landes zur Waffenruhe verkündete, gingen in der zentralen Küstenstadt Misurata die Kämpfe weiter. Reisende aus Ajabija berichteten über Vorbereitungen der Gadhafi-Truppen für den erwarteten Vorstoss in Richtung Tobruk.