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Gambia - Hoffen auf bessere Zeiten

Viele Menschen aus dem armen westafrikanischen Land haben sich auf den Weg nach Europa gemacht. Die neue Regierung Gambias will ihren Bürgern eine Perspektive in der Heimat bieten. Aber die Herausforderungen sind riesig.
Brigitte Schmid-Gugler, Gambia
Leben am Wasser: Gambia, der mit 11000 Quadratkilometern kleinste Staat auf dem afrikanischen Festland verläuft am Gambia-Fluss und mündet in den Atlantik. Bild: Förderverein Humanitas (Gambia, April 2018)

Leben am Wasser: Gambia, der mit 11000 Quadratkilometern kleinste Staat auf dem afrikanischen Festland verläuft am Gambia-Fluss und mündet in den Atlantik.
Bild: Förderverein Humanitas (Gambia, April 2018)

«Wenigstens lebe ich noch», sagt Lamin mit ironischem Unterton und hebt seine dreijährige Tochter Sibo liebevoll auf die Arme, tröstet sie und spricht ruhig auf sie ein. Es ist drückend heiss. Gambia wartet in diesen Junitagen auf den Regen, der bald einsetzen soll.

Eben ist der Ramadan mit dem Abschlussfest Eid gefeiert worden. Dazu gehört, dass die festlich gekleideten Menschen durch die Strassen spazieren und Verwandte und Bekannte besuchen. Unablässig treten herausgeputzte Gruppen von Buben und Mädchen in den Hof. Wenn sie nicht gleich beim Tor von Lamins Frau Binta resolut hinauskatapultiert werden, treten sie scheu näher. Es ist legitim, an den Tagen nach Eid um Almosen in Form von Geld zu bitten. Viele tun es, sogar die Polizisten oder Soldaten an den zahlreichen Strassensperren auf dem Weg ins Landesinnere.

Sibo hingegen möchte nur eine Banane. Sie hat die Tasche der Besucherin entdeckt. Die herrlich schmackhaften kleinen Früchte, die im Land gedeihen, sind jedoch für die meisten der zwei Millionen Gambier unerschwinglich. Teurer noch als die importierten Äpfel. Eine von unzähligen Absurditäten in dem kleinen westafrikanischen Land, in dem die Menschen nach 24 Jahren Diktatur ihren Ärger und Zorn laut aussprechen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, unter Verdacht zu geraten oder gar denunziert zu werden.

Ex-Innenminister in der Schweiz

Yahya Jammeh hat Gambia an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben, er hat sich ungeniert bereichert, vielen Menschen ihr Land gestohlen. Er hat Menschen foltern und umbringen lassen. Alle, die sich seiner Niedertracht entgegenstellten, liess er verschwinden.

Nun, da er im Exil lebt und die Zahl seiner Anhänger immer weiter schrumpft, trauen sich die Leute zu erzählen. Der paranoide Autokrat wollte, dass man ihn mit «King» ansprach. Die wenigsten hielten sich daran. Als es eng wurde um seine Wiederwahl, habe er zu den Methoden von Voodoo-Zauber gegriffen: «Es gab zahlreiche Fälle von Kindesentführungen. Jammehs Schergen brachten ihm das Frischfleisch für seine Opfergaben», erzählt eine Engländerin, die seit 14 Jahren in Gambia lebt und mit einem Gambier verheiratet ist. Nicht einmal sie als Ausländerin habe jemals den Mut gehabt, ein negatives Wort über Jammeh laut auszusprechen. «Man wusste nie, wer für und wer gegen ihn war.»

An vorderster Front half Jammehs engster Vertrauter, Innenminister und Polizeichef Ousman Sonko. Er war noch vor der Abwahl Jammehs Ende 2016 über Spanien nach Schweden geflüchtet. Dort wurde sein Asylantrag abgewiesen. Nicht so in der Schweiz. Zumindest vorerst nicht. Unbehelligt konnte sich der Mann, dem schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, zwei Monate in einem Durchgangsheim im Kanton Bern aufhalten. Erst nachdem die Genfer Nichtregierungsorganisation Trial mittels einer Strafanzeige die Bundesanwaltschaft alarmierte, kam die Sache um Sonko ins Rollen. Seither sitzt der «Schlächter», wie ihn die Bevölkerung in Gambia nennt, in der Schweiz in Untersuchungshaft (siehe Kasten am Textende).

Dass Lamin noch lebt, ist nicht selbstverständlich. Unzählige seiner Landsleute haben den Fluchtversuch aus ihrer Heimat mit dem Tod bezahlt. «Es gibt kaum eine Familie hier, die nicht eines oder mehrere Mitglieder entweder durch eine missglückte Flucht übers Mittelmeer oder durch die Repressionen unter der Herrschaft von Jammeh zu beklagen hat», sagt er.

Die meisten wollen weg

Lamin war 14 Jahre alt, als sich Jammeh, der frühere Leibwächter des bis 1994 regierenden Sir Dawda Jawara, 1994 an die Macht putschte. Vier Jahre später machte sich Lamin Sillah auf den Weg nach Europa. Unterstützt von den Eltern und dem Geld von zwei verkauften Kühen. Im Durchgangsheim Thurhof im Kanton Thurgau wartete er auf den Asylentscheid. Er fiel negativ aus. Nach seiner Rückkehr nach Gambia diente Lamin in der Armee.

Lamin, seine Frau Binta und ihre Kinder in einem Fischerboot auf dem Gambia-Fluss.Bild: Brigitte Schmid-Gugler (Gambia, April 2018)

Lamin, seine Frau Binta und ihre Kinder in einem Fischerboot auf dem Gambia-Fluss.
Bild: Brigitte Schmid-Gugler (Gambia, April 2018)

Binta Demba, seine Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder, begegnete Lamin zum ersten Mal hier im Hof, um den herum mehrere Familien in kleinen Wohneinheiten eingemietet sind. Die Ehe war arrangiert worden; die junge Frau, damals 18 Jahre alt, stammt aus dem Dorf von Lamins Mutter. Die beiden haben Glück gehabt. Lamin bekam eine herzliche, lustige, unkomplizierte und intelligente Frau; Binta einen achtsamen, bescheidenen Ehemann. Nach seinem Austritt aus dem Militärdienst lernte Lamin Auto fahren und konnte für die Dauer des Aufenthalts der Besucherin aus der Schweiz ein Klappergerüst von Auto von einem Bekannten mieten. Mit diesem Gefährt tuckern wir ostwärts durchs Land bis nach George Town. Das 250 Kilometer entfernte Inselstädtchen am Gambiafluss, der sich vom Atlantik her wie ein Schlauch durch das schmale Land zieht, erhielt traurige Berühmtheit, als während des Sklavenhandels die Menschen, die ausgeschifft werden sollten, dort zusammengetrieben worden waren.

Die Reise führt zu den Eltern von Binta. Die junge Frau hat ihre Eltern seit Monaten nicht mehr gesehen. Der Weg dorthin ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr beschwerlich. Lamins Heimatdorf liegt am Ufer des Gambiaflusses. Mit einem befreundeten Fischer und dessen Boot tauchen wir auf einem Seitenarm ein zwischen die riesigen, unberührten Mangrovenwälder. Nur spielende Delfine sind unsere Begleiter.

Nun, nachdem Jammeh weg und sein naher Vertrauter Sonko weiterhin in Untersuchungshaft ist, setzen die Gambier alle Hoffnung auf ihren neuen Präsidenten Abrama Barrow. Das Land hofft auf Investoren und Hilfe aus dem Ausland. Zwar steht die Freude über den Regierungswechsel den Menschen ins Gesicht geschrieben. Doch es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sie eine nachhaltige Zukunftsperspektive haben werden. Es fehlt an allen Ecken und Enden: Schulbildung – es gibt keine obligatorische Schulpflicht; Ausbildungsmöglichkeiten von jungen Menschen; Arbeitsplätze. Fast die Hälfte der zwei Millionen Einwohner ist unter 14 Jahre alt. Wen immer man fragt: Die meisten möchten Afrika verlassen. Am liebsten Richtung Europa.

Strom für das Landesinnere

Lamin will bleiben. Er konnte nach achtzehn Dienstjahren eine Ausbildung als Elektriker beginnen. Wenn er die noch zwei zu absolvierenden Schuljahre schafft, wird er 40 Jahre alt sein und gute Chancen haben, Arbeit zu finden: Zurzeit werden in grossen Teilen des Landes Strommasten aufgestellt, die dereinst auch die vielen Dörfer im Landesinneren mit Elektrizität versorgen sollen.

Bis es so weit ist, lebt die Familie von der Hand in den Mund. Dreht jeden Dalasi um. Spart, wo immer es geht, um wenigstens den Kindern einen guten Grund zu geben, in der Heimat zu bleiben. Das Paar konnte am Rande einer Siedlung ein kleines Stück Land kaufen. Hier möchten sie, wenn sie denn jemals genug Geld haben werden, ein Häuschen bauen und Selbstversorger werden. Noch gibt es in dem Gebiet weder Anschluss an die Wasserversorgung noch Strom, geschweige denn eine Strasse, aber bereits zahlreiche von neuen Eigentümern mit Lehmziegeln markierte Grundstücke.

Der Tourismus – und mit ihm wachsende Prostitution – beschränkt sich auf den schmalen Küstenstreifen am Atlantik; mehrheitlich besuchen Engländer die frühere britische Kolonie. Und die Chinesen sind in der Fischerei und im Baugewerbe allgegenwärtig.

Fall Sonko: Verfahren ausgedehnt


Die Bundesanwaltschaft teilt auf Anfrage mit, dass sie nach der Einleitung des Strafverfahrens gegen Ousman Sonko im Februar 2017 die Strafuntersuchung auf weitere Tatbestände ausgedehnt habe und diese fortführe, «namentlich mit der Einvernahme von weiteren Privatklägern und Zeugen». Die beantragte vierte Verlängerung der Untersuchungshaft für sechs weitere Monate sei insbesondere «aufgrund der internationalen Dimension des Verfahrens» vom Zwangsmassnahmengericht gutgeheissen worden. Seitens des Bundesamtes für Justiz heisst es, dass bis heute kein Auslieferungsersuchen betreffend Ousman Sonko eingetroffen sei. Gestützt auf das Schweizer Landesrecht sei eine Zusammenarbeit mit Gambia möglich, «sofern die vorgesehenen Voraussetzungen erfüllt» seien. Auch könnte Gambia – was ebenfalls bis heute nicht der Fall sei – die Schweiz um die Übernahme der Strafverfolgung gegen den Ex-Minister ersuchen, sofern die «einschlägigen Beweismittel und anwendbaren Strafbestimmungen beigelegt werden». (bsg)

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