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Gastkommentar

Hört endlich auf, Italien mieszumachen!

Unserem südlichen Nachbarland geht es besser, als alle denken.
Gottlieb F. Höpli, Publizist und Italien-Liebhaber
Dem Lebensgefühl in Italien – wie hier in Rom – kann sich keiner entziehen. (Getty

Dem Lebensgefühl in Italien – wie hier in Rom – kann sich keiner entziehen. (Getty

Oops, er hat es wieder getan! Mit einem provozierenden Umschlagsbild hat der «Spiegel» Anfang Juni Italien wieder einmal in die Pfanne gehauen. An einer Gabel hängt ein Spaghetto, dessen unterer Teil eine Schlinge bildet, an der sich demnächst jemand aufhängen wird. Wer das sein soll, daran besteht kein Zweifel: Es ist Italien, das Krisenland, das mit seiner Staatsschuld von 132 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung nach Ansicht von Wirtschaftsexperten früher oder später im Bankrott enden wird. Bankrott, dies nur nebenbei, ist schliesslich ein italienisches Wort. «Bancarotta», kaputter Tisch, meinte in der Renaissance den zerschlagenen Tisch jener Geldwechsler, die nicht mehr solvent waren.

Umstrittenes «Spiegel»-Titelbild: Ein auf einer Gabel aufgewickelter Spaghetto, der eine Henkerschlaufe bildet.

Umstrittenes «Spiegel»-Titelbild: Ein auf einer Gabel aufgewickelter Spaghetto, der eine Henkerschlaufe bildet.

Solch respektloser, hämischer Umgang deutschsprachiger Medien mit dem Mittelmeerstaat hat Tradition, nicht nur beim «Spiegel». Ist er vielleicht bloss die Kehrseite der deutschen Italien-Sehnsucht, für die man sich im Norden heimlich schämt? Bis heute berühmt-berüchtigt ist jedenfalls der «Spiegel»-Cover über das «Urlaubsland Italien», wo ein Teller Spaghetti zu sehen war, auf dem ein Revolver lag. Noch nie, so das Nachrichtenmagazin, sei es in Italien politisch so schlimm gewesen wie gerade jetzt. Zur gleichen Zeit berichtete damals die Fachpresse von einer jährlichen Zunahme der Italien-Nachfrage deutscher Touristen um 15 Prozent. Die Reaktion der italienischen Fremdenverkehrsbehörden beschränkte sich denn auch auf einen eher müden Protest. Derweil der «Corriere della Sera» stirnrunzelnd anmerkte, die Spaghetti auf dem Spiegel-Cover seien verkocht.

«Italien liegt der EU keineswegs auf der Tasche. Erst recht, wenn man die Riesenlast hinzudenkt, welche das Land mit der Migration übers Mittelmeer schultert, und die kein anderes EU-Mitglied angemessen mitzutragen bereit ist.»

40 Jahre später steht Italien für die Medien diesseits der Alpen erneut am Abgrund. Was nicht etwa bedeutet, dass es in der Zwischenzeit gnädiger beurteilt worden wäre: Die Bunga-Bunga-Kapriolen des Cavaliere Berlusconi wurden zum Dauergespött der Medien – da erhielten die Italien-Korrespondenten natürlich keinen Platz mehr für Berichte über andere, womöglich sogar positive Aspekte des öffentlichen Lebens in Italien. Was wäre da, nach der überstandenen Krise von 2008/2009 (die das Land tatsächlich besonders schwer traf), nicht alles zu berichten gewesen: Über die Entwicklung des Nordens zu einer der hochentwickelten Wirtschaftsregionen Europas, den Wandel träger staatlicher und halbstaatlicher Konzerne zu wettbewerbsfähigen Exportunternehmen. Regionen wie die Lombardei, Piemont, Trentino-Südtirol oder Venetien lassen sich in puncto Innovation und Dynamik ja am ehesten mit Deutschlands boomenden Bundesländern Baden-Württemberg oder Bayern vergleichen.

Überhaupt, die Wirtschaftsleistung: Im Drang, Italien als dekadentes Land am Abgrund darzustellen, wird vielfach vergessen, dass das Land einen erklecklichen Handelsbilanzüberschuss von jährlich gegen 50 Milliarden Euro produziert und damit in Europa an dritter Stelle steht. Und mit 2,3 Milliarden Euro (2016) zu den Nettozahlern in die EU gehört. Zwar versandet ein Teil der EU-Mittel ebenso wie die Mezzogiorno-Hilfe des Staates im finanziell undurchsichtigen Süden. Der noch immer unter den Folgen einer Staatsgründung leidet, die stets den Norden bevorzugte. Trotzdem: Italien liegt der EU keineswegs auf der Tasche. Erst recht, wenn man die Riesenlast hinzudenkt, welche das Land mit der Migration übers Mittelmeer schultert, und die kein anderes EU-Mitglied angemessen mitzutragen bereit ist. Gerade in Deutschland wäre ja unter dem Aspekt der Migration etwas mehr Zurückhaltung angebracht. Während Kanzlerin Merkel von den EU-Ländern (vergeblich) verlangt, die Flüchtlinge zu verteilen, die sie ins Land gelassen hatte, schauen die nördlichen EU-Mitgliedstaaten – Deutschland inklusive – geflissentlich weg, wenn es um die übers Mittelmeer gekommenen Flüchtlinge aus Afrika geht. Je 170000 bis 180000 allein in den bisherigen Rekordjahren 2015 und 2016, nach einem «schwächeren 2017 mit 120000 Migranten steigt deren Zahl 2018 wieder stark an. Viele wollen weiter, nach Norden. Wie viele zurzeit in Italien leben, darüber gibt es kaum verlässliche Zahlen. Die Dunkelziffer ist hoch, die Zahl mit Sicherheit siebenstellig. Die Solidarität der EU-Partner? Beschämend tief.

Betrachtet man diese Fakten, dann wird wohl verständlicher, weshalb sich viele Italiener von der EU immer weniger Gutes versprechen und ihre Stimme lieber nationalistischen und populistischen Politikern geben, die zudem (noch) nicht zur selbstverliebten Classe Politica gehören. Genau dies ist im März 2018 passiert. Das Wahlresultat hat Italien in den europäischen Medien und sogar von EU-Kommissaren viel Schelte eingetragen. Bei der Berichterstattung über die Regierungsbildung kam dann erst recht die Voreingenommenheit und Einseitigkeit vieler Medien zum Vorschein.

Währenddem täglich atemlos über die zähen Verhandlungen zwischen den bisherigen Koalitionspartnern in Berlin, die geschlagene 171 Tage dauerten und schliesslich nur Aufgewärmtes zu Stande brachten, berichtet wurde, belächelten ausländische Korrespondenten und Redaktionen die wie üblich hochdramatischen Römer Vorgänge – die aber bis zur Regierungsbildung nur 90 Tage dauerten. So lange mochte etwa die NZZ mit ihrem Urteil nicht zuwarten und befand bereits vor den Römer Koalitionswirren: «Die politische Kultur Italiens ist an einem Tiefpunkt angelangt.»

«Wer die Untergangsszenarien verbreitet und den Fall Roms zum tausendsten Mal als unmittelbar bevorstehend voraussagt, der macht es sich zu einfach.»

Suche nach Gründen? Historische Tiefenschärfe? Fehlanzeige! Die auf Exotismus und Chaos getrimmten Berichte lassen allzu oft spüren, dass in vielen Redaktionen hierzulande allzu wenig Kenntnis der italienischen Lebensart und ganz offensichtlich auch der Sprache – hierzulande immerhin Landessprache! – vorhanden ist. So informiert man sich dann eben hauptsächlich aus zweiter Hand über italienische Verhältnisse. Und trotzdem ist die Attraktivität des Belpaese ungebrochen! 50 Millionen Touristen brechen Jahr für Jahr über das Land herein, lassen sich an Riminis «Teutonengrill», in Apulien, Ligurien oder der Toskana nieder und bereisen zunehmend auch die unzähligen historischen Städte und Städtchen ausserhalb der Highlights Venedig, Florenz und Rom, bewundern die gegen 100000 Denkmäler und Museen, die vielfältigen Landschaften von Aosta bis Palermo – und erfreuen sich vor allem an der Lebensart eines Volkes, das trotz aller Schwierigkeiten mehr Lebensfreude und -qualität ausstrahlt als mancher bleiche Angestellte aus Düsseldorf oder Schwamendingen, der das doppelte Gehalt eines Durchschnittsitalieners mit Uni-Abschluss verdient.

Und wer tiefer in Kultur und Geschichte des Landes eintauchen möchte, etwa in die aufregende Zeit der Renaissance, der findet keinen reicheren Schatz als in Italien, dieser Wiege der Neuzeit. Ingesamt 53 Welterbestätten der Unesco befinden sich hier, mehr als in jedem anderen Land. Darunter nicht nur die vielen bekannten touristischen Highlights, sondern zum Beispiel auch von Fürsten erdachte und gebaute Idealstädte der Renaissance wie Sabbioneta bei Mantua oder Pienza südlich von Siena – seit Jahrhunderten intakte Juwelen des Städtebaus.

Faszinierend schön, das alles. Nein: oft auch unglaublich hässlich! Auf der Anfahrt zu einem «Centro storico» mit all seinen Sehenswürdigkeiten sind fast immer lange Wege durch hässliche Industrie- und Gewerbegebiete und vernachlässigte Vororte hindurch zu passieren. Bis man dann auf einem Platz, einer Barockfassade von fast überirdischer Schönheit steht. Dieser Widerspruch prägt das Italien-Erlebnis der Menschen seit eh und je. Schon Goethe beklagte sich in seiner «Italienischen Reise» ausgiebig über den lamentablen Zustand von Strassen und Pferdekutschen, über unsaubere Unterkünfte, Diebe und unverschämte Wirtsleute. Und wenn ihm danach war, gleich über alle Italiener, ganz besonders die Römer. Und wie lautet das Motto, das er schliesslich über sein Buch setzt? «Et in Arcadia ego» – auch ich (war) in Arkadien, dem Sehnsuchtsland aller Europäer diesseits der Alpen. Ist es vielleicht so, dass die Schönheit eines hässlichen, dunklen Hintergrunds bedarf, um sich uns in ihrer ganzen Pracht einzuprägen? Dem Lebensgefühl in diesem Land jedenfalls kann sich keiner entziehen. Die unnachahmliche Art, den Dingen den Anstrich nachlässiger Eleganz zu verleihen, im öffentlichen Auftritt «bella figura» zu machen, die grosse Geste, gerade auch dem Fremden gegenüber, ihm das Gefühl zu geben, er gehöre ab sofort zum engsten Freundeskreis – das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Man vergleiche diese Herzlichkeit radebrechenden Fremden gegenüber etwa mit dem schnöden Umgang, den man diesem auf Pariser Strassen angedeihen lässt.

Es sind denn auch nicht die gewöhnlichen Italien-Reisenden, welche sich im Miesmachen des Landes hervortun, sondern die professionellen Beobachter, die stets von Neuem zu berichten wissen, der Untergang Italiens stehe unmittelbar bevor. Das geht allerdings nicht zuletzt auf die Einflüsterungen von Italienern selbst zurück, die manchmal eine besondere Lust verspüren, ihre Situation Fremden gegenüber möglichst dramatisch darzustellen. Die es aber nicht schätzen, wenn man das düstere Bild einfach übernimmt und seinerseits noch mit weiteren Horrorelementen anreichert. Wer die Untergangsszenarien dann erst noch in den Medien verbreitet und den Fall Roms zum tausendsten Mal als unmittelbar bevorstehend voraussagt, der macht es sich zu einfach. Da kann man nur bitten: Hört doch mit dieser Miesmacherei Italiens auf! Es wird auch seine heutigen Miesmacher überleben.

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