Hitlers unbeugsamer Gegenspieler

Heute vor 50 Jahren ist Sir Winston Churchill gestorben, der 1940 in Englands dunkelster Stunde Premierminister wird und lange allein gegen Hitler steht. Vorher als Politiker hoch umstritten, wird er jetzt zum grossen Einiger.

Rolf App
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Mit der Zigarre im Feld: Winston Churchill im Juli 1944 in der Normandie mit den Generälen Montgomery (rechts vorne) und Symonds (links). (Bild: getty/Capt. E G Malindine)

Mit der Zigarre im Feld: Winston Churchill im Juli 1944 in der Normandie mit den Generälen Montgomery (rechts vorne) und Symonds (links). (Bild: getty/Capt. E G Malindine)

Vielleicht ist es der 28. Mai 1940, der alles entscheidet. Zwei Wochen zuvor hat Hitlerdeutschland zum Angriff auf Frankreich angesetzt, ein britisches Expeditionsheer gerät bei Dünkirchen in eine beinahe ausweglose Lage – bis die Nazis ihren Vormarsch überraschend stoppen. Im englischen Kabinett spitzen sich die Gegensätze zu. Premierminister Winston Churchill sieht sich unter starkem Druck, er möge via Mussolini Verhandlungen mit Hitler aufnehmen. Sein Kriegskabinett ist gespalten, «Winston redet den unglaublichsten Mist», beklagt sich Lord Halifax, der Aussenminister. Zusammen mit den Franzosen rät Halifax, England solle «vernünftig» sein. Doch Churchill widersetzt sich mit aller Macht. Zwischen zwei Sitzungen des Kriegskabinetts lässt er alle Minister zusammenrufen, sie hören ihm gebannt zu. Und bestärken ihn in der Meinung, es dürfe mit Hitler keine Verhandlungen geben.

Fast niemand will ihn

Fast niemand hat Churchill an der Spitze der Regierung gewollt. Der König nicht, Churchills Konservative nicht, die ihn fast zehn Jahre lang von allen Ämtern ausgeschlossen haben. Den Ausschlag hat Hitler gegeben, vor dem Churchill in seinen Reden seit Jahren mit ermüdender Inbrunst gewarnt hat. Hitlers Politik der Erpressung und der Eroberung lässt die Aktien des bereits 65-Jährigen plötzlich wieder steigen. Am 10. Mai um 18 Uhr hat er sein Ziel erreicht: Der König tut, was sich nicht weiter vermeiden lässt – er betraut den Unbeliebten mit der Bildung einer Regierung. Und der stürzt sich mit vollem Elan in die übermenschliche Aufgabe. Drei Jahre zuvor hat er zum deutschen Botschafter Joachim von Ribbentrop gesagt: «Sie dürfen England nicht unterschätzen. Es ist ein seltsames Land, und nur wenige Fremde können seinen Charakter verstehen. Wenn einmal ein grosses Problem sich dem ganzen Volke stellt, dann könnte das britische Volk zu ganz unerwarteten Taten finden.» Genau dies geschieht jetzt. Und so gedenkt dieses Volk denn auch seiner, als Winston Churchill am 24. Januar 1965 stirbt – heute vor genau 50 Jahren. 112 Nationen schicken ihre Repräsentanten zum Begräbnis, wie in Trauer senken die Hafenarbeiter die Ausleger ihrer Kräne, als ein Schiff den Sarg übernimmt.

«Vieles an diesem Mann war zwingend», beschreibt der Journalist Thomas Kielinger Churchill in einer neuen Biographie: «Sein Vorwärtsdrang, sein Mut, der Schwung seiner Rede. Doch wäre er im Alter von 65 Jahren gestorben, hätte sein Land ihn als einen Gescheiterten der britischen Politik angesehen, ähnlich seinem Vater.» Denn «ausser im Kreise seiner engsten Freunde war er nie populär. Die Aussenwelt tat ihn mit zwei Attributen ab: hochbegabt, aber unzuverlässig.»

Der wortgewaltige Exzentriker

So ganz unrecht hatte diese Aussenwelt nicht. Schon in jungen Jahren kommt Churchill ins Unterhaus und wird Minister. Seine Bücher haben ihn berühmt und reich gemacht. Der passionierte Draufgänger hat sich auf die britischen Kriegsschauplätze in Sudan und in Südafrika begeben und über sie ausserordentlich farbig für die englischen Zeitungen berichtet. In Südafrika wird er von den Buren verhaftet und kann auf abenteuerliche Weise fliehen. Als Held kehrt er danach in die Heimat zurück. Churchill ist ein wortgewaltiger Exzentriker, seine Landsleute lieben das. Doch die Politiker hassen ihn. Schon in seiner zweiten Debatte geht Churchill den Verteidigungsminister der eigenen Partei frontal an. Er kennt keine Rücksichten, und er kennt kein Ruhen. Seine Bücher diktiert er, die Reden lernt er auswendig – da muss jede Formulierung sitzen. Aber viele Freunde schafft Winston Churchill sich auf diese Weise nicht – zumal er überdies zweimal die Partei wechselt. Immerhin: Er hat eine kluge Frau an seiner Seite (siehe unten) – deren Rat er aber eher selten befolgt.

Churchill will Hitler treffen

Hitler und Churchill haben sich nie kennengelernt, aber zweimal sind sie sich nahegekommen. Im Ersten Weltkrieg meldet Churchill sich an die Front, nachdem er als Marineminister hat zurücktreten müssen. Drei Kilometer entfernt liegt auf der andern Seite der Gefreite Hitler als Meldegänger des 16. Bayerischen Infanterieregiments. Konkreter wird es im August 1932, Churchill ist eine Woche in München. Der für die Auslandpresse verantwortliche Hitler-Getreue Putzi Hanfstaengl organisiert ein Treffen, doch im Vorgespräch äussert Churchill sich kritisch über Hitlers Antisemitismus.

Hitler, dem dies zugetragen wird, verliert die Lust und hat urplötzlich keine Zeit. «Er brachte tausend Einwände vor», erzählt Hanfstaengl in seinen Erinnerungen, «wie immer, wenn ihm die Begegnung mit einer profilierten Persönlichkeit bevorstand, der er sich nicht gewachsen fühlte. In solchen Fällen wurde der unsichere Kleinbürger in ihm spürbar, der Mann, der seiner selbst nur sicher war, wenn es galt, eine tausendköpfige Menge in seinen Bann zu ziehen.» So bleibt es bei der Begegnung fünf Jahre später mit Ribbentrop. «Wenn Sie uns alle in einen neuen Weltkrieg stürzen, wird England die ganze Welt gegen Deutschland einigen, so wie das letzte Mal», verspricht Churchill da.

Und hält Wort, als er an die Regierung kommt. Sogar mit dem verhassten sowjetischen Diktator Stalin findet er sich zurecht. Obwohl Churchill auch im Kreml kein Blatt vor den Mund nimmt. Einmal hat er sogar einen veritablen Wutausbruch, bei dem der Übersetzer nicht mehr mitkommt. Stalin aber sagt: «Ich verstehe nicht, was Sie da sagen, aber weiss Gott – ich mag, wie Sie es sagen.»

«Sind wir Bestien»

Churchill ist der rechte Mann zur rechten Zeit, auch wenn er in seinem ungestümen Tatendrang und seiner Hitzigkeit auch manche Fehlentscheidung fällt. Oder im Urteil schwankt. Als er die Bilder zerstörter deutscher Städte sieht, fragt er: «Sind wir Bestien? Gehen wir nicht zu weit?» Die Militärs sind konsterniert, immerhin hat er ihre Bombenkampagne über Jahre unterstützt.

«No sports» – eine Legende

Natürlich ist es wichtig, den Staatsapparat so genau zu kennen, wie Churchill dies nach seinen diversen Ministerämtern tut. Auch mit den Generälen verkehrt er auf Augenhöhe und redet im Strategischen kompetent mit. Aber letztlich sind es doch die Reden, die seinen Erfolg begründen. Mit ihnen schart er das Volk hinter sich.

Doch schliesslich ist da noch seine körperliche Robustheit. Fünf Jahre lang hält Churchill eine Arbeitswoche von 90 Stunden durch und überlebt in dieser Zeit Herzanfälle und eine schwere Lungenentzündung. So etwas «hätte einen Jüngeren aus dem Gleis geworfen», zieht Thomas Kielinger Bilanz, macht aber auch darauf aufmerksam, dass Churchill nicht so unsportlich war, wie er oft tat («No sports» war eines seiner Lieblingszitate). Er war ein passionierter Reiter und schwamm gern. Der Lebemann war auch ein sportlicher Mensch.

Thomas Kielinger: Winston Churchill. Der späte Held, C. H. Beck 2014