Hitlers gerettete Geiseln

In der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs in Europa kommt es in Österreich zu mancher gefährlichen Situation. Zum Beispiel rund um Schloss Itter im Tirol, wo führende französische Politiker und Militärs festgehalten werden.

Rolf App
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Noch einmal davongekommen: Paul Reynaud, Marie-Renée-Joséphine Weygand, Maurice Gamelin, Édouard Daladier und Maxime Weygand posieren in Innsbruck mit Generalmajor Anthony McAuliffe (2. v. l.), der Befehl gegeben hat, die französischen Häftlinge möglichst rasch in Sicherheit zu bringen. (Bild: Zsolnay-Verlag)

Noch einmal davongekommen: Paul Reynaud, Marie-Renée-Joséphine Weygand, Maurice Gamelin, Édouard Daladier und Maxime Weygand posieren in Innsbruck mit Generalmajor Anthony McAuliffe (2. v. l.), der Befehl gegeben hat, die französischen Häftlinge möglichst rasch in Sicherheit zu bringen. (Bild: Zsolnay-Verlag)

Am Ende wird es knapp. Sehr knapp sogar. Oben im Schloss Itter geht den Verteidigern langsam die Munition aus. Der einzige Panzer, den sie haben, ist ausser Gefecht gesetzt. Unten rücken auf zwei verschiedenen Routen die Amerikaner heran, werden aber immer wieder von den versprengten SS-Einheiten beschossen. So steht an diesem 5. Mai 1945 das Schicksal der Franzosen im Schloss auf Messers Schneide. Unter ihnen: Die Vorkriegspremiers Édouard Daladier und Paul Reynaud, weiter Maxime Weygand und Maurice Gamelin, ehemals die höchsten Militärs ihres Landes. Und Jean Borotra, Tennisstar mit rechtsextremen Neigungen.

Borotra ist es auch, der leichtfüssig und verkleidet als Bauer den einen Trupp der Amerikaner zu Hilfe geholt hat. Ihren Anteil am Gelingen haben auch Andreas Krobot, der Koch, und Zvonimir Cuckovic, der Elektriker. Beide machen sich auf den Weg in Richtung Innsbruck.

Es ist eine wilde Episode, die sich im Grenzbereich zwischen Bayern und Tirol in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs abspielt. Und die der amerikanische Militärhistoriker Stephen Harding in einem kenntnisreichen und spannenden Buch aufarbeitet.

Ein Spezialgefängnis entsteht

Schon kurz nach dem Sieg über Frankreich ist auf Hitlers Geheiss die politische und militärische Elite des Gegners verhaftet worden. Die Marionettenregierung in Vichy will ihr den Prozess machen. Doch Édouard Daladier und Léon Blum, ein weiterer ehemaliger Premierminister, verteidigen sich derart geschickt, dass das Verfahren zur Blamage auszuarten droht.

1942 landen Briten und Amerikaner in Nordafrika, jetzt annektieren die Deutschen auch den Süden Frankreichs und deportieren Politiker, Gewerkschaftsführer und Militärs in ihre eigenen Konzentrationslager. Dann schaffen sie auf dem abgelegenen Schloss Itter ein Spezialgefängnis. Und berufen einen Mann zum Leiter, der sich bisher durch besondere Grausamkeit ausgezeichnet hat. Doch Sebastian Wimmer bewegt sich auf Samtpfoten, weil er dazu angehalten ist.

Denn vielleicht taugen die Franzosen mal als Faustpfand. Zu trauen ist dem Trunkenbold trotzdem nicht, als in der Schlussphase des Kriegs die Amerikaner von München via Rosenheim und Kufstein – und parallel dazu über Innsbruck vorstossen.

Nachrücken verzögert sich

Doch Wimmer macht sich rechtzeitig aus dem Staub, und zu Verteidigern der Franzosen werden Leute, denen man das kaum zugetraut hätte. Wehrmachtsmajor Josef Gangl etwa, der im Gefecht mit der SS sein Leben lässt, und SS-Hauptsturmführer Kurt-Siegfried Schrader. Sie tun sich mit den kühn vorrückenden US–Panzersoldaten um Jack Lee zusammen. Doch weil sich das Nachrücken der anderen Amerikaner verzögert, wäre es beinahe schief gegangen. Aber nur beinahe.

Stephen Harding: Die letzte Schlacht. Als Wehrmacht und GIs gegen die SS kämpften, Zsolnay 2015, 314 S., Fr. 35.90

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