Hisbollah bestreitet Angriff

Katjuscha-Raketen von Südlibanon aus auf Nordisrael geschossen, doch Israel befürchtet keine zweite Front. Die Gefechte im Gaza-Streifen dauern an. Die Regierung Olmert ist uneinig über eine dritte Phase der Offensive.

Michael Wrase Susanne Knaul
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Aus Rafah weg: Eine Palästinenserin verlässt das durch einen Angriff Israels verwüstete Flüchtlingslager.

Aus Rafah weg: Eine Palästinenserin verlässt das durch einen Angriff Israels verwüstete Flüchtlingslager.

Limassol/Jerusalem. Hassan Nasrallah war natürlich sofort der Hauptverdächtige. Der Führer der schiitischen Hisbollah hatte erst in der Nacht auf gestern «die Bereitschaft unserer Liebsten zu neuen Opfern» lautstark bekräftigt. «Alles ist möglich», rief er den 70 000 Anhängern im Südbeiruter Stadtteil Haret Hreik zu.

Wenig später erklärte er dann, worum es der Hisbollah wirklich geht: «Wir wollen keine neue Front, sondern nur die Öffnung des (von Ägypten geschlossenen) Grenzübergangs in Rafah im Süden des Gaza-Streifens.»

Dass gut zwölf Stunden nach Nasrallahs Rede vier Katjuscha-Raketen aus Südlibanon nach Nordisrael abgefeuert wurden, mag Zufall gewesen sein – oder eben auch nicht. Beobachter in Beirut sind sich jedoch einig, dass Hisbollah-Kämpfer «mit Sicherheit nicht die Absender waren».

Palästinenser als Angreifer?

Bei den Angreifern dürfte es sich um palästinensische Extremisten handeln, die in Flüchtlingslagern unweit der israelischen Grenze leben. Die Stimmung sei dort «am Überkochen», berichten Korrespondenten libanesischer TV-Sender. Alles drehe sich um die Frage, wie man den von Israel bombardierten Landsleuten in Gaza helfen könne.

Auch in Israel, wo die Regierung überraschend gelassen auf den Katjuscha-Beschuss reagierte, wird vermutet, eine palästinensische Gruppe sei für den Angriff verantwortlich. Auch die veralteten Raketenmodelle deuteten darauf hin, dass nicht die Hisbollah hinter der Beschiessung stehe. Die Hisbollah hat gestern denn auch rasch bestritten, mit dem Angriff etwas zu tun zu haben.

Bereits am ersten Weihnachtstag hatte die libanesische Armee einen von Palästinensern vorbereiteten Raketenangriff auf Nord-israel verhindert und acht mit Zeitzündern versehene Katjuschas noch rechtzeitig entschärfen können. «Der Hinweis», so heisst es in Beirut, sei damals von der Hisbollah-Miliz gekommen, die nun aber gestern «vielleicht ihre Augen zugedrückt haben könnte».

Hisbollah will Ruhe

An einer neuerlichen Eskalation seien die Kämpfer Nasrallahs jedenfalls nicht interessiert. Hisbollah spiele gegenwärtig «ihre politischen Karten» aus und habe trotz der oft martialischen Rhetorik ihres Führers Nasrallah zu «absoluter Zurückhaltung» aufgerufen, betonte Michael Young, Chefkommentator des angesehenen Beiruter «Daily Star».

Gründe dafür gibt es viele. Am 7. Juni finden in Libanon Parlamentswahlen statt. Beobachter erwarten, dass die Hisbollah zusammen mit ihren Verbündeten diese gewinnt. Voraussetzung dafür ist allerdings «relative Ruhe» in Libanon.

Kein Ende der Kämpfe in Gaza

Im Gaza-Streifen dauern die Gefechte dagegen trotz intensiver diplomatischer Anstrengungen unverändert an. In der Nähe des Kissufim-Grenzübergangs etwa in der Mitte des Streifens griffen palästinensische Kämpfer die Soldaten mit einer Anti-Panzer-Rakete an und töteten dabei einen israelischen Offizier. In der Mittwochnacht hatte Israels Armee vor allem Tunnelanlagen für den Waffenschmuggel an der Grenze zu Ägypten bombardiert.

Das israelische Sicherheitskabinett soll noch diese Woche über eine Ausweitung der Bodenoffensive entscheiden. Laut einem Bericht der «Stimme Israels» drängt Aussenministerin Livni auf eine schnelle Beendigung des Krieges. Verteidigungsminister Barack dagegen sagte laut «Yediot Ahronot»: «Wir haben unsere Ziele noch nicht erreicht.» Premier Olmert soll angeblich für die Intensivierung der Offensive sein.