Hinrichtungswelle in Saudi-Arabien

Laut Amnesty International sind seit Jahresbeginn bis Ende Oktober in Saudi-Arabien bereits 151 Todesurteile vollstreckt worden. Das ist die höchste Zahl seit zwei Jahrzehnten, und im Vergleich mit dem ganzen Vorjahr sind es bereits 68 Prozent mehr Hinrichtungen.

Walter Brehm
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Hochkonjunktur für den Scharfrichter. Das bisherige Rekordjahr für Hinrichtungen in Saudi-Arabien war 1995. Damals waren es 105 zum Tode Verurteilte, die hingerichtet worden waren. Im vergangenen Jahr waren es 90 Exekutionen und in diesem Jahr nun ein Anstieg um 68 Prozent auf 151 Hinrichtungen bereits Ende Oktober.

Vom Wahhabismus diktiert

«Hinrichtungen sind immer abscheulich», schreibt Amnesty International in ihrem Bericht. Besonders beunruhigend sei jedoch, im welchem Masse Saudi-Arabien die Menschenrechte missachte und Menschen nach oft unfairen und politisch motivierten Prozessen exekutiere, schreibt die Menschenrechtsorganisation weiter.

Im erzkonservativen Königreich werden Vergewaltigung, Mord, Abkehr vom Islam, Drogenhandel und Ehebruch (von Frauen) mit der Todesstrafe geahndet – immer gemäss der rigorosen wahhabitischen Auslegung der Sharia. Diese islamische Sekte prägt inzwischen nicht nur das Bild des Islam weltweit. Der Strafkatalog Saudi-Arabiens fällt zudem durch eine fatale Nähe zu jenem des «Islamischen Staats» (IS) auf (siehe Grafik). Das Königreich steht zwar regelmässig in der internationalen Kritik. Die ideologische Nähe zu den Jihadisten wird kaum erwähnt. Dies nicht zuletzt, weil Saudi-Arabien zur internationalen Koalition gegen den IS gehört. Vor allem aber, weil die Öl-Monarchie dem Westen nach wie vor als unverzichtbarer Energielieferant und als guter Kunde milliardenschwerer Rüstungsgeschäfte gilt.

Westliche Kumpanei

Diese geschäftlich motivierte Kumpanei mit dem Hause Saud stellt westliche Politik im doppelten Sinne in Frage. Zum einen wird die Rede von den global gültigen Menschenrechten – eines der Hauptargumente im Kampf gegen islamistische Extremisten – vor allem auch in der arabischen Welt zunehmend unglaubwürdig. Zum anderen ignorieren die gleichen Politiker, die nicht müde werden, vor der Radikalisierung des Islams zu warnen, darüber hinweg, dass sich alle salafistischen Strömungen im Westen auf die wahhabitische Theologie stützen, die in Saudi-Arabien Staatsreligion ist. Das zeigt sich auch in Urteilen gegen Angehörige der religiösen Minderheit in Saudi-Arabien. Deren schiitischer Geistliche Nimr al-Nimr wurde zusammen mit zwei minderjährigen Schiiten wegen Protesten gegen das sunnitische Königshaus zum Tode verurteilt.

Rassistische Justiz

Neben dieser fatalen geistigen Nachbarschaft hat das Saudi-Arabische Justizsystem auch einen rassistischen Drall, der allzu oft übersehen wird.

Im Königreich werden unverhältnismässig oft Ausländer hingerichtet. Zumeist sind es Migranten oder Gastarbeiter aus islamischen Entwicklungsländern. «Diese sind dem rigiden Justizsystem und der erschreckend willkürlichen Anwendung der Todesstrafe besonders schutzlos ausgeliefert, weil sie häufig nicht genügend Arabisch sprechen und das Prozessgeschehen zumeist nicht oder ungenügend übersetzt wird», schreibt Amnesty.