Hindu-Nationalisten betreiben einen Kulturkampf

BANGKOK.

Willi Germund
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BANGKOK. Mal macht sich ein indischer Verlag angesichts von Drohungen Sorgen um die Sicherheit von Mitarbeitern, mal wird Angst vor Gewalt gegen Autoren vorgebracht: Seit im Mai Narendra Modi von der hindunationalistischen «Bharatiya Janata Party» zum Premierminister gekürt wurde, ziehen Verlage aus Angst vor Ärger zunehmend Bücher aus dem Verkehr. «Sie fallen um wie Kegel», moniert Urvachi Butali vom Verlag Zubann Books. «Dina Nath Batra braucht nur <Buh> zu sagen.» Der 84jährige Lehrer leitet die Gruppe «Shiksha Bachao Andolan Samiti», die seit Ende des letzten Jahrhunderts im Auftrag des hindu-nationalistischen «Reichsfreiwilligenkorps» (RSS) und der dem Bund nahestehenden Regierungspartei BJP Bücher nach Verstössen gegen ihre Ideologie durchforstet. Die «Batra-Brigade» lässt fast nichts unversucht, um ihre Weltsicht durchzusetzen.

«Gefährlicher Präzedenzfall»

Eingeknickt ist auch der indische Penguin-Verlag, der nach Übernahme durch den Bertelsmann-Konzern im Frühjahr das Werk «The Hindus: An Alternative History» von Wendy Doniger aus dem Programm gestrichen und die übriggebliebenen Exemplare eingestampft hatte. Die «Batra-Brigade» war schon vor Jahren wegen des Buchs der US-Autorin vor Gericht gezogen. Sie klagte wegen Verunglimpfung des Hinduismus. Die Autorin hatte – wissenschaftlich korrekt – ein Zitat wiedergegeben, wonach eine Hindu-Gottheit im Land der heiligen Kühe Rindfleisch verzehrt hatte.

«Der Entscheid hatte wahrscheinlich mehr mit der Fusion von Bertelsmann und Penguin und der Notwendigkeit zu tun, juristische Probleme aus dem Weg zu räumen», schreibt Verlegerin Urvachi Butali in der Zeitung «Indian Express», «aber es wurde ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Wenn ein Verlag von der Grösse von Penguin kapituliert, wie sollen sich dann kleinere, unabhängige Verlage wehren?»

Vorauseilende Zensur

Beim Buch von Doniger musste die «Batra-Brigade» noch vor Gericht ziehen, um es loszuwerden. Inzwischen reichen Warnungen. Die indische Sozialwissenschafterin Megha Kumar musste erleben, dass ihr Verlag Orient BlackSwan ihre wissenschaftliche Studie «Communalism and Sexual Violence: Ahmedabad since 1969» aus den Regalen holte. Diese beschäftigt sich auch mit dem Pogrom an rund 2000 Moslems im Jahr 2002, als Indiens neuer Regierungschef Modi in Ahmedabad noch als Ministerpräsident des Bundesstaats Gujarat amtierte. «Rechtsgerichtete Hindu-Gruppen verlangen bislang nicht einmal eine Revision meiner wissenschaftlichen Untersuchung», erklärte die Sozialwissenschafterin voll Zorn, «der Verlag scheint vielmehr freiwillig die politische Manipulation von seriöser wissenschaftlicher Arbeit erlauben zu wollen.» Tatsächlich hatte die «Batra-Brigade» nur ein seit zehn Jahren benutztes Schulbuch des Verlags beanstandet.

Schulen im Visier

Schon während der ersten Regierungszeit der indischen Hindu-Nationalisten unter Atal Bihari Vajpayee von 1998 bis 2004 versuchten die Organisationen der Bewegung, Geschichts- und Schulbücher umzuschreiben. Seit Narendra Modis Wahlsieg wird nun auf eine zweigleisige Strategie gesetzt.

Hindu-nationalistische Anhänger provozieren einerseits beispielsweise gewalttätige Konflikte mit der moslemischen Minderheit im Bundesstaat Maharashtra, um dort im Oktober die Regionalwahlen zu gewinnen. Anderseits versucht die «Batra-Brigade» gleichzeitig, indischen Kindern die hindu- nationalistische Sicht der Welt nahezubringen. In den 42 000 Schulen des BJP-regierten Bundesstaats Gujarat gelten jetzt neun Bücher des greisen Tugendwächters und Kulturkämpfers Batra als Pflichtlektüre.

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