Hindu-Fanatiker schürt in Indien Angst vor Moslems

DELHI. Sachchidanand Hari Sakshi Maharaj kleidet sich wie jeder ordentliche indische Guru in leuchtendes Orange.

Willi Germund
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DELHI. Sachchidanand Hari Sakshi Maharaj kleidet sich wie jeder ordentliche indische Guru in leuchtendes Orange. Als Parlamentarier der hindu-nationalistischen «Bharitya Janata Party» (BJP) von Premierminister Narendra Modi und als Mitglied des militanten hindu-nationalistischen «Reichsfreiwilligenkorps» (RSS) liegt dem Mann die Zukunft der Hindus besonders am Herzen.

Anfang dieses Jahres machte er Furore, als er hinduistische Frauen aufforderte, mindestens vier Kinder zu gebären. Der Guru fürchtet, dass Moslems, die mehr Kinder haben, Indiens Hindus bald in eine Minderheit verwandeln. Sakshi Maharaj selbst versuchte laut mehreren Strafanzeigen, mittels Vergewaltigung seinen persönlichen Teil dagegen zu tun.

Erstmals unter 80 Prozent

Jetzt bestätigen neue Zahlen über den Glauben der knapp 1,3 Milliarden Inder die bizarren Befürchtungen des Mannes. Bereits in 220 Jahren wird man in Indien demnach mehr Moslems als Hindus zählen. Laut den im Jahr 2011 erhobenen und jetzt erst veröffentlichten Zahlen weist Indien erstmals in seiner Geschichte der Volkszählungen mit 79,8 Prozent weniger als 80 Prozent Hindus aus. Nach der Gründung Indiens im Jahr 1947 waren es noch über 84 Prozent.

Gleichzeitig stieg der moslemische Bevölkerungsanteil auf 14,2 Prozent. Im Jahr 2011 waren das rund 172 Millionen Inder. Keine andere Religionsgruppe in Indien wurde grösser. Allerdings sinkt auch in keiner Bevölkerungsgruppe die Geburtenrate schneller als bei Moslems.

Bald mehr Einwohner als China

Vor allem aber wuchs die moslemische Bevölkerung in den Bundesstaaten im Norden des Landes, die im Volksmund als «Kuhgürtel» verschrieen sind. In Elendsregionen wie Bihar und Uttar Pradesh sind die Hindu-Nationalisten politisch besonders stark und treiben besonders gerne den Popanz vom moslemischen Buhmann durch Dorfgassen. Schliesslich muss Narendra Modis BJP in ein paar Wochen in Bihar Regionalwahlen gewinnen.

Dabei nimmt in Nordindien nicht nur die moslemische Bevölkerung zu. Im «Kuhgürtel» grassiert im Unterschied zu südlichen Bundesstaaten wie Kerala die Armut – und deshalb erlebt dort die Welt eine «Dauerbevölkerungsexplosion» mit furchteinflössenden Ausmassen. Laut neuesten Zahlen der Vereinten Nationen überflügelt Indien bereits schon im Jahr 2022 China, das bislang bevölkerungsreichste Land der Welt. Zusammen werden China und Indien dann 40 Prozent der Weltbevölkerung stellen.

Am Ende der «gelben Gefahr»

Inder wie der hinduistische Hassprediger Sakshi Maharaj dürften spätestens dann merken, dass ihre Messlatte nicht besonders klug gewählt war. Während der Guru seine Hindus mit der Geburtenrate der Moslems und seiner Paranoia verschreckt, besinnt die Welt sich dann vielleicht auf den Deutschen Stefan von Kotze. Der Name des Schulkameraden des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck (1871 bis 1890) ist kein schlechter Witz. Der fiese Begriff von der «gelben Gefahr» aus Asien, den der Reiseschriftsteller prägte, erst recht nicht. Aber in Zeiten, in denen manche Europäer in jedem Kriegsflüchtling eine Bedrohung wähnen, könnte die Welt sich bereits in sieben Jahren von einer «Hindu-Gefahr» bedroht fühlen.